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"Schattenfroh": Michael Lentz zu Gast beim Erlanger Poetenfest | BR24

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Die Texte von Michael Lentz muss man eigentlich hören, sie leben von Rhythmus und Drive. Für den BR hat Lentz eine Passage aus seinem neuen Buch "Schattenfroh" eingelesen - zu hören, bevor das große literarische Experiment auf Papier erscheint.

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"Schattenfroh": Michael Lentz zu Gast beim Erlanger Poetenfest

Die Texte von Michael Lentz muss man eigentlich hören, sie leben von Rhythmus und Drive. Für den BR hat Lentz eine Passage aus seinem neuen Roman "Schattenfroh" eingelesen - zu hören, bevor das große literarische Experiment auf Papier erscheint.

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Dieses Buch ist eine Wucht: 1008 Seiten, geschrieben von einem Erzähler, der in einer Zelle sitzt. Wo und warum er dort ist, das bleibt zunächst unklar, vom ersten Satz aber ist sicher: Hier erkämpft sich jemand seine Welt im Material der Sprache. Er heiße Niemand, wird ihm von einem gewissen "Schattenfroh" gesagt, sein Auftrag laute: "Niemand erkennt sich selbst."

Heilige und Tote, Vater und Sohn

Bei Sätzen wie diesen denkt man an das antike Orakel von Delphi oder an Odysseus, vielleicht denkt man auch an Märchen, in denen geheimnisvolle Aufträge an den Helden ergehen, oder an Heiligenlegenden. All das ist auch drin in diesem monumentalen Buch: Michael Lentz macht ein Panorama an kulturgeschichtlichen Anspielungen auf – und erzählt zugleich eine individuelle Geschichte aus dem 20. Jahrhundert. Eine Geschichte über den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, die Toten des Luftangriffs auf Düren, Michael Lentz‘ Heimatstadt, im November 1944, einen Vater und einen Sohn.

Der Sohn ist der Schreiber dieses dahinschießenden Sprachstroms, Leben und Tod des Vaters sind eine schmerzhafte Erinnerung, eine wütende Sehnsucht, auf die sich der furiose Text einen Reim zu machen versucht. Manchmal im durchaus buchstäblichen Sinne: Michael Lentz treibt in "Schattenfroh" ein subtiles Spiel mit Textsorten und Formaten des Geschriebenen. Zwischen den langen Prosablöcken finden sich Gedichte und Gebete, Chiffrensammlungen und Lückentexte, verblassende oder ineinander rutschende Zeilen, handschriftliche Listen von Opfern der Bombenangriffe über mehr als 70 Seiten und gedruckte Literaturlisten.

Es gibt einen religiösen Unterton in "Schattenfroh" - oder eher ein heftiges Ringen mit den Antworten der Religion auf die existenziellen Fragen von Leben und Sterben. Die Erzählstimme spricht von der eigenen "katholischen Unterwürfigkeit", die sich umso deutlicher zeige, je mehr sich die eigene Überzeugung verfestigt habe, dem Katholizismus vollständig entsagt zu haben. Und für den Teufel, der diese Stimme anfeuert, zu sprechen, hat jeder Text nur ein Ziel: "Gott herabzuziehen".

"Schreiben im Gehirnwasser"

Der Tod und die Schrift, die ihn zu fassen sucht, das sind die beiden Hauptmotive des Buches – im Untertitel wird der Roman als "ein Requiem" bezeichnet. Damit ist das opulente "Schattenfroh" auch eine Antwort auf jenen schmalen Text, mit dem Michael Lentz 2001 die größere Bühne des Literaturbetriebs betrat: Mit "Muttersterben" gewann der Autor damals den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Und nun also eine große Auseinandersetzung mit dem Vater, der mal zu Luzifer wird, mal den Rohrstock auspackt und mal als pflichtbewusster Verwaltungsdirektor auftritt, ohne Pause am Schreibtisch sitzend und mittags "dem Hunger einen Rekord an abgearbeiteten Formularen" abringend. Der Vater pflegt eine wahre Leidenschaft für Akten und Archive, der "Gang zu den Papieren ist ihm heilig". Für den Sohn ist die Sprache zwar ebenfalls immer noch das Geschriebene, Aufgezeichnete und Gedruckte, doch zugleich sucht er eine noch tiefere Schicht auf: "Ich habe kein Papier, keinen Stift, keine Schreibmaschine, keinen Computer. Ich schreibe in mein Gehirnwasser."

Der erste Satz des Buches lautet: "Man nennt es schreiben", der letzte ebenfalls. Das neue Buch von Michael Lentz ist ein Experiment der Sprache, das zeigt: Sie kann sehr viel mehr, als Geschichten zu erzählen. Und der seltsame "Schattenfroh"? Der sitzt seit Wochen im Innern des Schreibenden, er wohnt längst dort, ein "tierhaftes Kapuzenmännlein, so stelle ich ihn mir vor, das aus Fliege, Heuschrecke, Gecko und Menschenkopf zusammengesetzt ist". Auch in seinem eigenen Kopf sei er kein freier Mensch, so die nüchterne Feststellung des erzählenden Ichs. Schon im nächsten Satz heißt es dann aber: "Mit dieser Art Brille würde ich eine unvorstellbare Freiheit erleben, hat Schattenfroh versprochen." Etwas von dieser Freiheit führt die strenge Anarchie von Michael Lentz‘ Buch vor.

"Schattenfroh. Ein Requiem" von Michael Lentz erscheint am 29. August im S. Fischer Verlag.

Michael Lentz ist mit "Schattenfroh" zu Gast beim Live-Diwan vom 38. Erlanger Poetenfest: Sonntag, den 26. August, ab 13:45 Uhr in der Orangerie im Schlossgarten, ab 14:05 Uhr live auf Bayern 2.

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