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Filmszene aus "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen"

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    "Minari" - oscarprämierter Neuanfang im Nirgendwo

    Für ihre Rolle als Großmutter bekam Schauspielerin Yuh-Jung Youn von Brad Pitt den Oscar für die beste Nebenrolle überreicht. Nicht nur wegen ihr begeistert die emotionale Pioniergeschichte über den Neustart einer Familie als Landwirte.

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    Von
    • Moritz Holfelder

    Minari ist der Name einer Pflanze, eines Unkrauts, das in Japan, China und Korea, aber auch in Nordamerika vorkommt. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Minari: koreanische Petersilie. Die Wildpflanze fühlt sich vor allem im feuchten Grund nahe Flüssen wohl – und ist im Gegensatz zu einigen aus Asien stammenden Arten nicht invasiv, das heißt, sie verdrängt keine anderen Pflanzen.

    Koreanische Neu-Bauern in Arkansas

    Im dem Film von Lee Isaac Chung steht sie als Metapher für eine Familie koreanischer Herkunft, die 1983 von Los Angeles in den Osten nach Arkansas zieht, in eine ziemlich abgelegene und einsame Gegend, um dort ein neues Leben zu beginnen. Jacob träumt davon, Farmer zu werden und koreanisches Gemüse anzubauen, um damit Asia-Imbisse zu beliefern. Seine Frau Monica Yi steht dem Projekt zweifelnd gegenüber, sie sieht aufgrund des finanziellen Risikos die Zukunft der Familie mit zwei kleinen Kindern gefährdet. Wenn der Film beginnt, ist eigentlich alles schon zu spät: Er startet mit der Ankunft auf dem erworbenen Stück Land, einer unfruchtbaren Wiese, die Jacob gekauft hat, um seinen Traum zu verwirklichen.

    Formale Anleihen beim klassischen Western

    Klug operiert Regisseur Lee Isaac Chung mit Motiven des amerikanischsten Filmgenres, dem Western. Wenn die Familie ihren zukünftigen Acker inspiziert, steht auf dem Grund nicht etwa ein nettes Häuschen mit Veranda, wie das Monica Yi erwartet hat, sondern nur ein länglicher Trailer, mehr Bau- als Wohnwagen, dem zudem eine Treppe fehlt, um ihn betreten zu können. Das neue Heim, das man also erklettern muss, erinnert ein wenig an die ärmlichen Präriewagen, mit denen Menschen ehedem gen Westen aufbrachen.

    Auch formal orientiert sich Lee Isaac Chung an den großen Hollywood-Western – er und sein Kameramann Lachlan Milne haben im dafür klassischen Cinemascope-Format gedreht, hier allerdings nicht, um die mythische Weite der Landschaft zu beschwören, sondern eher die Enge des Trailers erfahrbar zu machen und die Verlorenheit der Neu-Bauern bei der Kultivierung des Bodens zu betonen.

    Oscarwürdige Großmutter

    Seinen Charme und seine Magie entwickelt „Minari“ vor allem als intensiver Familienfilm. Die Schauspieler sind großartig – und so entsteht eine immer wieder ironisch gebrochene Dynamik, nachdem die Eltern sich entschieden haben, zur besseren Betreuung der Kinder die Mutter von Monica Yi aus Korea einzufliegen. Die schrullige Großmutter Soon-ja ist ein Glücksfall für die Handlung, denn die in Südkorea überaus populäre Schauspielerin Yuh-Jung Youn spielt sie mit einer kauzigen schnurrigen Selbstverständlichkeit, die alle überrascht, nicht nur die Kinder der Familie, um die sich die alte Frau nun kümmern soll und die anfangs arg fremdeln, sondern auch die Zuschauer dieses Films. Hier wie dort gewöhnt man sich an ihre grotesken Schrullen und schließt sie mehr und mehr ins Herz. Zusätzlich rätselt der Zuschauer, ob Yuh-Jung Youn ihre Grillenhaftigkeit nun nur spielt – oder ob sie tatsächlich so ist.

    Als sie im vergangenen März für „Minari“ den Oscar als beste Nebendarstellerin verliehen bekam, lag schnell das Zweitere nahe. Die Schauspielerin schien die Auszeichnung irgendwie als gegeben anzunehmen – wirklich aufgeregt war sie und voller Glück, weil der große Brad Pitt ihr den Preis überreichte.

    Einfühlsam erzählte Immigrations- und Pioniergeschichte

    Allein wegen der wunderbaren Yuh-Jung Youn ist „Minari“ sehenswert. Regisseur Lee Isaac Chung erzählt mit Empathie von dieser in die Moderne geholten Siedlerfamilie aus Korea. Er legt das sowohl als Immigranten- wie auch als Pionierschicksal an. Vermutlich würde der Großteil des Kinopublikums gerne einmal mit der Großmutter Soon-ja an den schattigen Bachlauf treten, wo sie die Minari-Samen verstreut hat. Die titelgebende Wildpetersilie wächst, anders als die Pflanzen auf dem Feld, ohne künstliche Bewässerung und steht für eine so natürliche wie nachhaltige Landwirtschaft. Besonders intensiv soll sie schmecken.

    Regisseur Lee Isaac Chung hat übrigens Umweltlehre studiert, bevor er sich entschied, Filme wie „Minari“ zu machen.