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Bildrechte: Pandastorm Pictures

Szenen-Bild aus "Hunted - Waldsterben"

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#MeToo und Rotkäppchen: Horror-Thriller "Hunted - Waldsterben"

Vincent Paronnaud wurde bekannt mit "Persepolis" und "Huhn mit Pflaumen". Jetzt führt er Regie beim Survival-Thriller "Hunted". Der verspricht, der #metoo-Debatte mit Märchenmotiven einen neuen Anstrich zu geben.

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Von
  • Marie Schoeß

Ein Film, der so offensiv mit Rotkäppchen und Wolfsgestalten spielt, kann keinen nüchtern-realistischen Einstieg wählen. Und das tut "Hunted" auch nicht, stattdessen rufen schon die ersten Einstellungen dem Zuschauer zu: Es wird mythisch-märchenhaft in diesem Film und Wissen kann andere, verborgenere Quellen haben als logische Argumente.

Eine Mutter übernachtet mit ihrem Sohn im Wald, vor ihnen knistert das Lagerfeuer, während sie dem Jungen eine Geschichte erzählt, für die er offensichtlich viel zu jung ist. Vor langer, langer Zeit, so lässt sich die Geschichte zusammenfassen, vor langer Zeit haben die Wölfe des Waldes eine Frau vor ihrer Opferung bewahrt. Es handelt sich um den Wald, in dem wir uns gerade befinden, lässt die Mutter ihren Sohn wissen. Und der fragt – zu arglos, um die eigentliche Lektion der Geschichte zu verstehen: "Gibt es hier noch Wölfe, Mama?" "Wölfe, nein, hier nicht. Aber Männer, die gibt es leider noch."

Damit ist – noch bevor die Handlung begonnen hat und die Hauptfiguren eingeführt wurden – das mythische Wissen dieses Films ausgesprochen: Der Wald, die Tiere im Wald sind Verbündete der Frauen, während die sich vor Männern lieber in Acht nehmen sollten.

Klimawandel: im Horrorfilm "Hunted - Waldsterben" kein Thema

Mit diesem Wissen springt die Zuschauerin aus dem Wald in die wenig märchenhafte Realität unserer Zeit und lernt die Hauptfigur kennen: Eve, ausgesprochen hübsch, ausgesprochen blond, wirkt klug und kundig in ihrem Beruf, aber auch eine Spur defensiv: Dem Chef kann sie nicht glaubhaft machen, dass sie die Richtige, die Durchsetzungsstarke ist, vor Gesprächen mit dem Freund drückt sie sich, statt Klarheit zu schaffen, und in der Bar, in der sie Job und Freund einen Augenblick vergessen will, drängt sich bloß der nächste Typ auf.

In dieser Szene glaubt die Zuschauerin, den einen Mann kennengelernt zu haben, der dem mythischen Waldwissen widerspricht: Männer sind ja vielleicht doch so hilfreich wie Wildtiere, lässt einen dieser hier glauben. Das meint auch Eve, trinkt und tanzt mit ihm, begleitet ihn in sein Auto, steigt zu ihm auf die Rückbank und wird erst misstrauisch, als sich der Wagen in Bewegung setzt und plötzlich zwei Männer im Auto sitzen.

Misogyner Psychopath und verunsicherter Handlanger

Und so landet der Zuschauer über ein paar Umwege zurück im Wald und im Horrorfilm: Der einstige Sympathieträger entpuppt sich als misogyner Psychopath, der Fahrer als extrem unsicherer Handlanger, die Frau ist erst gefesselt, kann sich aber nach einem Unfall im Wald – ein Tier war den Männern im Weg – befreien und fliehen. Sie läuft in knallroter Jacke vor ihren Verfolgern weg, während die Kamera immer wieder zu ihnen zurückkehrt und ein rätselhaftes Duo präsentiert. Der eine: gnadenlos, nicht nur gegenüber der Frau, sondern auch gegenüber dem verletzten Mittäter, und der: nicht bloß verletzt, sondern überhaupt ausgeliefert, handlungsunfähig und bereit, sich beleidigen zu lassen.

Gejagte wird zur Jägerin

Es ist der kluge Kniff des Films, dass er die Rollen irgendwann umdrehen wird – dass die Frau in roter Montur irgendwann entscheidet, nicht mehr Gejagte zu sein, sondern selbst zu jagen. Nur wie genau diese geistige Wende geleistet wurde, lässt der Film im Unklaren – es sei denn, man vertraut ganz auf das Mystisch-Märchenhafte: Denn während die Männer ihrer Umgebung ganz fremd bleiben, Twix essen und das Plastik in den Fluss werfen, nähert sich die Frau der Natur an, steht mit offenem Mund im Wald, um den Regen aufzufangen, scheint zu wissen, welche Beeren ungefährlich sind, und darf sich an einem Wildtier anlehnen, als ihr die Kraft ausgeht. Das bringt einige starke ästhetische Szenen hervor, aber nicht wenigen Zuschauerinnen wird es doch schwerfallen, einer Emanzipationsgeschichte jenseits von Figurenpsychologie und Logik zu folgen und ganz der ermächtigenden Kraft der Natur zu trauen.

Als DVD und Video on Demand: "Hunted" von Vincent Paronnaud von Pandastorm Pictures.

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Der Survival-Thriller "Hunted" zeigt starke ästhetische Szenen.

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Eve in roter Montur entscheidet irgendwann, nicht mehr Gejagte zu sein, sondern selbst zu jagen.

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Ein rätselhaftes Duo: Ein misogyner Psychopath und sein unsicherer Handlanger entführen Eve nach einem Abend im Club in den Wald.

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