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Missbrauchsvorwürfe gegen Niederbronner Schwestern | BR24

© Nicolas Armer/ dpa

Symbolbild: Kirche und Missbrauch

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    Missbrauchsvorwürfe gegen Niederbronner Schwestern

    Ehemalige Heimkinder aus Speyer und Oberammergau erheben schwere Vorwürfe gegen den Orden. Sie sollen von den betreuenden Nonnen missbraucht worden und Geistlichen für sexuelle Dienste zur Verfügung gestellt worden sein.

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    Von
    • Gabriele Knetsch

    Die betroffenen Heimkinder kämpfen seit Jahren darum, dass man ihnen glaubt. Die Vorwürfe sind ungeheuerlich: Sie reichen von sexuellem Missbrauch durch die sie betreuenden Nonnen bis hin zur Zuhälterschaft, sogar von Sexparties ist die Rede. Ein Opfer wohnte im Speyrer Kinderheim der Niederbronner Schwestern.

    Sexuellen Missbrauch gab es nach Aussage von Betroffenen auch im ebenfalls von Niederbronner Schwestern versorgten Hänsel-und-Gretel-Heim in Oberammergau, wo Rainer E. zwischen 1962 und 1975 nach eigener Aussage Dinge erlebte, die man sich kaum vorstellen kann. Er lebt heute in Asien. Wenn er im Interview via Skype über das Hänsel-und-Gretel-Heim spricht, redet er immer von "da unten". So als ginge er heute noch in der Gruppe "Immerfroh" ein und aus. Seine damalige Betreuerin Schwester M., die Chefin der Gruppe, spuke immer noch "als Monster" bei ihm herum, sagt er. "Ihre Größe, sie hat eine unheimliche Stimme gehabt. Das ist alles nur angsteinflößend gewesen. Sie hat die Alleinherrschaft über uns Kinder gehabt."

    Der Träger: die Stadt München

    Schwester M. gehörte dem Orden der Niederbronner Schwestern an, der das Personal im Heim stellte. Inzwischen ist sie verstorben. Die Trägerschaft des Hänsel-und-Gretel-Heims oblag jedoch der Stadt München. Rainer E., so beschreibt er es selbst, war der Prügel- und Lustknabe von Schwester M. Die ersten sexuellen Übergriffe begannen im Alter von fünf bis sechs Jahren: "Sie hat mich ja einerseits verprügelt und andererseits hat sie mich nachts ins Bett reingeholt und dann habe ich sie sexuell befriedigen müssen."

    Rainer E. sollte im Verlauf seiner Heimzeit nicht nur Schwester M. sexuell befriedigen, sondern wurde auch Männern zugeführt. Einer ist der Kölner Maristenpater Herrmann S., der in den Erzählungen anderer Heimkinder ebenfalls auftaucht: "Onkel Herrmann", wie die Kinder den Geistlichen nennen mussten, verbrachte die Sommer im Gästehaus des Kinderheims. "Ich wurde vergewaltigt. Ich wurde nicht sexuell missbraucht. Das ist alles verharmlosend. Wenn ein Pater S. mit seinem Penis in meinen Anus eindringt, dann ist es Vergewaltigung."

    Orden bestätigt pädophile Neigung des Paters

    Der Maristenorden bestätigt die pädophilen Neigungen des Paters auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks. Der Orden hat Rainer E. – aber auch anderen Oberammergauer Opfern, die von diesem Pater sexuell missbraucht wurden – Geldzahlungen zur Entschädigung zukommen lassen. Rainer E. berichtet jedoch, dass noch weitere Externe ins Kinderheim gekommen seien: zum Beispiel Mönche aus dem Kloster Ettal – offiziell hatten sie den Auftrag, sich als Seelsorger um die Heimkinder zu kümmern: Im Beichtgespräch sei es passiert, sagt Rainer E.. Allerdings waren nicht alle gleichermaßen betroffen. "Immer nur die Auserwählten."

    Prostitutionsvorwürfe ehemaliger Heimkinder

    Die "Auserwählten" waren möglicherweise Kinder wie Rainer E., die im Heim keinen Besuch erhielten oder aus schwierigen Familienverhältnissen kamen. Laut Rainer E. sei auch ein Münchner Stadtrat regelmäßig ins Heim gekommen. Offiziell um das Heim zu "kontrollieren" – der Betroffene sagt aus, dass er mit ihm "Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiele" habe machen müssen. Rainer E. äußert einen weiteren schweren Vorwurf: Oberammergauer Bürger hätten den Nonnen nach dem Gottesdienst Spenden gezahlt – dafür, dass sie dann später sexuell befriedigt wurden. Nachts sei er aus dem Bett geholt worden. Sei so gut, warte da drinnen, habe es dann geheißen. "Dann ist der reingekommen, dann ist es zum Missbrauch gekommen."

    Stadt München bestätigt Misshandlungen

    Die Stadt München bestätigt auf Nachfrage des BR die Misshandlungen durch Schwester M. und eine weitere Niederbronner Schwester. Auch zwei Angestellte der Stadt München stünden im Fokus der Vorwürfe mehrerer Betroffener. Pater Herrmann S. ist bei der Stadt ebenfalls kein Unbekannter: "Bezüglich des Paters S. haben mehrere Heimkinder von Übergriffen bis hin zu sexueller Gewalt und Vergewaltigungen durch ihn berichtet. Pater S. verstarb 1999 – seine Vergehen wurden vom Erzbistum Köln anerkannt", heißt es von der Stadt. Die von Rainer E. vorgebrachten Prostitutionsvorwürfe will die Stadt jedoch nicht bestätigen: "Hierzu gibt es außer in den schriftlichen Darstellungen von Herrn E. keine Erkenntnisse oder Berichte von anderen Ehemaligen."

    Gruppenvergewaltigungen in einem Heim in Speyer?

    Im Zentrum der aktuellen Diskussion steht ein weiteres Kinderheim, das von den Niederbronner Schwestern geführt wurde – das Heim in der Engelsgasse in Speyer. Im Raum stehen folgende Vorwürfe: Sexueller Missbrauch durch die Nonnen. Prostitution der Kinder durch Geistliche und durch Politiker der Stadt Speyer. Die Rede ist von "Sexparties" und "Gruppenvergewaltigungen". Möglicherweise soll ein Mädchen zu Tode gekommen sein, das von einem Priester geschwängert worden sei. Geäußert hat diese Vorwürfe das schwer traumatisierte ehemalige Heimkind Thomas O. Er lebte von 1963 bis 1972 in der Engelsgasse. Ein Interview will er nicht geben, es gibt ein Telefonat. Im Juni 2020 hat das Sozialgericht Darmstadt Thomas O. Recht gegeben. Es weist an, ihm eine Opferrente zu gewähren. Im Gerichtsurteil wird der psychiatrische Gutachter zitiert, der O. für glaubwürdig hält. "Im Kinderheim sei es zu ca. 1.000-fachem sexuellen Missbrauch durch Dr. Motzenbäcker und die an den Partys teilnehmenden Herren, sowie körperlicher Misshandlung durch die Nonnen mit der Folge mehrfacher Knochenbrüche gekommen."

    Der frühere Generalvikar und inzwischen verstorbene Rudolf Motzenbäcker war der Beichtvater von Thomas O. Sein Name wurde vor Weihnachten durch den Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann öffentlich gemacht. Auf seiner eigenen Webseite schreibt Thomas O. "Für sogenannte Veranstaltungen wurden Jungs wie Mädchen zum Bedienen von den Nonnen zur Verfügung gestellt. Dass diese 'Veranstaltungen' zu Orgien wurden, war den Nonnen klar. Es beteiligten sich Politiker und Honoratioren daran. Bei den Orgien wurden wir oftmals von mehreren gleichzeitig vergewaltigt."

    Die neue Provinzoberin Schwester Barbara Geißinger von den Niederbronner Schwestern gibt eine sechsseitige Stellungnahme zu den Vorwürfen gegenüber dem Kinderheim in Speyer ab. Zwar wolle sie nicht Thomas O.s Glaubwürdigkeit in Abrede stellen: Einige von ihm im Gerichtsverfahren vorgetragene Details seien für sie allerdings nicht nachvollziehbar, weil dazu keine Belege vorlägen und diese weder durch eine Befragung von Schwestern noch durch die Staatsanwaltschaft bestätigt hätten werden können. "Dazu zählen zum Beispiel Berichte von vermeintlichen Sexparties unter Beteiligung von Priestern, Honoratioren und Politikern, Gruppenvergewaltigungen und die behauptete Prostitution der Kinder durch Schwestern."

    Recherchen eines ehemaligen Heimkinds

    Vladimir Kadavy lebte selbst als Kind im Hänsel-und-Gretel-Heim in der Gruppe "Immerfroh" in Oberammergau, allerdings viel früher als Rainer E. - von 1955 bis 1960. Er ist selbst kein Missbrauchsopfer. Doch 63 Jahre später will Kadavy wissen, was im Hänsel-und-Gretel-Heim wirklich passiert ist. Er recherchiert heute auf eigene Faust und hat Interviews mit Betroffenen aus Speyer, Oberammergau und anderen Heimen geführt. Seine Vermutung: Es gab tatsächlich eine Art Heimkinder-Prostitution, an der Nonnen beteiligt waren. Kadavy geht von einem Netzwerk aus Tätern und Mitwissern aus. Etliche Missbrauchsopfer seien von Heim zu Heim gereicht und dort vergewaltigt worden, wie folgende Zeugin im Interview mit Kadavy berichtet hat: "Die ist von Oberammergau nach Feldafing gebracht worden, war dort schon schwer krank, geschlechtskrank, ist in Oberammergau missbraucht worden und wurde dann in Feldafing weiter missbraucht. Es gab also eine Verbindung von Oberammergau nach Feldafing und umgekehrt gab es eine Verbindung von Feldafing nach Ettal."

    Kadavy äußert den Verdacht, dass Kinder aus einem weiteren Heim, der Villa Maffei in Feldafing, gezielt Mönchen in Ettal zugeführt worden seien. "Wenn die Mönche nicht an ihre Heiminsassen rankamen, ich spreche von den Ettaler Mönchen, dann wurden in den Ferien eben die Kinder aus den Heimen geholt. Eines der Heime ist Feldafing, es ist nicht auszuschließen, dass da auch noch andere Heime zugeliefert haben."

    Auch Vladimir Kadavy kann sich nur auf die Aussagen von Betroffenen stützen, deren Erlebnisse viele Jahre zurück liegen. Akten stehen auch ihm nicht zur Verfügung. "Wer so etwas tut, der hat doch nicht das Bedürfnis, so etwas zu dokumentieren", sagt er.

    Erste Schritte Richtung Aufarbeitung

    Der Orden der Niederbronner Schwestern hat nach Jahren des Schweigens eine Aufarbeitungskommission angekündigt. Eine solche will jetzt auch der Paritätische Wohlfahrtsverband, der Träger des Feldafinger Kinderheims, einrichten. Die Stadt München steht in der öffentlichen Kritik, weil sie sich an Zahlungen nicht beteiligt hat. Doch die Grün-Rote Rathauskoalition hat zugesagt, die Verfehlungen untersuchen zu lassen. Für Rainer E. ist der sexuelle Missbrauch die eine Sache, die andere die Rolle der Stadt München. "Wie pervers ist das, dass der Pater S., der in den 60er Jahren als Pädophiler bekannt war, mit Wissen der Stadt München sechs Wochen im Sommer in Oberammergau hat Urlaub machen können."

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