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Migräne - das verkannte Leiden | BR24

© pa/dpa/Jens Kalaene

Migräne - mehr als Kopfschmerzen

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    Migräne - das verkannte Leiden

    Jeder zehnte Deutsche leidet unter Migräne. Viele Menschen, die von dieser Krankheit verschont sind, neigen dazu, ihre Auswirkungen zu unterschätzen. Dabei ist Migräne deutlich mehr als nur starkes Kopfweh - und für die Betroffenen eine Qual.

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    Migräne ist mehr als Kopfschmerz, es ist eine neurologische Erkrankung, die Patienten teils tagelang außer Gefecht setzt. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft will erreichen, dass die Krankheit ernster genommen wird. Immerhin jeder Zehnte in Deutschland hat Migräne.

    Migräne setzt Betroffene komplett außer Gefecht

    Bianca Leppert aus Wörthsee liegt auf ihrer Couch im dunklen Wohnzimmer. Ihre Augen hat sie geschlossen, im Nacken liegt ein Wärmekissen, auf ihrer Stirn ein Kühlbeutel. Die 34-Jährige bewegt sich nicht und wartet darauf, dass es ihr besser geht. Bianca hat gerade wieder eine Migräneattacke.

    "Der Schmerz zieht vom Nacken über den Kopf bis zu den Augen. Da fängt es meistens an zu pochen. Mir ist wahnsinnig übel. Ich bin sehr geruchsempfindlich, ich bin lichtempfindlich. Man hat so das Gefühl, das Auge will aus dem Kopf springen, und man ist einfach wahnsinnig geschwächt." Bianca Leppert

    In diesem Zustand ins Büro zu gehen, ist für die selbstständige Bianca unmöglich. Oft dauern die Attacken Tage, die Bianca in abgedunkelten Zimmern verbringt. Ihre Arbeit bleibt währenddessen liegen.

    Wirtschaftlicher Schaden durch Migräne

    Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) in München verliert die deutsche Wirtschaft jährlich mehr als 30 Millionen Arbeitstage durch Migräne, das entspricht 150.000 Vollzeitstellen. Das ist so, als ob die Einwohner von Regensburg ein Jahr lang nicht arbeiten würden.

    Aufklärungskampagne der DMGK

    Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft will mit einer Informationskampagne u.a. Firmen und Unternehmen darauf aufmerksam machen, wie sie am besten mit Mitarbeitern umgehen, die Migräne-Patienten sind. "Die Arbeitgeber müssen realisieren, dass sich durch sehr viel Arbeitsverdichtung, durch sehr viel Stress am Arbeitsplatz, sich auch eine Migräne leider nicht verbessert", sagt die Neurologin Dr. Stefanie Förderreuther.

    Migräne wird unterschätzt

    Stress sei ein wesentlicher Faktor, dass eine Migräneattacke kommt, dass sie häufiger auftritt und länger dauert, erklärt die Neurologin. Die Krankschreibungen durch Migräne haben Folgen: Jährlich entstehen in Deutschland dadurch laut DMKG indirekte Kosten von rund 3,5 Milliarden Euro. Welches Ausmaß die Krankheit hat und was sie für die Gesellschaft bedeutet, sei vielen nicht bewusst, sagt Förderreuther.

    "Es ist leider wirklich ein Problem, dass nach wie vor die Krankheit unterschätzt wird. Ganz viele Außenstehende, die Glück haben und nicht unter Migräne leiden, wissen eigentlich gar nicht, was das ist und denken: Naja, einfacher Kopfschmerz, da muss man sich ja nur mal mit einer Tablette dopen und dann geht schon wieder alles. Aber dem ist bei der Migräne eben nicht so." Dr. Stefanie Förderreuther

    Stigmatisierung durch Migräne

    Bianca Leppert leidet seit 20 Jahren unter Migräne. Sie hat es erlebt, dass ihre Krankheit abgetan wurde und sie selbst Drückeberger oder Mimose genannt wurde. "Das hat mir früher wahnsinnig viel ausgemacht", sagt Bianca. "Dann hat's mich wütend gemacht, weil ich gedacht habe: Mensch, hab Du mal solche Schmerzen!" Mittlerweile kann sie besser damit umgehen. "Da bin ich relativ schlagfertig und fange an, das Ganze zu erklären."

    Aufräumen mit Vorurteilen über Migräne

    Über Migräne gibt es noch immer zu viele Mythen, findet Bianca. Zum Beispiel sei Migräne keine psychische Erkrankung, wie viele meinen, sondern es ist eine Erkrankung des Gehirns, sagt Neurologin Stefanie Förderreuther.

    Die freie Journalistin Bianca Leppert will mit falschen Vorstellungen rund um Migräne aufräumen und hat das Buch "Ich hab Migräne – und was ist deine Superkraft?" geschrieben. "Ich habe das Wort 'Superkraft' gewählt, weil Menschen mit Migräne wirklich manchmal Superkräfte brauchen, um ihren Alltag zu bewältigen, da eine Migräne-Attacke einen sehr schwächt und man sie oft mehrmals im Monat hat", sagt Bianca. Das Buch ist ein Mix aus Erfahrung und Fakten. "Damit wollte ich eine Möglichkeit schaffen, sich auf einem Weg mit Migräne zu beschäftigen, der auch ein bisschen Spaß bringt, dass man Lust zu lesen hat", erklärt Bianca. "Wissen ist bei Migräne unheimlich wichtig. Also, wenn jemand wirklich weiß, was es bedeutet, dann kann er auch ganz anders damit umgehen", meint Bianca.

    Aufmerksamkeit und Verständnis für Migräne schaffen

    Migräne-Patientin Bianca Leppert wünscht sich, dass Betroffene auf sich achten und sich trauen, offen mit der Krankheit umzugehen. Von Nicht-Betroffenen wünscht sie sich mehr Verständnis, wenn jemand im Umfeld unter einer Attacke leidet.

    Unterschiede zwischen Migräne und Alltagskopfschmerzen

    Migräne

    • eher pulsierender/pochender Schmerz
    • Schmerzen meist auf einer Seite
    • Übelkeit/Erbrechen
    • evtl. Aura/Sehstörungen/Licht-und/oder Geruchsempfindlichkeit
    • starkes Schwächegefühl
    • Verschlimmerung bei Bewegung
    • bis zu drei Tage Dauer

    Alltagskopfschmerz

    • eher dumpfer Schmerz
    • Schmerzen auf der ganzen Stirn
    • Besserung bei Bewegung
    • Dauer von wenigen Stunden

    Tipps, um Migräne-Attacken vorzubeugen:

    • Auf regelmäßige Mahlzeiten achten und nicht ausfallen lassen.
    • Einen ausgeglichenen Schlaf-Wach-Rhythmus beibehalten. Sprich: Am Wochenende ungefähr um dieselbe Uhrzeit aufstehen wie unter der Woche.
    • Regelmäßig moderater Ausdauersport und Entspannungsmethoden wie Progressive Muskelrelaxation einplanen.
    • Falls man Kaffee trinkt, darauf achten, ungefähr die gleiche Menge täglich zu sich zu nehmen.
    • Genügend Pausen im Alltag machen.
    • Nach Möglichkeit persönliche Migräne-Auslöser meiden.