BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/ Julia Müller
Bildrechte: BR/ Julia Müller

Schwere Bürde: Bei der Aufarbeitung ihrer Missbrauchsfälle ist die katholische Kirche noch lange nicht am Ende

Per Mail sharen

    Missbrauch: Kirchliche Aufarbeitung geht auch 2021 weiter

    Vor fast elf Jahren erschütterten die Berichte vom Missbrauch Minderjähriger die katholische Kirche. Obwohl Studien, Präventionskonzepte und Leitlinien erarbeitet wurden, kann die Kirche bislang keinen Strich unter den Missbrauchsskandal ziehen.

    Per Mail sharen
    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Es ist einer dieser Fälle, die einen immer noch sprachlos machen. Trotz all dem, was man bereits über Missbrauch und Kirche gehört hat. Der frühere Generalvikar des Bistums Speyer soll zwischen 1963 und 1975 mehrere Kinder schwer missbraucht haben, unter Mithilfe und Mitwissen von Ordensschwestern, die ein Kinderheim in Speyer betreut haben. Der mutmaßliche Täter ist bereits verstorben, der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann hält die Vorwürfe für glaubwürdig und hofft, dass sich Betroffene melden. "Damit wir die Aufarbeitung leisten können, damit wir die Stimmen der Betroffenen hören und wahrnehmen können."

    Mindestens 1.412 Betroffene durch Ordensleute

    Ende August veröffentlichte die Deutsche Ordensoberenkonferenz (DOK) eine Umfrage unter ihren Mitgliedern. Demnach hatten sich bis 2019 insgesamt 1.412 Betroffene bei den Orden vor Ort gemeldet, weil sie als Kinder oder Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sein sollen. Die Vorfälle reichen teilweise bis in die 1950er Jahre zurück. 654 Ordensmitglieder seien beschuldigt worden. Knapp 80 Prozent aller Beschuldigten sind bereits tot.

    "Ja, Brüder und Schwestern unserer Gemeinschaften haben sexuellen Missbrauch in seinen verschiedenen Formen verübt", gestand die DOK-Vorsitzende Katharina Kluitmann ein. "Nicht nur diese Taten haben unsägliches Leid über die Betroffenen gebracht." Wenn die Opfer später ihr Schweigen gebrochen und darüber gesprochen hätten, was ihnen angetan worden sei, seien sie oft enttäuscht und dadurch erneut verletzt worden. "Wir bedauern das sehr und erkennen unser Versagen erneut an." Der Bericht der DOK zu der Befragung spricht von deutlichen Schwachstellen bei den bisher getroffenen Maßnahmen zur Aufarbeitung und Prävention und von weiterem Handlungsbedarf.

    Bis zu 50.000 Euro - Betroffene halten die Summe für zu gering

    Betroffene von Missbrauch leiden ihr Leben lang an den Folgen. Und sie fordern echte Entschädigung und nicht nur Leistungen, die die Kirche aus Anerkennung des Leids zahlt. Maximal 5.000 Euro waren das in der Vergangenheit. Bei ihrer Herbsttagung in Fulda beschließen die katholischen Bischöfe, dass sie sich künftig an den staatlichen Schmerzensgeldtabellen orientieren wollen. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz (DBK) Georg Bätzing sprach von bis zu 50.000 Euro, die im Einzelfall ausgezahlt werden können. Man gehe damit in einen "hohen Bereich" betont der DBK-Vorsitzende. "Aber wir haben uns entschlossen in dem Kontext zu bleiben, in dem auch die Gesetzgebung unseres Landes steht."

    Die meisten Betroffenen dürfte diese Lösung dennoch enttäuschen, nachdem die Bischöfe schon über Vorschläge diskutierten, die sechsstellige Summen vorsahen. Matthias Katsch von der Betroffenenvertretung Eckiger Tisch rechnet vor: Würde man "ein Leben in die Waagschale werfen", lägen die Summen deutlich im sechsstelligen Bereich. Änlich seien die Summen, wenn die Fälle vor Gericht gehen würden. "Es geht aber nicht vor Gericht, weil es verjährt ist."

    Kardinal Marx überrascht mit einer Stiftung

    Psychische und physische Verletzungen lassen sich schwer beziffern, ganz zu schweigen von Wiedergutmachung. Dazu kommt, dass Vertreter der Kirche vielen Betroffenen ihren Glauben ausgetrieben haben. Kardinal Reinhard Marx überrascht Anfang Dezember mit der Mitteilung, dass er eine Stiftung gründet, die die spirituelle Dimension des Missbrauchs in den Blick nimmt. Das Stiftungskapital, 500.000 Euro, stammt aus dem Privatvermögen des Kardinals. "Mir war immer klar, dass das, was ich bekomme, nicht mein Privatgeld ist , mit dem ich ein Haus kaufe. Sondern das wird kirchlichen Zwecken zur Verfügung gestellt. Und deswegen war mir relativ früh klar, das wird in eine Stiftung gesteckt, die mit diesem Zweck zu tun hat."

    "Prävention ist keine Aufarbeitung"

    Bei den evangelischen Landeskirchen haben sich in den vergangenen Jahren fast 900 Betroffene von sexualisierter Gewalt und Missbrauch gemeldet. Die EKD hat eine unabhängige wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie identifiziert. Die Studie soll innerhalb von drei Jahren abgeschlossen sein. Außerdem haben die Landeskirchen die Gewaltschutzrichtlinie der EKD, die eine Meldepflicht bei begründetem Missbrauchsverdacht vorsieht, verabschiedet. Detlev Zander vom Betroffenenbeirat der EKD sieht dennoch Defizite. Prävention sei keine Aufarbeitung, sagt er. "Wir müssen zuerst Fakten schaffen: Aufklären, was ist denn passiert, warum ist das passiert. Wie viele sind’s denn tatsächlich?"

    Aufarbeitung, Vertuschung und missglückte Entschuldigungen in Köln

    Auch das Erzbistum Köln wollte seine Missbrauchsgeschichte aufklären, vorbildlich, einmalig transparent. Dabei sollten auch Namen von Verantwortlichen und Vorgesetzten genannt werden. Doch der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki will das von einer Münchner Kanzlei erarbeitete Gutachten nicht veröffentlichen und setzt sich so dem Verdacht aus, Fehler früherer Verantwortlicher und vielleicht sogar seiner selbst vertuschen zu wollen. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing spricht von einem Desaster. "Ich bin über die Situation nicht glücklich. Dass das jetzt in ein Desaster gemündet ist und auf uns alle abfärbt, das ist nicht gut."

    Im Anschluss an seine Weihnachtspredigt im Kölner Dom hatte Kardinal Rainer Maria Woelki an Heiligabend um Verzeihung gebeten. "Was die von sexueller Gewalt Betroffenen und Sie in den letzten Tagen und Wochen vor Weihnachten im Zusammenhang mit dem Umgang des Gutachtens zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in unserem Erzbistum, was Sie an der Kritik darüber und insbesondere auch an der Kritik an meiner Person ertragen mussten – für all' das bitte ich Sie um Verzeihung", sagte er. Der Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch forderte daraufhin seinen Rücktritt. "Es tut ihm nicht leid, was er falsch gemacht hat, sondern dass er dafür kritisiert wird."

    Rücktrittsforderungen werden lauter

    Und auch der DBK-Vorsitzende Bätzing will am Ende dieses Jahres nicht mehr ausschließen, dass Bischöfe, denen Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, auch zurücktreten müssen.

    Newsletter abonnieren:

    Sie interessieren sich für Kirche, Religion, Glaube, Spiritualität oder ethische Fragen. Unser Newsletter bringt jeden Freitag die neuesten Nachrichten, Themen und Sendungen aus der Redaktion Religion und Orientierung in Ihre Mailbox. Hier gehts zum Abo.