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Michel Houellebecq

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    Houellebecq: "Unser Fortschritt endet in Selbstzerstörung"

    Seine "Interventionen" sind selten geworden, doch jetzt hat sich der französische Stardenker abermals geäußert und den Hang seiner Heimat zur "Selbstgeißelung" kritisiert. Der "Fortschritt" werde weltweit unweigerlich in der Vernichtung enden.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Ob Ironie, Zweckpessimismus oder Panik, jetzt will Michel Houellebecq wirklich keinen auch noch so schemenhaften Lichtstrahl mehr in sein eh schon schattenhaftes Denken lassen: Der Starphilosoph eröffnet seine neueste Stellungnahme auf der Netzplattform "UnHerd" mit einem Zitat des berühmten Mathematikers und Literaten Blaise Pascal, wonach er "in alle Richtungen schaue und überall nur Düsternis" sehe. Die Weltlage gebe zu nichts anderem Anlass als "Zweifel und Angst", da sei kein Platz mehr für "positive Wahrheiten oder zur Verteidigung irgendwelcher Ansichten".

    Und damit auch wirklich niemand irgendwo einen Hoffnungsschimmer ausmacht, schrieb Houllebecq: "Nein, wir haben es nicht mit einem französischen 'Selbstmord' zu tun, um den Titel eines Buches von Éric Zemmour zu zitieren, sondern mit einem Selbstmord des Westens oder eher einem Selbstmord der Moderne, weil auch die asiatischen Länder nicht ausgespart sind. Nur das Bewusstsein dafür ist speziell französisch. Aber wenn wir Frankreich mal außer Acht lassen, und es wäre weise, das zu tun, ist die Folgerung kristallklar: Die unausweichliche Folge von allem, was wir Fortschritt nennen, auf allen Ebenen, wirtschaftlich, politisch, wissenschaftlich, technologisch, ist die Selbstzerstörung." Der betont islamkritische Journalist Zemmour, auf den Houllebecq anspielt, wird auch als "Thilo Sarrazin von Frankreich" bezeichnet.

    "Schon Rousseau und Voltaire warnten vor Chinesen"

    Houllebecq verweist auf die niedrigen Geburtenraten in vielen entwickelten Nationen und setzt sie mit dem "Niedergang" gleich. So habe in Frankreich jede Frau nur 1,8 Kinder, in Südeuropa, Singapur und Südkorea seien die Zahlen noch deutlich niedriger. In Japan sei die Lage so bedrohlich, dass es für einsame alte Männer nicht mehr genug Wohnungen gebe und die Regierung schon überlege, das Fruchtbarkeitsverhalten mit Pornos zur Hauptsendezeit zu stimulieren. In Frankreich sei die Lage zwar noch nicht so dramatisch, aber schon Jean-Jacques Rousseau und Voltaire hätten vorhergesagt, dass Europa eines Tages von den Chinesen "versklavt" werde. Sein Heimatland erinnere ihn an einen betagten Hypochonder, so Houllebecq, der dauernd klage, dass er jetzt wirklich "mit einem Bein im Grab" stehe, während alle anderen abwiegelten, er werde sie noch alle überleben.

    © Clemens Niehaus/Picture Alliance
    Bildrechte: Clemens Niehaus/Picture Alliance

    Der Philosoph winkt seinen Fans zu

    Zwar könnten die vielen Migranten die Bevölkerungsbilanz theoretisch ausgleichen, doch weder in Asien, noch in Südeuropa seien sie willkommen, sie würden einfach weitergeschickt, zum "größten und fettesten Käse", nämlich den Ländern Nordeuropas.

    Für Amerika hat der Stardenker nur Hohn und Spott übrig. Zwar hätten die USA den Optimismus zum Lebensprinzip gemacht, er deute das jedoch so, dass diese Nation bald wieder einen neuen Krieg anzetteln und sich "wie gewohnt wie ein Scheißkerl benehmen" werde. Es werde viel Geld verschwendet werden, was am Ende nur China nutze. Und Joe Biden sei "langweiliger als Voltaire".

    "Haben wir überhaupt noch was, auf das wir stolz sind?"

    Von der Linken höre er immer, so Houellebecq, es gehe nicht um einen "Niedergang", sondern um eine "Erneuerung", wonach sich nur die ethnische Zusammensetzung ändere, nicht jedoch die demokratischen Prinzipien Europas. Auf der anderen Seite befürworteten 45 Prozent der Franzosen einen "Bürgerkrieg", was mal wieder beweise, dass Frankreich ein Land der Aufschneider bleibe. Zum Krieg gehörten nämlich immer zwei, und er bezweifle, dass die Franzosen zu den Waffen eilten, um ihre Religion zu verteidigen: "Sie hatten ja seit ziemlich langer Zeit keine mehr, und in jedem Fall ist ihre frühere Religion von der Art, dass sie dem Messer des Metzgers ihren Hals darbieten." Und auch einen Krieg zur Verteidigung der Kultur, des Lebensstils, des Wertesystems kann sich Houellebecq nicht vorstellen: "Worüber reden wir genau? Und vorausgesetzt, es existiert, ist es das wert, dafür zu kämpfen? Hat unsere 'Zivilisation' überhaupt noch was, auf das sie stolz sein kann?"

    In der französischen Presse wird Houllebecqs Weltuntergangs-Predigt bereits groß besprochen, zumal er eine Art "Schweigegelübde" abgelegt hatte und sich zu aktuellen Fragen nicht mehr äußern wollte. Anlass für seinen Beitrag in "UnHerd" war ein "Drohbrief" von zwanzig pensionierten französischen Generälen in der rechten Zeitschrift "Valeurs actuelles" vom 21. April dieses Jahres, worin sie vor einem "Bürgerkrieg" und einem "Zerfall" von Frankreich gewarnt und den Einsatz der Armee nicht ausgeschlossen hatten. Unter den 14.000 Unterzeichnern sollen sich auch 18 aktive Soldaten befinden.

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