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Massive Vorwürfe gegen Wiener Ballettakademie | BR24

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Schikanen, Essstörungen, Gewalt und sexuelle Übergriffe: Die Zeitschrift "Falter" erhebt drastische Vorwürfe gegen das Lehrpersonal der Ballettakademie an der Wiener Staatsoper. Der Direktor verspricht "Komplette Aufklärung der ganzen Situation".

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Massive Vorwürfe gegen Wiener Ballettakademie

Schikanen, Essstörungen, Gewalt und sexuelle Übergriffe: Die Zeitschrift "Falter" erhebt drastische Vorwürfe gegen das Lehrpersonal der Ballettakademie an der Wiener Staatsoper. Der Direktor verspricht "komplette Aufklärung der ganzen Situation".

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Das österreichische Magazin Falter erhebt in seiner neuen Ausgabe schwere Vorwürfe gegen die renommierte Ballettakademie der Wiener Staatsoper: Jungen und Mädchen seien von einer Lehrerin seelisch und körperlich misshandelt und verbal gedemütigt worden. Sie seien systematisch verunsichert und schikaniert und zum Hungern gezwungen worden.

Eine ehemalige Schülerin der Ballettakademie berichtet anonym über die Methoden der Lehrerin Bella R.: "Die Schüler wurden geschlagen, gekratzt bis zum Blut. An den Haaren gezogen. Ein Mädchen ist mal mit einem Haarbüschel raus gekommen aus dem Unterricht. Ich selber wurde am Knöchel getreten von der Lehrerin, während ich auf den Spitzenschuhen stand."

"Angewiesen, wenig zu essen"

"Seit 2011 wissen die Verantwortlichen über diese Zustände Bescheid", erklärte Falter-Chefredakteur Florian Klenk. "Diese Lehrerin, die hauptverantwortlich war, wurde schon einmal gefeuert, sie ist wiedereingestellt worden und diesen Missstand, den muss die Staatsoper ganz schnell in Ordnung bringen."

Weitere Schülerinnen erzählen im Falter ebenfalls anonym von ihren Qualen. Sie hätten nicht aufgewärmt tanzen müssen und sich Verletzungen durch Überlastung zugezogen. Mindestens ein Schüler der Ballettakademie soll einem sexualisierten Übergriff durch einen vor ihm onanierenden Lehrer ausgesetzt gewesen sein. Dieser Lehrer wurde inzwischen freigestellt, die Untersuchungen laufen.

Die Kanadierin Sharon Booth hat bis 2017 an der Tanzschule unterrichtet. Den Schülern dort werde ein problematisches Körperbild vermittelt, erzählt sie: "Sie wurden angewiesen nur sehr wenig zu essen. Eine Kiwi und ein bisschen Wasser oder ein Stück Brot pro Tag sind genug."

© Hans Punz/APA

Der schöne Schein: Opernball

"Zu krank, um zu tanzen"

Schülerinnen und Schüler, die das Ballett liebten, seien zu angsterfüllten Kindern gemacht worden, so Sharon Booth. Eine junge Japanerin habe nur noch 37 Kilogramm gewogen, bei einer Größe von 1,72 Meter. "In meiner Klasse habe ich sie auf Gymnastikmatten gesetzt. Sie war so knochig, dass sie sogar beim Sitzen Schmerzen hatte", sagte Sharon Booth. "Auch auf Nachfrage hat sie keine Hilfe bekommen, die Lehrer wollten abwarten. Als sie zu krank war, um zu tanzen, haben sie sie nach Japan zurückgeschickt, um dort eine Therapie zu machen."

Sie habe die Missstände an die geschäftsführende Direktorin der Ballettakademie Simone Noja gemeldet, berichtete eine Schülerin namens Anne-Marie. Das habe aber nichts gebracht. Simone Noja erklärte im Falter, sie habe stets auf Kritik reagiert. Sie habe sich um Essstörungen von Kindern gekümmert und die Eltern kontaktiert. Nojas Vertrag läuft noch bis 2020 und Operndirektor Dominique Meyer stellte sich im ORF hinter sie. Die Lehrerin Bella R. sei vor zwei Jahren das erste Mal mündlich verwarnt worden, so Meyer: "In der Hoffnung, dass sie ihr Benehmen verbessert. Dann haben wir eine zweite Verwarnung gemacht, schriftlich diesmal. Und jetzt vor ein paar Monaten haben wir erfahren, dass es wieder nicht geht und dann haben wir sie einfach gekündigt."

Meyer: "Komplette Aufklärung der Situation"

Die Vorwürfe gegen die Lehrerin Bella stehen allerdings schon länger als zwei Jahre im Raum. Darauf angesprochen sagte Operndirektor Meyer: "Die Frage ist in meinem Kopf ständig und ich mache mir selber Vorwürfe, ich hätte das vielleicht viel schneller machen müssen." Seit Januar läuft eine Beschwerde der Kinder und Jugend-Staatsanwaltschaft mit einer langen Liste an Mängeln. Die Oper arbeite seit Dezember letzten Jahre mit dieser sehr gut zusammen, sagte Meyer dazu: "Wir wollen eine komplette Aufklärung von der ganzen Situation haben." Gemeinsam erarbeite man ein Kinderschutz-Konzept an dem auch Kinderschutzorganisationen wie die Möwe beteiligt seien.

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  • Andrea Beer
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