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Wie Frauen in Nordafrika sich mit ihrem #MeToo wehren | BR24

© ARD

Frauen im Maghreb sind trotz Gesetzesreformen zu mehr Gleichberechtigung häufig sexueller Gewalt ausgesetzt. Nun machen sie ihre Erfahrungen öffentlich, auch über soziale Netzwerke. Und es zeigt sich eine erschreckende Alltäglichkeit von Übergriffen.

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Wie Frauen in Nordafrika sich mit ihrem #MeToo wehren

Frauen im Maghreb sind trotz Gesetzesreformen zu mehr Gleichberechtigung häufig sexueller Gewalt ausgesetzt. Nun machen sie ihre Erfahrungen öffentlich, auch über soziale Netzwerke. Und es zeigt sich eine erschreckende Alltäglichkeit von Übergriffen.

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Trillerpfeifen gegen Sexismus. Die Initiatorinnen der marokkanischen #MeToo-Bewegung #masaktach ziehen landesweit durch die Straßen. Bewaffnet mit bunten Trillerpfeifen, die sie verteilen. Sie sprechen Frauen an, aber auch Männer, wollen aufmerksam machen auf Belästigung und sexuelle Gewalt – denn für viele Marokkanerinnen ist das Alltag. #masaktasch organisiert Aufklärungskampagnen und setzt sich öffentlich für für Opfer von sexueller Gewalt ein.

Das Schweigen brechen

Masaktach bedeutet "ich schweige nicht". Es sei ihr Weg, sich im öffentlichen Raum gegen sexuelle Belästigung im wahrsten Sinne des Wortes Gehör zu verschaffen, erklärt Mit-Initiatorin Leila Slassi in ihrem Büro. Hier in Casablanca haben sich 2018 dutzende ihrer Freundinnen und Bekannten getroffen, um die marokkanische feministische Bewegung zu gründen. Heute erzählt ein mit vielen bunten Trillerfpeifen behangenes Bäumchen im Büro von dem Ereignis.

Auslöser für #masaktach war der Fall der 17-jährigen Khadija. Die junge Frau wurde 2018 von mehreren Männern gekidnappt und mehrere Wochen lang festgehalten, vergewaltigt, gefoltert und von ihren Peinigern am ganzen Körper zwangs-tätowiert. Der Fall sorgte in Marokko für Schlagzeilen und hitzige Diskussionen. Die Geburtsstunde von #masaktach: "Diese Geschichte hat uns nochmal bewusst gemacht, wie problematisch die Gewalt gegen Frauen ist", sagt #masaktach-Gründerin und Anwältin Laila Slassi, "und dass weder die Gesellschaft noch die Justiz überhaupt wirklich zur Kenntnis nimmt, was Frauen in unserem Land durchmachen müssen."

Die Gründerinnen von #masaktach unterstützten die junge Khadija. Denn im Netz wurden ihre Zeugenaussagen als unglaubwürdig dargestellt. Die Aktivistinnen boten diesen Unterstellungen Paroli. Sie wissen: Khadija ist kein Einzelfall.

Neue Gesetze, alte Regeln

Laut einer staatlichen Studie geben über zwei Drittel der Marokkanerinnen an, in ihrem Leben sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Zwar gibt es in Marokko Gesetze zum Schutz der Frau – erst 2018 wurde ein Gesetz erlassen, das die Belästigungen von Frauen ahndet. Das habe an der Lebensrealität für Marokkanerinnen allerdings kaum etwas geändert, sagt Laila Slassi: "Wenn wir unsere Gesetze lesen, könnte man meinen: alles ist gut. Unseren Analysen haben aber ergeben: das Problem liegt nicht in den Gesetzen, sondern darin, wie sie ausgeführt werden und wie Richter sie interpretieren."

Slassi kritisiert, dass Vergewaltiger oft mit geringen Strafen davonkämen – sofern es überhaupt zu Verurteilungen komme. Zu oft würden Opfer doppelt von der Justiz bestraft, prangert sie an. Dies zeige auch der Fall von Amina Felali: Die 16-jährige Marokkanerin hatte 2012 eine Vergewaltigung angezeigt. Das Urteil des Richters nach einem alten Gesetz: Amina musste ihren Peiniger heiraten – wenig später nahm sich die junge Marokkanerin das Leben. Damals wurde nach einem großen Aufschrei im Land das alte Gesetz reformiert.

Erfahrungsberichte zu Pädophilie

Im nicht allzu weit entfernten Tunesien sieht die Lage für Frauen ähnlich aus. Dort hat Amel Haouet vor Kurzem den Hashtag #EnaZeda – "ich auch" auf Tunesisch – ins Leben gerufen. Für sie kam der Auslöser kurz nach den tunesischen Parlamentswahlen Anfang Oktober. Ein frisch gewählter Abgeordneter wurde in seinem Auto dabei erwischt, wie er vor einer Schule masturbierte. Eine Schülerin fotografierte den Abgeordneten und stellte die Fotos ins Netz. Er selbst widerspricht den Vorwürfen.

Kurze Zeit später gründete Amel Haouet #EnaZeda – die tunesische Version des Hashtag #MeToo. Sie sagt: solchen Belästigungen seien viele Tunesierinnen tagtäglich ausgesetzt. Die Reaktionen auf ihren Hashtag haben sie überrascht: "Was mich schockiert, sind die zahlreichen Erfahrungsberichte, die in Zusammenhang stehen mit Pädophilie. Denn ich weiß, #MeToo beschäftigt sich mit sexueller Belästigung im Job, auf den Straßen, also meistens Gewalt gegen Erwachsene. Das kam bei #EnaZeda auch viel zum Ausdruck – aber diese Fälle von Pädophilie sind unerhört und gleichzeitig scheinen sie banal in Tunesien."

Tabuthema Sexualität

Mit ihrem Hashtag will Amel Haouet vor allem auch Tabus brechen. Denn über sexuelle Gewalt zu reden, falle vielen Betroffenen schwer: "Egal, ob du jugendlich oder erwachsen bist in Tunesien – du befürchtest als Betroffene von Gewalt immer die Reaktionen der anderen. Du befürchtest, dass man dir eine Mitschuld geben wird und dass du diejenige sein wirst, die Schande über die Familie bringt."

Mit #EnaZeda, dem Hashtag extra auf Tunesisch will Amel Haouet Tunesierinnen auch auffordern, in ihrer Muttersprache von ihren Erlebnissen berichten zu können: "Wir befinden uns immer noch in einer Tabu-Zone in Tunesien. Sex ist generell ein Tabuthema – da spreche ich noch nicht einmal von sexueller Gewalt, dafür finden wir keine Worte. Wir haben keine verfügbare Sprache dafür. Wenn wir über sexuelle Beziehungen reden, ist das schwierig auf Tunesisch. Denn wir haben in unserer Sprache dafür nur vulgäre Worte."

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