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Provokateur aus Leidenschaft - Autor Michel Houellebecq

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    Michel Houellebecq als Meister der provozierenden Prognose

    Kontaktreduktion aus Prinzip, Lob des Konservatismus, Angriff auf den Islamismus: In seiner Essaysammlung "Ein bisschen schlechter" erweist sich Michel Houellebecq erneut als streitbarer Sozialdiagnostiker. Und zeigt sich doch als "homme fragile".

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    Von
    • Knut Cordsen

    Sehr treffend, diese Selbstcharakteristik: "Meine Überzeugungen sind überschaubar, doch sie sind heftig." So schreibt es Michael Houellebecq, der weiß, als was man ihn alles schon bespöttelt hat: als "Deprimist" etwa, oder als "Düsterist". Dabei ist er doch einfach nur – und nicht zum ersten Mal ein lustvoller literarischer Interventionist. Mit seinen "Neuen Interventionen" legt er bereits den dritten Band dieser Art vor. Nach "Die Welt als Supermarkt" 1999 und "Ich habe einen Traum" 2010 heißt es nun: "Ein bisschen schlechter". Der Titel ist dem am 4. Mai 2020 bei "France Inter" verlesenen Brief Michel Houellebecqs an seine Schriftstellerkollegen und Zeitgenossen entnommen, in dem er hellsichtig (viele werden es als schwarzseherisch nennen) die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unser Leben untersucht: Die Tech-Branche im Silicon Valley und anderswo mag dadurch angestoßene Digitalisierungsschübe feiern, Houellebecq erkennt als "Hauptresultat" des Virus, "dass es gewisse, bereits angestoßene Veränderungen beschleunigt: Schon seit einigen Jahren hat die Gesamtheit der technologischen Entwicklungen, ob unbedeutend (Video on demand, kontaktloses Bezahlen) oder bedeutend (Arbeiten von zu Hause aus, Einkaufen im Internet, die sozialen Netzwerke), hauptsächlich zur Folge (und zum Ziel?) gehabt, materielle und vor allem zwischenmenschliche Kontakte zu reduzieren. Die Epidemie des Coronavirus liefert dieser beklemmenden Tendenz eine wunderbare Daseinsberechtigung: zwischenmenschliche Beziehungen scheinbar obsolet werden zu lassen." Sein Fazit lautet deshalb: "Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter."

    Zwischen Homestory und politischer Analyse

    Touché. Nicht immer formuliert der Franzose so auf den Punkt, besonders nicht, wenn er, wie hier nachzulesen, mit seinem alten Freund Frédéric Beigbeder plaudert. Aber selbst die Transkription dieses Abendessen-Dialogs ist nicht ohne Charme, unterschlägt sie nämlich nicht jene Laute, die jedem vertraut sind, der schon einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit Houellebecq ein Interview zu führen: "Mmmm ... ach ... pff ...". Man hat den ketterauchenden Autor, der die Zigarette stets auffallend gespreizt zwischen Mittel- und Ringfinger hält, dadurch sofort vor Augen. Und immerhin erfahren wir hier, dass Houellebecq, was nun keiner vermutet hätte, Theodor Fontane entdeckt hat, Paul McCartney vergöttert und bei der Aufführung von Franz Schuberts "Ein Hirt auf dem Felsen" mitten im Konzert vor Rührung laut schluchzen musste. Gossip? Klar, aber wer hat Angst vor dem Boulevard? Michel Houellebecq auf jeden Fall nicht. Und so schwankt diese Sammlung aus Vor- und Lobreden sowie Interviews zwischen privaten Einblicken (wir wissen jetzt, dass der Autor im XIII. Arrondissement von Paris in einem Hochhaus lebt "mit Blick auf chinesische Schriftzüge") und geopolitischen Analysen, an denen er sich verhebt ("am Ende wird China seine Ambitionen zurückschrauben, und Indien wird es ihm gleichtun"). Houellebecqs Lob des Konservatismus als "Quelle des Fortschritts" ist erfrischend zu lesen und wird seine Gegner einmal mehr in ihrer Überzeugung bestärken, es bei ihm mit einem "nouveau réactionnaire" zu tun zu haben ("Die totale Vorherrschaft der Linken über die Intellektuellen dauert seit 1945 an."). Genauso triftig erscheint es allerdings, ihn als "homme fragile" mit einem außergewöhnlichen Sensorium für kommende Erschütterungen der Gesellschaft zu sehen. Man sollte ihn nicht als Décadent titulieren, nur weil er die westliche Dekadenz beim Namen nennt. Seine 2015 nach dem islamistischen Terror-Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" geäußerten Worte haben nach der Enthauptung Samuel Patys 2020 eine traurige Aktualität: "Die Menschen hängen an einer gewissen Art von Freiheit. Sie wollen sich darauf verlassen können, am Kiosk eine Satirezeitschrift zu finden. Das ist eine Grundfreiheit, die noch nie so brutal und offen angegriffen wurde."

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    Nach Corona ist die Welt auch nur "Ein bisschen schlechter" als vor Corona, meint Michel Houellebecq in seinen neuen Essays.

    Religiosität des Atheisten

    "Man hat das Recht, eine Religion anzugreifen" – solche Sätze zielen natürlich gegen eine unkritische Haltung dem radikalen Islam gegenüber, die in Frankreich neuerdings als "islamo-gauchisme" attackiert wird. Die Religion spielt in nahezu allen diesen Einlassungen eine große Rolle. Er sei für einen "ausgewogenen Katholizismus", bekundet Houellebecq ("ich war nie sehr gläubig") und plädiert an anderer Stelle für eine endgültige Entfernung der katholischen Kirche vom Protestantismus und für eine Umkehr in Richtung Orthodoxie: "Sich vollständig in ihr zu integrieren, wäre die beste Lösung, doch das ist nicht einfach." Nicht ohne Grund taucht der Name des von ihm spät entdeckten tiefgläubigen Katholiken Joris Karl Huysmans immer wieder in diesen Interventionen auf – er war schon in Houellebecqs Roman "Unterwerfung" eine zentrale Bezugsfigur. Hier nun erklärt er: "In meinen Büchern ist das Urteil über die Werke anderer immer das meinige. Ich nutze meine Romane, um ein wenig verstohlene Literaturkritik zu betreiben." Auf den heiligen Paulus angesprochen, gibt Houellebecq zu Protokoll: "Letztlich hatte Paulus den stärksten literarischen Einfluss auf mich. Bei ihm habe ich jene Seite entdeckt, die man mitunter als Punk bezeichnen könnte und die sich in ‚Lebendig bleiben‘ und ‚Ausweitung der Kampfzone‘ finden lässt." Der Autor also ein Apostel, gar ein Prophet? I wo: "Ich gebe Prognosen ab, die keine Prophezeiungen sind."

    Die Lust am Gift des Zweifels

    Ein Schriftsteller-Kollege, dessen Œuvre Houellebecq wie kein zweites preist, ist Emmanuel Carrère. Ihm widmet er auch einen Essay. Während Carrère auch hierzulande verlegt und bekannt ist, werden viele die Namen von Benoît Duteurtre, Philippe Muray, Jean-Louis Curtis oder des Tourismussoziologen Rachid Amirou erst googeln müssen. Letzteren schätzt der Goncourt-Preisträger besonders – es lohnt sich durchaus nachzulesen, warum. Schließlich ist da das lange Gespräch Houellebecqs mit dem Superstar der neuen Rechten in Frankreich, Geoffroy Lejeune aus dem Jahr 2019. Der heute erst 32-jährige Lejeune ist Chefredakteur des ultrakonservativen Magazins "Valeurs actuelles". Schon allein mit ihm zu sprechen, wird Houellebecq vorschnelle Verortungen im Lager des Gesprächspartners eingetragen haben. Doch das wird ihm, dem Vielgescholtenen, gleich sein. Er, der Louis-Ferdinand Céline übrigens für "lachhaft überschätzt" hält, bevorzugt seit eh und je eine Literatur, "aus der das Miasma des moralischen Zweifels emporsteigt".

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