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Michael Beck von den Fantastischen Vier
© dpa/ Bildfunk /Die Fantastischen Vier

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Knut Cordsen
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Michael Beck von den Fantastischen Vier

Samstag wird in Kassel der Kulturpreis Deutsche Sprache verliehen, in mehreren Kategorien. Den Hauptpreis, den mit 30.000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis, bekommen vier Musiker, die zu den bekanntesten des Landes zählen: die "Fantastischen Vier“. Zu einer Zeit, in der Sprechgesang, Rap und HipHop mit der englischen Sprache verknüpft waren, waren sie hierzulande unter den ersten, die sich ihrer Muttersprache bedienten. Deshalb erhalten Smudo, Thomas D., Michi Beck und And.Ypsilon die Auszeichnung. Knut Cordsen hat mit einem der Fanta 4, Michi Beck, vor der Verleihung gesprochen.

Knut Cordsen: Das ist jetzt schon der zweite Sprachpreis, den die Fanta 4 erhalten in diesem Jahr. Im April war's der Medienpreis für Sprachkultur 2018, morgen nun der Jacob Grimm-Preis Deutsche Sprache. Mehr Ehrung als Sprachkünstler geht nicht.

Michi Beck: Ja, Wahnsinn. Ich bin auch ganz platt. Wir freuen uns natürlich darüber. Und haben auch so ein bisschen das Gefühl, dass es wahrscheinlich etwas ist, das mit dem Alter kommt. Beinahe 30 Jahre haben wir durchgehalten, jetzt kommen die Kulturpreise.

Smudo sagte damals im April bei der vorherigen Preisverleihung, dass Sie seinerzeit 1989 bei der Gründung der Fanta 4 eine ganz bewusste Entscheidung für die deutsche Sprache getroffen hätten. Vorher hieß die Band "Terminal Team", doch seit nunmehr fast 30 Jahren nennen sie sich "Die Fantastischen Vier", seitdem ist Deutsch ihre Hausmarke. Was macht das Deutsche für Sie im Sprechgesang attraktiver als das Englische?

Für uns war das Ende der 80er einfach eine Identitätsfindung. Ich glaube, entscheidend war die Reise, die Smudo und Thomas D nach Amerika machten. Nach Schule und Ausbildung sind die ein knappes halbes Jahr durch die USA gereist, da waren wir als Band ganz neu zusammen. In den Vereinigten Staaten haben sie erst mal die US-Rapper nachgemacht. Sie hatten auch so zwei, drei Scherz-Raps auf Deutsch dabei. Sowohl die englischen als auch die deutschen Texte haben sie ab und zu auf lustigen College-Partys oder wo auch immer vorgetragen. Auf die englischen Versuche ernteten sie meistens eher ein mildes Lächeln bis betretenes Schweigen – und auf die deutschen immer Begeisterung. Da wurde uns allen bewusst, dass gerade Rap ein Ausdruck des eigenen Seins ist. Im Text muss es einfach ungefiltert und echt rüberkommen. Das wurde uns – mit ein bisschen Nachhilfe von den klassischen amerikanischen Rappern – dann ziemlich schnell bewusst, dass es eben nur in unserer eigenen Sprache geht.

Die Fantastischen Vier

Die Fantastischen Vier

Ist es denn einfacher auf Deutsch als auf Englisch zu reimen und zu rappen? Oder besteht gerade darin die Herausforderung, die deutsche Sprache, die ja weniger gefügig erscheint als die englische in reimtechnischer Hinsicht, daraufhin abzuklopfen, was in ihr geht, was möglich ist an Reimen und Wortspielereien?

Ich glaube, es ist nicht schwieriger, auf Deutsch zu rappen. Es ist einfacher, wenn man seine Sprache beherrscht. Reime verändern sich ja auch. Heute reimen die Kids ganz andere Sachen. Dinge, von denen wir anfangs gar nicht dachten, dass es überhaupt als Reim durchgehen würde. Das ist auch eine Frage, wie du die Sachen sprichst, wie du sie miteinander verknüpfst usw. So ein Reim ist nicht gleich Reim, sondern erfordert einfach einen speziellen Umgang mit der Sprache. Klar gibt es im Englischen erst mal vordergründig mehr Endungen, die gleich klingen. Aber es ist ja auch ein Sport. Man will Reime finden, die bisher noch nicht dagewesen sind. Das bisher Ungereimte ist die Herausforderung. Und das zu finden ist, glaube ich, in jeder Sprache gleich schwer.

Nehmen wir Ihren Hit "MfG" von 1999. Mit den längst in den allgemeinen Sprachschatz eingegangenen Zeilen "MfG, mit freundlichen Grüßen / die Welt liegt uns zu Füßen, / denn wir stehen drauf. / Wir gehen drauf für ein Leben voller Schall und Rauch, / bevor wir fallen, fallen wir lieber auf." Sind solche Texte Gemeinschaftsprodukte?

Das ist tatsächlich ein extremes Gemeinschaftsprodukt. Daran haben sehr viele Leute mitgearbeitet, in einem langen Prozess. Zunächst sollte es nur ein Zwischen-Track sein, so ein kurzer Schnipsel zwischen richtigen Songs. Dann aber haben wir gemerkt, dass wir damit eine Art Zeitgeist erwischt haben, so dass die Leute derbe drauf angesprungen sind. Dann haben wir um einzelne Strophen einen ganzen Song gebastelt. Es hat ewig gedauert, für diese Abkürzungen, die quasi immer Dreier-Assoziationsketten bilden und sich dann auch noch reimen, eine Quintessenz zu finden in einem Refrain. Das war extrem schwierig. Ohne es blöd oder albern klingen zu lassen, weil ja auch so viele Themen darin behandelt werden. Da hat uns auch Max Herre, ein befreundeter Musiker, mitgeholfen. Auf einer langen Autofahrt von Berlin nach Köln war Nilz Bokelberg dabei, heute Blogger und Musikjournalist, damals Viva-Moderator. Jeder hat da so seine Ideen reingeschmissen. Das war eher so eine Collage, ein ziemlich kompliziertes Stück.

Den Anlass für diesen Song gab die allgemeine Abkürzungsmanie oder was war es?

Na ja, die allgemeine Abkürzungsmanie hat ja nie aufgehört. Es ist einfach ein Phänomen unserer Zeit, dass wir Wörter und Wendungen abkürzen, weil sie ausgesprochen zu viel Zeit in Anspruch nähmen. Die sind immer mehr geworden in unserem Sprachgebrauch über die Jahre hinweg. Jeder benutzt sie, aber halt nicht in solch einer Konzentration. Gerade in der Zusammenballung fanden wir das lustig.

Zeilen wie die aus "Lauschgift" z.B. – "Was geht, was geht? Ich sag's euch ganz konkret" – haben sich in unser aller Sprache verankern können. Macht Sie das auch ein wenig stolz, dass Sie da sprachprägend gewirkt haben?

Natürlich würde ich lügen, wenn ich sagte, wir wären nicht stolz auf unsere Pionierleistungen im deutschen Rap. Das waren natürlich anfänglich einfach ziemlich eins zu eins geklaute oder übernommene Phrasen aus dem US-HipHop, weil der unser einziges Vorbild war. Es gab ja noch keinen deutschsprachigen Rap im großen Ganzen. Wir wollten es aber damit mal versuchen. Wir hatten am Anfang sehr viel Beißhemmung und dachten, man muss eben sehr viel aus Amerika übernehmen, damit es überhaupt zu Rap wird. Das waren so Eindeutschungen wie "Was geht" oder "Was geht ab". "Hausmeister Thomas D" ist angelehnt an "Grandmaster Flash". Es waren Versuche, amerikanische Symboliken und Klischees aus der HipHop- und Rap-Kultur in unsere Sprache zu übertragen. Auch wenn es manchmal gar keine stimmigen Übersetzungen waren, sondern die nur klanglich irgendwie gepasst haben oder wir sie begrifflich irgendwie lustig fanden. Bis wir dann gemerkt haben, dass damit eigentlich viel mehr geht und dass gleichzeitig auch hier dann in der Jugendkultur sprachlich tatsächlich einschlug.

Das war alles nicht geplant. Es war einfach unser Gefühl, die Musik und die Kultur betreffend. Wir konnten nicht ahnen, dass das solche Wellen schlägt. Dass Rap und HipHop weltweit so ein riesiges Phänomen werden würden, war uns damals nicht bewusst.

Sie leben zwar in Berlin, aber ursprünglich stammen Sie aus Stuttgart. Also aus Baden-Württemberg – jenem Bundesland, das bekanntlich alles kann außer Hochdeutsch. Liegt darin nicht eine besondere Ironie, dass gerade Sie als Schwaben zu den großen Repräsentanten des hochdeutschen Sprechgesangs geworden sind?

War Schiller nicht auch Schwabe?

Ja. Vergleichen Sie sich mit Friedrich Schiller?

Beide sind wir Schwaben, und beide sind wir nicht für unser Schwaben-Sein berühmt oder werden dafür ausgezeichnet. Es ist halt so. Wir sehen da jetzt keinen Zusammenhang, sondern eher einen anderen Zusammenhang: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Baden-Württemberg amerikanische Besatzungszone, eine Hochburg der GIs sozusagen. Dadurch hat man natürlich die Kultur gerade von den schwarzen GIs sehr viel früher ungefiltert mitbekommen als vielleicht jemand im Rheinland. Warum es in Stuttgart dann so früh funktioniert hat? Vielleicht, weil es auch kleiner und übersichtlicher war, so dass die Leute, die sich dafür interessiert haben, das dann automatisch schneller kennengelernt haben und ein Netzwerk bilden konnten. Ich habe da eine eher pragmatische Verbindung zu unserem "Stuttgarttum". Aber wir kriegen ja auch keinen Preis fürs Hochdeutsche, sondern für unsere Verdienste um die deutsche Sprache. Ich kann nur sagen: Ich bin ganz froh, dass wir keinen Schwaben-Rap machen.

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Knut Cordsen

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Sozusagen! vom 12.10.2018 - 14:30 Uhr