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Mit der Harley auf den Hügel: So rockt Wagner-Tenor Bayreuth | BR24

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Die Bayreuther Festspiele fallen zwar aus, aber er singt trotzdem: Klaus Florian Vogt ist open air und im Live-Stream zu erleben. Der begeisterte Hobby-Pilot, Motorrad-Fan und Camper fragt sich, wann im Theater je wieder Normalität herrschen soll.

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Mit der Harley auf den Hügel: So rockt Wagner-Tenor Bayreuth

Die Bayreuther Festspiele fallen zwar aus, aber er singt trotzdem: Klaus Florian Vogt ist open air und im Live-Stream zu erleben. Der begeisterte Hobby-Pilot, Motorrad-Fan und Camper fragt sich, wann im Theater je wieder Normalität herrschen soll.

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Er fährt ganz gemütlich mit seiner Harley vor, streift den Helm ab, schüttelt seine blonde Mähne und macht es sich auf einer schattigen Bank im Bayreuther Festspielpark bequem. Tenor Klaus Florian Vogt gehört seit vierzehn Jahren zu den umjubelten Sängern der Festspiele, wurde vor allem als "Lohengrin" beklatscht und wäre in diesem Sommer der wissbegierige und schwer verliebte Ritter Walther von Stolzing in den "Meistersingern von Nürnberg" gewesen: "Ich weiß nicht, ob ich ohne Wagner überhaupt Sänger geworden wäre", sagt der gelernte Hornist. "Es könnte sein, dass es mich dann gar nicht so gepackt hätte. Insofern ist meine Verbindung zu dieser Musik und zu diesem Ort hier sehr stark, das muss ich schon sagen."

Er fliegt mal schnell für Kollegen

Die einen Sänger kommen einmal und nie wieder nach Bayreuth, andere sagen gleich ab, und wieder andere, wie Klaus Florian Vogt, genießen hier jeden Sommer so intensiv, als ob dazwischen gar keine andere Saison mehr stattfindet. Gern reist der Tenor mit dem Wohnmobil an, er ist leidenschaftlicher Camper - oder landet mit der eigenen Maschinen auf dem örtlichen Flugfeld. Und wenn Kollegen zwischendurch mal eine Runde am Himmel drehen wollen, sagt Vogt garantiert nicht nein: "Ja, das kommt schon ab und zu vor, und das mache ich auch unheimlich gerne, weil ich am liebsten mit jemandem zusammen fliege statt immer allein, und dann auch die Gegend zeige. Manchmal muss auch schnell mal ein Kollege irgendwo hin, und das mache ich sehr gerne, das macht Spaß, und dann bekommen solche Flüge ja auch noch einen weiteren Sinn statt das reine Vergnügen."

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Festspielhaus Bayreuth

So hat der Tenor schon "Taxiflüge" von Bayreuth nach Minden in Westfalen oder Karlsruhe absolviert, wenn ein Kollege am nächsten Morgen dringend zur Probe musste. Und die Parkgebühren, die seien für ein Kleinflugzeug sogar günstiger als für ein Auto in der Flughafen-Garage.

Erstaunt, erschrocken und frustriert

Könnte also alles prima sein, wenn die Festspiele in diesem Sommer nicht abgesagt worden wären, was Klaus Florian Vogt wie übrigens auch viele weitere Bayreuther Künstler nicht so recht verstehen - zumal in Salzburg 1000 Zuschauer in den Saal gelassen werden: "Dass das nicht möglich sein soll, das will mir nicht so ganz einleuchten, ehrlich gesagt", klagt Vogt über die nicht stattfindende Saison in Bayreuth. "Und ich bin auch einigermaßen erstaunt und erschrocken und frustriert darüber, wie handstreichartig die ganze Theaterlandschaft, die Theaterkultur, die wir haben, und die einmalig ist auf der ganzen Welt, wie die im Handstreich einfach weg gewischt wird."

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Nicht auf Blumen gebettet: Wagner-Tenor

Der Tenor wird am üblichen Eröffnungstag der Bayreuther Festspiele, dem 25. Juli, also am morgigen Samstag, immerhin in der Villa Wahnfried, dem ehemaligen Familiensitz der Wagners, Auszüge aus den "Meistersingern von Nürnberg" singen, ohne Publikum im Saal, nur für die rund 400 Zuschauer draußen, die vor einer Großbildleinwand sitzen und für die BR Klassik-Hörer, die live dabei sein werden. Am 1. und 2. August ist Vogt als Lohengrin, in seiner Parade-Rolle, open air zu erleben, in der Bayreuther Wilhelminenaue.

Ist mehr möglich, wo "viel Geld" im Spiel ist?

Ob er nächstes Jahr wieder im Festspielhaus auftritt? Er selbst ist skeptisch: "Wie soll das vonstatten gehen, dass das überhaupt je wieder in eine normale Richtung gehen kann? Mir scheint, da, wo sehr viel Geld im Spiel ist, da ist sehr wohl was möglich. Warum kann nicht getestet werden, dass wir zusammen auf der Bühne stehen können? Warum kann ein Orchester nicht genauso getestet werden wie eine Fußball-Mannschaft, das verstehe ich nicht so ganz."

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Verwaist: Festspielhaus Bayreuth

Auch der knorrige, inzwischen 81-jährige Übergangs-Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, Heinz-Dieter Sense, ist ähnlich ratlos. Er glaubt zum Beispiel nicht, dass sich durch eine etwaige Impfung für die Theater viel ändert. Eher sei es wichtig, ein Medikament gegen Covid-19 zu finden: "Im Gegensatz zu vielen anderen sage ich, wir werden mit Corona leben müssen und werden Lösungen finden müssen, die aber nicht im Festspielhaus oder bei den Besuchern zu suchen sind, sondern mehr in der Gesundheitsfürsorge liegen. Sonst könnte man den Betrieb einstellen. Nach den heute geltenden Kriterien könnte man den Betrieb einstellen, dann bräuchten sie auch keine Sanierung."

Wagner-Sause vom Dach bis in den Keller

Insofern steht noch keineswegs fest, ob und wie die Festspiele nächstes Jahr stattfinden. Der Andrang hat sowieso stark nachgelassen, aber voll wird der Saal im Fall des Falles nach wie vor. Immerhin, ab kommenden Dienstag planen die Festspiele im Netz eine Wagner-Sause, bei der das ganze Festspielhaus inszeniert werden soll. Der vielfach ausgezeichnete dänische Komponist und Regisseur Simon Steen-Andersen zeigt in seinem "Loop of the Nibelung" einen so schrägen wie kunstbeflissenen Gang vom Dachgestühl bis in den Keller. Die Video-Arbeit ist ab dem 28. Juli im Streaming-Angebot auf BR Klassik und der Festspiele zu sehen. Trösten können solche digitalen Alternativ-Angebote Tenor Vogt nicht wirklich: "Diese Streaming-Geschichten, die sind ja schön und gut, alles ganz nett, aber die können das, was eigentlich die Kultur der Oper ausmacht, überhaupt nicht ersetzen. Am ehesten noch für die Ausübenden ersetzen, aber doch nicht für das Publikum! Das lebt doch vom Live-Erlebnis, von den Emotionen, dem emotional berührt werden, von der Atmosphäre im Konzertsaal."

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Heinz-Dieter Sense, Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele

Demnächst wird sich Klaus Florian Vogt wohl wieder in seine Propellermaschine setzen und irgendwo hinfliegen - das ist derzeit wohl eine doppelt gute Idee für einen Wagner-Sänger wie ihn, denn da oben, da denkt er weder an Lohengrin, noch an die Villa Wahnfried: "Das ist eine Konzentration auf eine völlig andere Sache, und deshalb vergisst man wirklich das restliche Drumherum. Sobald man abgehoben hat, das ist schon so, dann bleiben die Sorgen und alles andere am Boden und man ist nur noch mit der Luft und der Umgebung und dem Flugzeug verbunden, und das ist einfach wunderschön."

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