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Michel Piccoli, der Schauspieler mit Gefühl für Extreme | BR24

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Michel Piccoli war einer von Frankreichs bedeutendsten Charakterdarstellern. Nun ist der Schauspieler im Alter von 94 Jahren gestorben.

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Michel Piccoli, der Schauspieler mit Gefühl für Extreme

Michel Piccoli war einer von Frankreichs bedeutendsten Charakterdarstellern. In seiner über 60 Jahre langen Karriere schlüpfte der Schauspieler in so ziemlich jede Rolle. Jetzt ist die Schauspiellegende im Alter von 94 Jahren gestorben.

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Seine letzten großen Auftritte als Star auf den Roten Teppichen von Cannes und Venedig fanden vor sechs Jahren statt. Wie ein tattriger Gott des Schauspiels schwebte Michel Piccoli damals über den Anlässen – ein gut gelaunter Uropa mit Glatze und weißem Haarkranz, etwas wackelig unterwegs und mit nachlassendem Gehör. Man musste sich nach vorne beugen und laut in sein Ohr sprechen, wollte man ihm etwas sagen oder ihn etwas fragen.

Die 1960er- bis 1980er-Jahre waren seine große Zeit

Dabei wirkte er, als hätte er mit all' dem nicht mehr viel zu tun. Die Verschmelzung von Ware, Mensch und Image, wie man sie allenthalben auf Filmfestivals oder bei großen Kino-Premieren erlebt, hatte ihn da schon nicht mehr interessiert. Piccolis große Zeit lag in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Geklatscht, gejohlt und geschrien wurde inzwischen bei anderen. So schloss man als Beobachter die Augen, wie auch jetzt wieder bei der Meldung seines Todes durch einen Schlaganfall im Alter von 94 Jahren, und versuchte, die Szenen zu erinnern, die er dem universellen Bildergedächtnis durch seine Kunst eingepflanzt hat.

Wie Piccoli in seiner ersten großen Hauptrolle 1963 durch die schulterzuckende Laszivität der Filmehefrau Brigitte Bardot als opportunistisch machohafter Drehbuchautor an den Rand des Wahnsinns getrieben wird – in Jean-Luc Godards Drama "Die Verachtung". Wie Piccoli ein paar Jahre später in Claude Sautets "Die Dinge des Lebens" einen Architekten spielt, der schwach ist und sich nicht entscheiden kann: Möchte er mit seiner Ehefrau oder seiner Geliebten weiterleben? Er verschuldet einen Autounfall und blickt im Sterben zurück auf seine glücklose Unfähigkeit, allein sein zu können.

Viele Erfahrungen seiner Filmfiguren selbst erlebt

Er habe viele Erfahrungen seiner Filmfigur schon selbst gemacht, bis auf den Unfall, sagte Piccoli damals in einem Interview. Fortan suchte er – fast schon manisch – nach immer extremeren Rollen, die seinen Horizont erweitern sollten. In "Themroc" von 1972 widert ihn die zivilisatorische Moderne so an, dass er sich in einem Pariser Viertel zum kannibalistischen Urzeitmenschen zurückentwickelt. Ein Jahr später folgt "Das grosse Fressen", ein selbstmörderischer Exzess in Sachen Sex und Kulinarik, der pure Hedonismus als zerstörerische Lebensform. Und dann kam 1974 noch die zynische Horrorkomödie "Trio Infernal" in die Kinos, in der Piccoli zusammen mit Romy Schneider ein eiskaltes Mörderpaar gibt, das seine Opfer in Salzsäure auflöst.

Danach wollten ihn alle in ihren Filmen, als Schauspieler mit Gespür für das Extrem und den Skandal – und Piccoli drehte munter weiter, mit Jean-Luc Godard, Louis Malle, Luis Bunuel, Agnes Varda und Alain Resnais. Das Spektrum reichte vom Marquis de Sade über einen Maler in der Schaffenskrise in "Die schöne Querulantin" bis zum frisch gewählten Papst voller Selbstzweifel in Nanni Morettis "Habemus Papam". Kurz bevor der in Rom vor die wartenden Gläubigen treten soll, entringt sich ihm ein verzweifelter Schrei.

"Ein schlechter Schauspieler kann kein guter Papst sein."

Ein Psychoanalytiker soll den Mann Gottes therapieren, doch die Sitzungen gestalten sich schwierig, da der Patient nicht über Kindheit, Sex oder sexuelle Fantasien befragt werden darf. Bei der Vorstellung des Films in Cannes sagte Piccoli den schönen Satz: "Ein schlechter Schauspieler kann kein guter Papst sein."

Er war einer, der sich immer wieder mit der eigenen Kunst auseinandersetzte, der das Schauspielen als irritierende Spiegelfläche für die prinzipielle Gaukelei des Lebens begriff. Einen seiner schönsten und berührendsten Auftritte hatte er 2001 in Manoel de Oliveiras Komödie "Ich geh’ nach Hause": Piccoli spielt einen Schauspieler, der endlich in Frieden gelassen werden will. Zu sehen ist er als Prospero aus Shakespeares "Sturm": "Alles wird sich auflösen wie die Schatten eines Spiels", sagt er, "und nicht die geringste Spur hinterlassen."

Die einen gehen, die anderen kommen. Michel Piccoli wird noch lange bleiben, als ein Schauspieler, der in 220 Filmen mitspielte, einmal auch als unsterblicher Monsieur Cinema in "Hundert und eine Nacht", als eine Legende der Kinogeschichte, im fiktiven Dasein wie im echten.

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