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Die Kraft der Geschichten: Zum Tod von Mirjam Pressler | BR24

© Knut Cordsen/BR

Sie war eine der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen, den Erwachsenen hierzulande machte Mirjam Pressler mit ihren Übersetzungen vor allem die hebräische Literatur zugänglich. Nun ist sie nach langer Krankheit gestorben.

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Die Kraft der Geschichten: Zum Tod von Mirjam Pressler

Sie war eine der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen, den Erwachsenen machte Mirjam Pressler mit Übersetzungen vor allem hebräische Literatur zugänglich. Nun ist sie, zuletzt in Landshut lebend, nach langer Krankheit gestorben.

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"Ich bin ein ziemlicher workaholic, also ich arbeite sehr viel, wenn es gut läuft. Ich kann also durchaus 16 Stunden, 18 Stunden arbeiten, ich kann mich auch Gott sei dank sehr, sehr lang gut konzentrieren." So Mirjam Pressler vor einigen Jahren in ihrer Landshuter Wohnung. Arbeitsam, das war sie bis zuletzt. Erst mit 40 Jahren begann sie zu schreiben. Einmal eine der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen Deutschlands zu werden – mit Spitzenauflagen von über 300.000 Exemplaren – dieser Weg war ihr nicht vorgezeichnet.

Realistische Kinder- und Jugendliteratur

Ursprünglich plante Pressler anderes: "Ich habe Kunst studiert, ich wollte mal eine große Malerin werden, und habe dann geheiratet, drei Töchter gekriegt, war dann sehr bald wieder geschieden, musste für uns das Geld verdienen, das ist mit freier Kunst nicht zu machen. Damals habe ich einen Jeansladen aufgemacht in München, und den hatte ich acht Jahre, dann wurde mir der Laden gekündigt und ich mußte mir was Neues überlegen, wollte auch auf gar keinen Fall noch einmal einen Laden und da habe ich angefangen zu schreiben, ich habe zur gleichen Zeit einen Taxiführerschein gemacht und angefangen zu schreiben." Dazu kam noch ein Halbtagsjob im Büro.

Und Mirjam Pressler, selbst von frühester Kindheit an eine Büchernärrin, beobachtete, was ihre drei jungen Töchter damals lasen: "Ich habe damals alles gelesen, was ich für sie gekauft habe, was sie aus der Bücherei gebracht haben, ich wollte wissen, was in ihren Kopf kommt, und war ganz überrascht von dieser neuen Form der Kinder- und Jugendliteratur, der sogenannten realistischen. Damals kamen die ersten Bücher, die mich begeisterten, aus Skandinavien, und diese Bücher haben mir so gut gefallen, dass ich gedacht habe: Irgendwann schreibe ich auch mal so ein Buch."

Das große Thema Nationalsozialismus

In ihrem Schreiben kreiste Mirjam Pressler immer wieder um das Thema Nationalsozialismus. Zu ihren berühmtesten Werken zählen die Bücher "Ich sehne mich so" – ein beeindruckendes Lebensbild der 1945 im KZ Bergen-Belsen umgekommenen Anne Frank, deren Tagebücher Mirjam Pressler auch aus dem Niederländischen übersetzt hat – und "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" sowie der Roman "Malka Mai". Niemals belehrend und ohne erhobenen Zeigefinger schrieb Pressler, malte nicht schwarz-weiß, vielmehr ging es ihr darum, die "Grautöne zu finden". Das Wort von der litterature engagée mochte die nun im Alter von 78 Jahren gestorbene Autorin nicht. Weil die Betonung dabei eher auf dem engagée als auf der littérature liege: "Ich schreibe halt Bücher, ich schreibe halt Literatur über Themen, die mich interessieren, und wenn die engagiert sind, dann sind sie's halt."

Auch das Etikett "Kinderbuchautorin" lehnte sie ab: "Entweder es ist ein Buch oder nicht, und es gibt auch viele wunderbare Kinderbücher, die Erwachsene unbedingt lesen sollten." Von ihren Lesern erhielt sie viel Post, die Beantwortung aber fiel Pressler schwer: "Für mich ist Briefe beantworten so schwierig, dass ich mich richtig körperlich krank fühle und drei Tage herumlaufe, bis ich mich hinsetze und anfange zu schreiben. Was nichts heißt – ich hab's dann sehr schnell gemacht, aber einfach die Entscheidung, einen Brief zu schreiben – ich weiß nicht, was dahinter steckt, warum ich das nicht kann."

Vermittlerin zwischen Deutschland und Israel

Das möge, sagte Mirjam Pressler, mit einem frühen Erlebnis zusammenhängen: 1940 als uneheliches Kind einer Jüdin in Darmstadt zur Welt gekommen, wuchs sie erst bei Pflegeeltern auf und kam dann in Heim und Internat. Die seitenlangen Briefe, die sie damals nach Hause schrieb, blieben ausnahmslos unbeantwortet. Eine bittere, eine prägende Erfahrung. Vielleicht auch diejenige, die sie zum Bücherschreiben brachte. Von ihr erschien "Nathan und seine Kinder": eine großartige Neuerzählung von Lessings Drama für jugendliche Leser – angesiedelt in Jerusalem, der Sehnsuchtsstadt Presslers. Mehrere Male im Jahr besuchte sie Israel und übersetzte auch aus dem Hebräischen, zum Beispiel die Bestseller-Autorin Zeruya Shalev und deren phänomenale Roman-Trilogie "Liebesleben", "Mann und Frau" sowie "Späte Familie": "Ich übersetze sehr, sehr gerne, und Zeruya Shalev habe ich besonders gern übersetzt, ich bin froh, dass ich also nicht ständig ein Buch produzieren muss, und dass ich durchaus auch was anderes machen kann."

Über 300 Werke übersetzte Mirjam Pressler ins Deutsche. Für ihre Übertragung des Romans "Judas" von Amos Oz wurde sie 2015 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, noch im Dezember war ihr das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht worden. In der Begründung hieß es, Pressler habe sich in herausragender Weise für die Völkerverständigung insbesondere zwischen Israel und Deutschland eingesetzt: "Ich denke, das ist wirklich keine Aufgabe, aber eine Chance der Literatur: die Erinnerung wachzuhalten."

Wie die Verlagsgruppe Beltz in Weinheim mitteilte, ist Mirjam Pressler nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren in Landshut gestorben.

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