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Michael Krüger: Liebevoller Blick auf die Macken der Literaten | BR24

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Michael Krüger: Liebevoller Blick auf die Macken der Literaten.

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Michael Krüger: Liebevoller Blick auf die Macken der Literaten

Jahrzehntelang war Michael Krüger eine Instanz des Literaturbetriebs. Vor kurzem hat er einen Band mit Erinnerungen und Gedichten veröffentlicht, der Titel: "Meteorologie des Herzens. Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich".

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Von
  • Knut Cordsen

Sein Großvater "konnte über hundert Vögel / an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet / die Dialekte, die in den Hecken gesprochen wurden", heißt es in dem Gedicht, das Michael Krügers jüngstes Buch eröffnet – es sind einige Vögel, die draußen singen, wenn man den 77-jährigen auf der Terrasse seines "Holzhauses" oberhalb des Starnberger Sees trifft. Hier lebt der langjährige Verleger und Autor seit einem Jahr, seit Ausbruch jener Pandemie, der er einen ganzen "Quarantäne"-Zyklus gewidmet hat. Aber deshalb sind wir nicht da; wir sind wegen jener Lyrik und Erinnerungen da, die er in einem schönen, kleinen Büchlein versammelt hat: ein Buch, das Zeugnis ablegt von Krügers lebenslanger Leidenschaft: der Poesie. Und in der besingt er eben, während oben am azurblauen Himmel ein Flugzeug kreist, die eigenen Großeltern, bei denen er aufwuchs auf einem Landgut in Sachsen.

„Mein Großvater las nicht mehr. Alle Bücher stehen / in meinem Kopf, sagte er, aber ganz durcheinander. / Dafür erzählte er gerne, am liebsten vom König, / der sich angeblich für ihn interessiert hatte. / Auf der Jagd sollte er ihm einen Hasen / vor die Flinte treiben, aber der Großvater hatte / das Tier unter seinem Mantel versteckt. / Ich kann noch heute das Hasenherz schlagen hören, / rief er und fasste sich an die Stelle, wo seine Uhr / hing. Hasen haben ein schlechtes Herz, / damit kann man keinen Staat machen. Vom Staat / war nicht viel zu erwarten. Wenn die Großmutter / nicht im Zimmer war, hörten wir Radio, messerscharfe / Stimmen, die den Rauch seiner Pfeife zittern ließen. / Saubande, sagte mein Großvater, der sonst nie / fluchte. In der Nähe von Beromünster war die Musik / zu Hause, da fahren wir eines Tages hin, sagte er, / und hören Bach und Tschaikowsky. Dann schlief er ein. / Das Lid über seinem Glasauge war nie ganz geschlossen.“ Aus dem Gedichtband

Nichts angenehmer als morgens den Tag zu beginnen mit einem philosophischen Aphoristiker, nichts schöner, als einen Abend lang sich in einem Gedichtband zu verlieren – diese Losung findet sich in Krügers Buch. Einem Gedicht ist auch der Titel desselben entliehen, es stammt vom polnischen Dichter Zbigniew Herbert, das "Zbig" seinem weitaus jüngeren Freund Michael 1991 widmete ...

"... vielleicht ist alles was geschehen ist / zwischen uns / eine Meteorologie des Herzens // aber es brauchte Mut / denkst du nicht Michael / um sich zu einer Geste aufzuraffen / einer halben Körperdrehung / sich in die Augen zu sehen." Zbigniew Herbert

Den Verfasser dieser Zeilen, Zbigniew Herbert, lernte Krüger als "23-jähriger Nemo" in Berlin kennen. Die hier nachzulesende Geschichte ihrer jahrzehntelangen Freundschaft ist sicherlich die stärkste dieses Bandes. Sie erzählt viel von etwas, das man mit einem etwas merkwürdigen Ausdruck als "Autorenpflege" bezeichnet – in diesem Fall mit der speziellen Pointe, dass Krüger noch nicht mal Herberts Verleger war – der hieß Siegfried Unseld. Trotzdem erkannte Michael Krüger seine Aufgabe darin, diesen nicht einfachen Schriftsteller in seinen literarischen wie gesundheitlichen Krisen in Briefen und Telefonaten zu stützen, ihn zu ermuntern, mit ihm beim Bierbichler unten am See zu sitzen. Einsam sei Herbert gewesen, so Krüger, zu seiner Zeit als Stipendiat der Villa Waldberta in Feldafing, deshalb habe er Zbigniew Herbert immer nach München in die Alte Pinakothek begleitet. Stundenlang habe er dort mit seinem Freund vor den Gemälden gesessen und ihm gelauscht. "Er hat zum Beispiel einen wunderbaren Text über das erste Auftauchen der Tomate auf holländischen Bildern geschrieben, bei denen man im ersten Moment denkt: Naja, ist nicht so wichtig. Noch dazu heute, wo zwei Drittel der Tomaten aus Holland kommen und immer noch nicht schmecken, wo sozusagen die holländische Tomate wieder Weltgeltung erlangt hat. Aber damals hatte das eine Bedeutung, wenn da plötzlich eine Tomate auf dem Bild war. All das fand Zbigniew in einer vollkommen unakademischen Weise heraus durch bloßes Anschauen", erzählt Krüger.

Die "Regierungsarbeit" des Verlegens, von der Krüger spricht, liegt jetzt schon sieben Jahre hinter ihm – und doch merkt man seinen hier gebündelten Texten den ihm schon immer eigenen Hang zur sprechenden Anekdote an. Kaum einer kann so liebevoll und ironisch zugleich von den Macken und Spleens anderer Autoren berichten wie derjenige, den der ganze Literaturbetrieb nur "Michel" nennt. "Der Philosoph" käme manchmal zu ihm den Hügel hinauf, sagt Krüger, und meint damit Jürgen Habermas, der nahebei wohnt. Aber sonst: Seine alten Weggefährten sterben ihm langsam davon, Peter Hamm, Philippe Jaccottet, zuletzt Adam Zagajewski. Der einzige Trost: Ihre Stimmen hat der begnadete Stimmenimitator alle noch im Ohr, wenn er sie liest.

"Meine jetzige Lebensform ist, was die Lektüre betrifft, ideal. Man kann wahnsinnig viel lesen, aber das bedeutet nicht, dass ich gerne diese Zeit nochmal verlängern würde um ein Jahr. Ich möchte auch mal wieder hier raus, ich möchte nach Krakau fahren, nach Paris, Madrid oder Rom. Es darf nicht sein, finde ich, dass wir alle nach diesem einen Jahr sagen: So wichtig ist das doch gar nicht, dass wir da herumdüsen. Kann ja sein. Aber wenn wir die Möglichkeit dazu nicht mehr hätten, wäre das entsetzlich. Das macht mich ganz kribbelig und krank." Michael Krüger

Michael Krügers Buch "Meteorologie des Herzens. Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich" ist bei Berenberg erschienen und kostet 20 Euro.

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