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Missbrauch - was wird zur Vorbeugung getan? | BR24

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Im Vatikan beraten ab heute die Spitzenvertreter der nationalen Bischofskonferenzen über das weitere Vorgehen gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche. Was wird hierzulande bisher für die Prävention getan? Eine Reportage aus der Praxis.

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Missbrauch - was wird zur Vorbeugung getan?

Im Vatikan beraten ab heute die Spitzenvertreter der nationalen Bischofskonferenzen über das weitere Vorgehen gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche. Was wird hierzulande bisher für die Prävention getan?

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In Deutschland gibt es seit 2013 Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema Missbrauchsprävention. Eigentlich. Denn längst nicht alle 27 deutschen Bistümer setzen diese konsequent um, kritisierte kürzlich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und forderte in einem Offenen Brief an den Bischofskonferenzvorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx umfassende Reformen in der Kirche.

Ingrid Schreiner soll mithelfen, dass es möglichst nie mehr zu Missbrauch in katholischen Einrichtungen kommt, zumindest nicht in denjenigen ihrer Kursteilnehmer. An einem Samstagvormittag Mitte Januar erklärt Ingrid Schreiner im Burkardushaus der Diözese Würzburg ihren Kursteilnehmern, wie kompliziert die Beurteilung von Missbrauch sein kann: "Nehmen wir mal eine Situation so aus dem Seelsorgebereich: Im Trauergespräch nimmt ein Priester die alleinstehende Tochter des Verstorbenen zum Trösten in den Arm, beide sind im Alter zwischen 35 und 45. Ist das ok? Oder ist das eine Grenzverletzung?"

Okay oder Grenzverletzung? Die Urteilskraft wird geschult

15 Frauen und Männer – angehende katholische Religionslehrer, Priester, Ordensleute und Jugendleiter sind zu der Schulung des Bistums gekommen. Es geht um Prävention: Also darum, wie man sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt vorbeugen kann und es geht vor allem um Grenzen, um die eigenen und die von anderen. Kursleiterin Ingrid Schreiner hat zwei Schilder aufgehängt: "Das ist okay" steht auf einem. An der gegenüberliegenden Wand ein zweites mit der Aufschrift "Das ist eine Grenzverletzung".

Die Teilnehmer sollen jetzt das Fallbeispiel bewerten. Vor allem die ausländischen Priester und Ordensmänner tendieren eher dazu, den wohlgemeinten Trost als "Grenzverletzung" einzuordnen. "In Indien hätte ich das getan", sagt einer der Teilnehmer, "aber mittlerweile ist es ein Kompromiss mit meiner Persönlichkeit. Viele Sachen kann man falsch interpretieren, alleinstehende Gleichaltrige, und eine Frau vor allem. Da bin ich vorsichtiger geworden."

Eine trauernde Erwachsene in den Arm nehmen? Lieber nicht! Ein Kind in der Kirche hochheben, weil es sich die Osterkerze genauer anschauen will? Schwierig. Als Gruppenleiter anzügliche Witze reißen? Eher nein! Ein Kind auf den Schoß nehmen, weil es im Zeltlager Heimweh hat? Könnte fehlinterpretiert werden. Viele Teilnehmer sind durch die Beispiele eher verunsichert. Ingrid Schreiner kennt die Reaktionen auch aus anderen Kursen. Denn einfache und eindeutige Lösungen – so viel wird beim Präventionskurs im Burkardushaus klar – gibt es nur selten.

Einfach aus der Welt schaffen lässt sich Missbrauch nicht

Bis Juni 2018 haben Ingrid Schreiner und ihre Kollegen rund 550 Grundschulungen zum Thema "Missbrauchsprävention" durchgeführt. Über 6.000 Haupt- und Ehrenamtliche erhielten dadurch einen Einblick ins Thema. Sie haben erfahren, dass jedes Jahr laut Kriminalstatistik etwa 12.000 Fälle von sexuellem Missbrauch angezeigt werden, pro Tag sind es also etwa 33 Anzeigen. Sie haben erfahren, dass die meisten Taten in der Familie passieren und dass die Deutsche Bischofskonferenz unter sexualisierter Gewalt sowohl strafrechtlich relevante Taten wie auch sonstige Übergriffe zusammenfasst. Heißt Prävention - also Vorbeugen -, dass Geschehenes vertuscht wird oder heißt Prävention verhindern, dass es überhaupt zu Übergriffen kommt? Letzteres sei schwierig, sagt Ingrid Schreiner. Alle Präventionsbemühungen könnten sexuellen Missbrauch nicht verhindern. Das bestätigten auch die Zahlen der Kriminalstatistik. "

"Deswegen ist eigentlich die Präventionsarbeit genau das, da den Finger in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, wie da die Realität ist", sagt Schreiner, "Und dann so damit umzugehen, damit nichts Schlimmeres passiert. Vielleicht ist es das eher. Und dazu gehört eben, darüber sprechen, den Mut zu haben, die Realität anzuschauen, zu benennen und etwas dagegen zu tun. Immer mit dem Wissen - und das ist auch stellenweise unbefriedigend - dass man das Problem nicht aus der Welt schaffen kann."

Das würde auch Claudia Lücking-Michel unterschreiben, Und doch ist die stellvertretende Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, also des obersten katholischen Laiengremiums in Deutschland, der Meinung: Es passiert noch nicht genug in Sachen Missbrauchsprävention – zumindest nicht überall, in allen 27 Bistümern. "Da gibt es einige, die hervorragend gearbeitet haben, seit 2010 und andere, die da deutlich hinterherhinken. Das ist halt unsere Herausforderung: Jedes Bistum entscheidet und arbeitet für sich", erklärt Lücking-Michel.

2013 legte die Deutsche Bischofskonferenz Leitlinien zur Prävention von sexuellem Missbrauch vor – die aber werden Lücking-Michel zufolge keineswegs flächendeckend und vergleichbar umgesetzt. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fordert deshalb eine Kommission, die die Präventionsarbeit regelmäßig überprüft und kontrolliert, ob die Vorgaben der Bischofskonferenz umgesetzt werden. Die Forderung mancher Präventionsbeauftragter nach mehr personellen und finanziellen Ressourcen unterstützt die stellvertretende ZdK-Vorsitzende nur indirekt. Das Geld für Prävention ließe sich auch in ärmeren Bistümern finden. Hier fehle es eher am Willen, etwas zu verändern oder ein Problem als solches anzuerkennen, glaubt sie. "Wenn es um die Größenordnung geht, um eine oder zwei Stellen, dann ist es eine Frage der Prioritätensetzung und eine Frage, wie wichtig ist mir das als Bistumsleitung, als Bischof."

Kein Geld für Prävention? Eine Frage der Prioritätensetzung

Es brauche grundlegendere Reformen. Prävention müsse auf verschiedenen Ebenen stattfinden, sagt die ZdK-Vize, "Im Grunde haben wir drei Etappen: Das eine ist Prävention im Blick auf Verhinderung weiterer möglicher Opfer, zweitens – und das scheint ja ein spezifisches Kirchenproblem zu sein: Verhinderung, dass Taten vertuscht und Täter geschützt werden und die dritte Ebene ist dann wirklich, dass systemische Schieflagen, die zu solchen Schieflagen führen, grundsätzlich angegangen werden. Und das ist dann der Punkt, wo uns Leute wie Bischof Voderholzer vorwerfen, wir würden den Missbrauch missbrauchen."

In einem Offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hatte Claudia Lücking-Michel zusammen mit anderen prominente Katholiken aus ganz Deutschland diese "systemischen Schieflagen" benannt: Die Aussicht auf Macht in Männerbünden ziehe Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockierten notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse, so die Unterzeichner. Es gehe um Machtmissbrauch und die Versuchung des Klerikalismus, erklärt Claudia Lücking-Michel. Die Kirche müsse demokratischer werde und sie müsse mit dem Thema Sexualität anders umgehen. "Offen und ehrlich darüber zu reden ist der Anfang, so lange das alles verhuscht und verschämt geschieht, kommen wir da nicht weiter", ist Lücking-Michel überzeugt.

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