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Mircea Cărtărescu über Rumänien und seinen Roman "Solenoid" | BR24

© Cartarescu Barna Nemethi

Schriftsteller Mircea Cărtărescu

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    Mircea Cărtărescu über Rumänien und seinen Roman "Solenoid"

    Mircea Cărtărescu ist einer der bekanntesten Schriftsteller Rumäniens. Sein neuer Roman "Solenoid" erinnert an die Zeit Ceaușescus. Ein Gespräch über alte Regime und die politische Lage in seiner Heimat kurz vor der anstehenden Präsidentschaftswahl.

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    Vor 30 Jahren befreiten sich die Rumänen von der Diktatur; erst vor einem Monat von der postsozialistischen Regierung, die über Skandale von Amtsmissbrauch und Korruption stolperte und gestürzt wurde. Heute wählen die Rumänen einen neuen Präsidenten. Mircea Cărtărescu, Rumäniens international prominentester und mit höchsten Preisen geadelter Schriftsteller, erinnert in seinem neuen 900-Seiten-Roman "Solenoid" nochmal an die Zeit Ceaușescus und sieht in magischen Räumen Fluchtwege aus dem Gefängnis des Alltags.

    Am Freitag, dem 15.November ist er auf dem Literaturfest München zu Gast. Cornelia Zetzsche sprach vorab mit ihm über seinen neuen Roman und die politische Lage Rumäniens zur anstehenden Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag.

    Cornelia Zetzsche: Ihr neuer Roman "Solenoid" ist, wie die Trilogie "Orbitor", ein Roman wie in Trance, überwältigend mit seinen flirrenden Schauplätzen, Figuren, Episoden und atemraubenden Phantasmagorien, angetrieben von Solenoiden, Magnetspulen von wundersamer Magie. Der Roman wurzelt in Ihrer Biographie, er oszilliert zwischen Gewalt und Traum, Wahrnehmung und Illusion, Ekel und Poesie. Können Sie eine Grenze ziehen zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit?

    Mircea Cărtărescu: Nein, für mich sind Reales und Irreales zwei Seiten des Möbiusbands, man weiß nie, wo die eine Seite endet und die andere beginnt. Ich finde es absurd zu sagen, alles, was man sieht ist real, und was man im Traum sieht, ist irreal. Meiner Meinung nach ist eins so real wie das andere und manchmal sogar noch wirklicher als die Realität. Für mich ist das Hauptproblem nicht, was real ist und was nicht, sondern die Frage: Was ist das, diese Realität, diese Mischung vom Außen und Innen der Dinge und dieses Bewusstsein, das wir Realität nennen. Das ist eines der wichtigsten philosophischen Themen in meinem Buch.

    Und da gibt es keine Antwort?

    Die stärkste Definition von Realität in "Solenoid" besagt, Realität ist Schmerz. Das Einzige, was wir als Realität wahrnehmen, sind Dinge, die uns schmerzen, die uns auf die eine oder andere Art beeindrucken. Je mehr Leiden es in der Welt gibt, umso brutaler ist die Welt, bis sie zu einem wirklichen Gefängnis für die Menschen wird, aus dem jeder zu entfliehen hofft, mit Hilfe von Religion oder Magie oder Poesie und auf anderen Wegen.

    "Solenoid" oder andere Ihrer Bücher zu lesen, scheint wie Träumen mit offenen Augen. Was ist der Impetus Ihres Schreibens, zu träumen, zu flüchten, etwas zu verstehen?

    Dieses spezielle Buch, dieser Roman "Solenoid" beschäftigt sich viel mit großen Ideen der Menschheit, mit ihrem Schicksal, ihren Lebensbedingungen. Insofern ist "Solenoid" mein reifstes Buch. Philosophie und Poesie stecken darin, eine Meditation über Götter und ein starkes ethisches Thema: Es geht um die Verbindung zwischen Menschen, um Solidarität, um Empathie, Liebe, um all die Dinge, die Menschen zusammenhalten.

    Als ich dieses Buch schrieb, entdeckte ich, die wirkliche Flucht, die Menschen schaffen können, liegt nicht in einer vierten Dimension, nicht in einer Traumwelt, sondern in der Liebe füreinander. Das ist letztlich die Botschaft meines Buches. Meine Hauptfigur empfindet die Welt um sich herum als sehr beengendes Gefängnis, sogar sein Körper, sein Gehirn wurden ihm zum Gefängnis, dem er entkommen musste. In einem bestimmten Moment könnte er fliehen, eine metaphysische Tür hat sich für ihn geöffnet, und zwar nur für ihn, wie in Kafkas Parabeln. Er zögert und weigert sich, allein zu fliehen. Lieber bleibt er mit Menschen, die er liebt, in der Hölle als zu flüchten und die anderen im Gefängnis zurückzulassen.

    Das war für mich eine verblüffende Erkenntnis. In meinen früheren Büchern zählte nur das Ästhetische, jetzt entdeckte ich die Menschlichkeit, das soziale und das psychologische Band zwischen Menschen. Am Ende einer seiner Geschichten, formuliert Camus dieses berühmte Dilemma zwischen solitär und solidarisch, ist es gut ein Solitär zu sein oder eine Gemeinschaft? Ich dachte viel über dieses Dilemma nach und meine jetzt, die Gemeinschaft von Einsamen ist das Beste für Menschen.

    Aber Basis dieser Erkenntnis, ist, wie Sie sagten, der Schmerz. Es gibt viele berührende Szenen, in denen Schmerz beschrieben wird, Schmerz in der Kindheit, in Kliniken und anderswo. Inwiefern benützten Sie Ihre Biographie als Material?

    Ich litt viel als Kind, wie jeder in dieser Zeit in meinem Land, in anderen Ländern vielleicht auch; wegen der Gewalt in der Welt, in der wir lebten. Natürlich lebten wir in einer Diktatur, die in sich gewalttätig ist, aber auch das medizinische System meines Landes war sehr hart und fügte viel Schmerz zu. Zum Zahnarzt zu gehen, war für mich als Kind, wie in eine Folterkammer zu gehen.

    Die Lehrer waren brutal zu den Kindern. Täglich wurden Kinder geschlagen. Ich lebte in einer Welt, in der jeder seinen Vorteil gegenüber Schwächeren nutzte und sogar kleine Kinder wurden verroht. Diese Gewalt, die ich hautnah erlebte, prägte mich. Ich wollte in diesem Buch meine Gefühle ausdrücken, meine Wut gegen diejenigen, die meine Kindheit und meine Jugend gestohlen haben. Wenn Bukarest im letzten Kapitel des Buches schwebt, hinterlässt es ein danteartiges Loch in der Erde, in dem Dämonen leben. Diese Dämonen nährten den Schmerz der Menschen. Es ist eine Art Symbol wie in der "Göttlichen Komödie", für die enorme Pein, unter der wir leiden, wir alle, die wir auf dieser Welt leben.

    In "Solenoid", lesen wir berührende Szenen und Porträts. Zum Bespiel über den vergessenen toten Zwilling des Erzählers oder von einem Lehrer, einem Zigeuner, wie es heißt, der beschuldigt wird, einen goldenen Ring gestohlen zu haben. Ist das eine wahre Geschichte oder Erfindung?

    Das ist eine wahre Geschichte, dieser angebliche Diebstahl des Rings. Aber ich fügte die Szene mit dem Zahn hinzu. Ich wollte daraus eine Metapher machen, für die Diskriminierung der schwächeren und armen Leute in meinem Land, wie es die Roma, die Zigeuner, immer waren.

    Wie würden Sie die Lage der Roma beschreiben?

    Die Rumänen tragen historische Schuld gegenüber den Roma. Sie machten sie zu Sklaven. 400 Jahre lang waren die Zigeuner die Sklaven der Rumänen. Wie es die schwarze Bevölkerung in den Vereinigten Staaten für die reichen Weißen war. Die Familienmitglieder konnten getrennt verkauft werden. Die Mädchen wurden von ihren Besitzern vergewaltigt und so weiter. Aufgrund dieser schrecklichen Vergangenheit, die wir mit ihnen gemeinsam haben, sollten wir ihnen helfen so gut wir können. Aber die Rumänen diskriminieren sie stattdessen und vergrößern die Schuld noch.

    Ich habe mich immer dafür ausgesprochen, diese Leute als vollwertige Bürger zu behandeln, denn sie sind keine Bürger zweiter Klasse, wie in meinem Land und an vielen Orten der Welt. Sie lebten auf traditionelle Weise, und diese Traditionen verschwanden. An einem bestimmten Punkt in der Geschichte fanden sie sich ohne jede Lebensgrundlage wieder. Ihre traditionellen Berufe verschwanden, und sie mussten einfach überleben. Sie sind große Überlebende. Ich habe große Sympathie und Bewunderung für diese Zigeuner.

    Heute wählt Rumänien einen neuen Präsidenten, 30 Jahre nachdem der Eiserne Vorhang fiel und Rumäniens Diktator Ceaușescu verschwand. Was blieb von den Hoffnungen 1989?

    Am 22. Dezember stand ich vor dem Zentralkomitee der Partei, zusammen mit einer Million Menschen, die sich auf diesem großen Platz versammelt hatten. Jeder weinte vor Glück, man umarmte einander. So viel Glück hatte ich mein ganzes Leben nicht gesehen. Damals hob der Diktator im Helikopter ab. Unglücklicherweise hatte dieses Glück keinen Bestand, denn dieselben brutalen und vulgären Leute blieben an der Macht und beherrschten fast alles. Diese Sozialdemokratische Partei regierte die meiste Zeit nach der Revolution. Erst jetzt beginnt sie zu zerfallen. Jetzt haben wir wieder Hoffnung, denn wir haben ein paar junge Parteien, die entschlossen sind, diese Revolution zu vollenden.

    Mit der neuen Regierung und den verschiedenen Wahlen wird sich das weisen.

    Ja. Wir haben heute Präsidentschaftswahlen und nächstes Jahr Wahlen fürs Parlament. Und die Sozialdemokratische Partei, die Rumänien 30 Jahre von jedem Fortschritt fernhielt, verlor die Mehrheit im Parlament. Sie wurde verwundbar. Sie sind jetzt unter 20 Prozent. Das ist ein enorm gutes Zeichen für uns, ein Grund zur Hoffnung.

    Worauf hoffen Sie?

    Ich hoffe auf ein anderes politisches Konzept. Eine Politik, die die Integration meines Landes in die Europäische Union betont und eine deutlich liberalere Art hat, Rumänien zu regieren. Die Rumänen sind traditionell sehr für Europa, vielleicht das proeuropäischste Land in der EU. Rumänien ist gut für Europa, das sind gute Nachrichten. Es zeigt auch den Visegrád-Staaten in Osteuropa, es gibt noch Länder, die an der Idee der Einheit festhalten. Und ich denke, das ist eine gute Sache.

    "Solenoid" von Mircea Cărtărescu ist, in der Übersetzung von Ernest Wichner, im Zsolnay Verlag erschienen

    © Zsolnay Verlag

    "Solenoid" von Mircea Cărtărescu

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