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Mit "Chromatica" bringt Lady Gaga sich und uns wieder zum Tanzen | BR24

© Audio: BR / Bild: Evan Agostini/AP Invision

Die Depression und selbstzerstörerischen Gedanken lässt sich Lady Gaga mit Four To The Floor Beats aus den Gliedern schütteln.

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Mit "Chromatica" bringt Lady Gaga sich und uns wieder zum Tanzen

Nach Ausflügen in Jazz, Country und Songwriter-Pop und über 150 Millionen verkauften Platten kehrt Lady Gaga zurück auf die Tanzfläche. Ihr neues Album "Chromatica" wirbt für radikale Akzeptanz und hat ihr dabei geholfen, einiges zu verarbeiten.

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Von
  • Vanessa Schneider

"My name isn't Alice, but I'll keep looking for Wonderland": Ihr Name ist zwar nicht Alice, singt Lady Gaga im ersten Stück ("Alice") von "Chromatica", aber ihre Suche nach dem Wunderland geht weiter. Sie führt sie zurück in die Clubs, dahin wo für Stefani Joanne Angelina Germanotta 2008 alles angefangen hat. Inzwischen haben andere die Tanzflächen der Welt fest im Griff. Lady Gaga sitzt seit Jahren am Rand des Geschehens: Nach ihrem letzten Dance-Album "Artpop" 2013 scheint es, als hätte Lady Gaga den Mainstream-Pop soweit dekonstruiert, dass selbst sie keine Freude mehr daran hat, die Versatzstücke wieder zusammenzusetzen. Stattdessen: Sie legt die monströsen Kostüme und verzerrenden Stimmfilter ab, trifft sich mit Jazzsänger Tony Bennett in eleganten Bars, steigt in den Kneipen von New York ab, um ihre traurige Familiengeschichte mit Gitarre zu besingen und landet nach ein paar Gläsern Whiskey am Lagerfeuer mit Schauspiel-Kollege Bradley Cooper. Die Clubtür aber bleibt geschlossen. Und damit auch der nächtliche Maskenball und das Spektakel um Aufmerksamkeit, das Lady Gaga so gut beherrscht, wie keine ihrer Zeitgenossinnen.

Von Alkoholproblemen und Monstern im Kopf

Mit "Chromatica", einem Dance Musical in drei Akten, eröffnet Lady Gaga jetzt wieder die Tanzfläche: Mit ihrem hyperartifiziellen Pop verschrieb sich Lady Gaga auf ihrem Debütalbum "Fame" selbst dem Ruhm und legte mit Hits wie "Paparazzi" und "Applause" das grausame Starsystem bloß. Eine Dekade später wirken diese Stücke wie eine selbst erfüllenden Prophezeiung: die Lyrics zu "Chromatica" spiegeln das Gefühl gefangen zu sein, den Wunsch auszubrechen und sich zu betäuben. Sie sei in einer düsteren Phase gewesen, als das Album entstand, erzählt Lady Gaga im ARD-Interview: "Es fiel mir schwer ins Studio zu gehen, ich dachte nicht, das ich es schaffe. Ich dachte ich wäre innerlich zu zerbrochen und depressiv. Als ich dann aber Songs mit meinen Freunden geschrieben habe und sie mir danach noch mal angehört habe: Da war ich glücklich."

In den doppeldeutigen und zum Teil surrealen Lyrics setzt sie ihre Alkoholprobleme mit einer ungesunden Beziehung gleich ("Rain On Me") und schildert in unwiderstehlichen Refrains die Monster in ihrem Kopf, die sie selbst unentwegt terrorisieren ("Fun Tonight"). Lady Gaga inszeniert sich auf "Chromatica" als eine Art futuristische Alice im Wunderland, die mit Hilfe kleiner Püppchen wieder zurück nach Hause findet ("911") – und meint damit die Psychopharmaka, mit denen sie ihre psychischen Probleme behandelt. Die Depression und selbstzerstörerischen Gedanken lässt sich Lady Gaga mit Four To The Floor Beats aus den Gliedern schütteln.

© pa/dpa

Düstere Kämpferin: Das Albumcover "Chromatica" von Lady Gaga illustriert ihre persönliche Stärke

"Chromatica" erzählt in einer bühnentauglichen Dramaturgie vom Kampf gegen die Dunkelheit und Hass. Und schließt damit an den technoid-lärmenden Hit "Born This Way" an. Doch Gagas Herangehensweise könnte auf "Chromatica" nicht unterschiedlicher sein: Keine Spur mehr von Zynismus in den Lyrics, der House – und Eurodance-Sound strahlt glasklar, die Arrangements von Chef-Produzent BloodPop sind luftig und aufgeräumt.

Den Brand entfachen und den Schmerz wegtanzen

"Chromatica" klingt glücklich und befreit. "Ich will, dass Leute wissen, dass man seinen Schmerz wegtanzen kann. Wenn man diesen einen kleinen Funken in sich findet, der einen Brand entfachen kann." Die wenigen Gastmusiker auf "Chromatica" hat Lady Gaga genauestens ausgewählt. Doch außer der Kollaboration mit Popstar Ariana Grande können gerade diese Songs nicht überzeugen. Ausgerechnet "Sine from Above", ein abenteuerliches 80er-Disco-Duett inklusive Panflöten und Klavierbegleitung, lässt ihren Mentor und langjährigen Freund Elton John nicht gut dastehen: seine Stimme ist dünn und so stark bearbeitet, dass man sie kaum wiedererkennt.

Mit ihrem neuen Album schließt Lady Gaga den Kreis ihres kreativen Schaffens. "Chromatica" ist ein Schritt nach vorn – und bringt sie dennoch zurück an ihren Ausgangspunkt.

"Chromatica" von Lady Gaga ist bei Interscope Records erschienen.

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