BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Wie ein Jahr #MeToo die Kulturbranche verändert hat | BR24

Audio nicht mehr verfügbar

Dieses Audio konnte leider nicht geladen werden, da es nicht mehr verfügbar ist.

Weitere Information zur Verweildauer

© Bayern 2

Frank Underwood (Kevin Spacey) musste in "House of Cards" den Serientod sterben und hier richteten Theater, Rundfunk und Filmbranche Beschwerdestellen ein. Ein Anfang, aber der Abbau der Machtstrukturen, den #Metoo anmahnt, muss weitergehen.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie ein Jahr #MeToo die Kulturbranche verändert hat

Frank Underwood (Kevin Spacey) musste in "House of Cards" den Serientod sterben, hierzulande richteten Theater, Rundfunk und Filmbranche Beschwerdestellen ein. Ein Anfang, doch der Abbau der Machtstrukturen, den #Metoo anmahnt, muss weitergehen.

Per Mail sharen
Teilen

Um 2018 im Licht von #MeToo zu betrachten, hilft es, ein paar Serien aus diesem Jahr anzuschauen, die vom Zeitgeist geprägt sind, der die Bewegung möglich machte: Da, auf den kleinen Bildschirmen, laufen Frauen Sturm gegen die herrschenden Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Die Wrestlerinnen aus der Netflix Serie "GLOW" hatten 2018 ihren eigenen #MeToo-Moment: "Hätte ich etwa mit ihm ficken sollen? – Nein! Du hättest ihn glauben machen sollen, dass du vielleicht mit ihm fickst! So läuft das Geschäft nun mal, Ruth. Männer versuchen es und du, ja, musst so tun, als ob es dir gefällt, bis du es irgendwann nicht mehr musst. – Das sollte aber nicht so sein. – Nein. Das sollte es nicht. Und Frauen sollten Regie führen können und mit 30 noch nicht zum alten Eisen zählen. Aber so ist das nun mal."

Terror-Aktionen gegen Vergewaltiger in der Fiktion

Diese Szene ist fiktional, sie könnte so aber auch tatsächlich stattgefunden haben. Nicht nur in den 80er-Jahren, in denen die Serie GLOW spielt: Die Erfahrungen aus einem Jahr #MeToo zeigen, dass es auch heute noch nicht viel anders aussieht. Die wütenden Fernsehfrauen klagen an, teilen ihr Leid und rechnen ab mit ihren Peinigern. Wie in der surrealen Amazon-Serie "Dietland", die einen Albtraum von Misogynen und Feminismus-Gegnern zum Leben erweckt: Die feministische Terrororganisation Jennifer nimmt mörderisch Rache an Vergewaltigern, denen das Gesetz nichts anhaben konnte: "Frauen sind doch schon lange sehr wütend, unglaublich lange. Ist es daher wirklich so überraschend, dass sie nach all dem Missbrauch, den sie erlitten haben, schließlich mit tödlicher Wucht statt einfach nur mit Worten zurückschlagen?"

Die Realität sieht freilich ein wenig anders aus, und so wundert es auch nicht, dass "Dietland" bereits nach einer Staffel eingestellt wurde. 425 prominente Männer wurden inzwischen öffentlich wegen Fehlverhaltens beschuldigt, zählt das Wirtschaftsmagazin Bloomberg ein Jahr, nachdem der Fall Harvey Weinstein ein Erdbeben in der Kulturwelt und eine internationale Diskussion über sexualisierte Gewalt auslöste. Damals, im Herbst 2017 warfen mehr als 70 Frauen dem Produzenten und Filmmogul Weinstein vor, sie vergewaltigt, bedrängt, genötigt zu haben. Auf Weinstein folgte bald der Oscar-Preisträger Kevin Spacey, der daraufhin nachträglich aus einem bereits abgedrehten Film entfernt wurde. Anders als bei Weinstein führten die Ermittlungen gegen Kevin Spacey zwar nicht zu einer Anklage vor Gericht – die Fälle waren verjährt. Seine Karriere liegt dennoch auf Eis. Der ikonisch skrupellose Politiker Frank Underwood, den Spacey in der Serie „House of Cards“ verkörperte, erlitt dann auch einen vorzeitigen Serientod. Viele Kritiker sahen darin das grenzüberschreitende männliche Genie verteufelt und damit das Ende der Kunst nahen.

Geht ohne Kevin Spacey und Dieter Wedel die Filmkunst unter?

"Das ist ja auch ein Problem in der Diskussion, dass es immer dargestellt wird als: 'Ja, aber wenn wir jetzt alle Filme von Kevin Spacey, Dieter Wedel und wie sie alle heißen, wenn wir die weglassen, dann bliebe keine Kunst mehr übrig.' Das stimmt natürlich überhaupt nicht", sagte die feministische Aktivistin und Autorin Anne Wizorek im Kulturjournal auf Bayern 2. "Im Gegenteil, wir haben ganz viele künstlerische Leistungen immer noch nicht sehen können, weil die Menschen, die sie beizutragen hätten, eben durch diese gewaltvollen Strukturen verdrängt worden sind."

Die gesellschaftliche Diskussion über #MeToo, über Alltags-Sexismus und sexualisierte Übergriffe stört diese Strukturen und macht Platz für mehr Vielfalt. Ein schmerzhafter, chaotischer Prozess, der – so scheint es – die Beziehung zwischen den Geschlechtern gründlich verunsichert. Die Schauspielerin Catherine Deneuve sorgt sich über das Schicksal von Flirt und Verführung, männliche Kommentatoren fragen sich, wo ein Kompliment aufhört und Belästigung anfängt, derweil setzt das Literaturnobelpreis-Komitee die Preisvergabe ein Jahr aus, weil einem Mitglied sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Korruption vorgeworfen wurden. Zwei Männer nehmen sich in Folge von Anschuldigungen das Leben.

In Deutschland ist von "Hysterie" und "Hexenjagd" die Rede – dabei wird gerade hier kaum einem Mann öffentlich etwas vorgeworfen. Das liege aber nicht daran, dass Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe in der deutschen Film- und Fernsehbranche kein Problem seien, sagt Barbara Rohm: "Die Opfer scheuen sich meist, den Weg über die Öffentlichkeit zu gehen. Denn damit ist wirklich niemandem gedient, weil ja doch auch immer so ein gewisser Voyeurismus dabei ist. Alle wollen wissen, was ist denn da genau passiert, und das ist für Betroffene auch schwer, wenn sie das schildern müssen." Rohm leitet Themis, die neue Vertrauensstelle für Hilfesuchende aus der Film- und Fernsehbranche, die gemeinsam vom Bund, deutschen Film-, Fernseh- und Bühnenverbänden sowie den öffentlich-rechtlichen Sendern eingerichtet wurde. Zwar ist Themis erst seit wenigen Monaten aktiv, der Bedarf nach Informationen und Vermittlung sei aber groß, sagt Rohm, die auf Wunsch auch anonym berät.

Was die Theater- und Filmwelt gegen Wedel & Co unternehmen

Einer der wenigen publizierten Fälle in Deutschland betrifft den Regisseur Dieter Wedel, dem mehrere Frauen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung vorwarfen. Um ähnliche Fälle in Zukunft am Filmset und auf Theaterbühnen zu verhindern, hat der Deutsche Bühnenverein einen Verhaltenskodex veröffentlicht. Öffentlich-rechtliche Sender richteten Kommissionen und Anlaufstellen ein und lassen mit internen Untersuchungen Beschwerden aufarbeiten. Auch werden Mitarbeiter geschult und die Produzenten in die Pflicht genommen, berichtet Sascha Schwingel, Programmleiter der ARD-Produktionsfirma Degeto Film: "Wir haben in unsere Verträge mit den Produktionen einen Passus aufgenommen, in dem ganz klar steht, dass der ordentliche Umgang miteinander oberstes Gebot ist und wir die Produzenten verpflichten, dass die Arbeitsbedingungen dementsprechend sind."

Ein Grund für Machtmissbrauch hinter den Kulissen sind asymmetrische Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, die über Jahrzehnte gewachsen sind und nur mühsam aufgebrochen werden können, wenn mehr Frauen vor und hinter der Kamera, aber auch in Führungspositionen arbeiten. Nachwuchsprobleme gibt es keine – rund die Hälfte der Filmschulabsolventen ist weiblich, nur zeigt sich das bisher nicht in den deutschen Film- und Fernsehproduktionen, die weiterhin mehrheitlich von Männern gestemmt werden. Schwingel bemüht sich, den Anteil an Regisseurinnen bei ARD-Produktionen in den nächsten zwei Jahren weiter auf 25 Prozent zu erhöhen, helfen soll dabei ein Networking-Event bei der Berlinale, das er 2018 zum ersten Mal ausrichtete: "Es haben sich ganz viele Redakteure, Redakteurinnen mit Regisseurinnen getroffen zu einem Speeddating, wir machen das im kommenden Jahr auf der Berlinale wieder." Er freue sich, so Schwingel, dann einen Trailer aus fünf Filmen zeigen zu können, die wirklich auf dieses Speeddating letztes Jahr im Februar zurückgehen.

Ein neues Rollenspektrum für Männer und Frauen

Wenn sich das Geschlechterverhältnis in der Produktion verändert, werden neue Geschichten erzählt werden. Das habe auch eine gesellschaftliche Dimension und könne das Rollenspektrum für Männer und Frauen neu definieren, hofft Barbara Rohm: "Es geht darum, dass wir Frauen hinter der Kamera brauchen und davor und dass wir andere Bilder von Frauen brauchen und Frauen ihre Geschichten selber inszenieren. Dann wird sich auch etwas verändern, wir werden andere Dinge sehen, die einfach viel mehr unserer aktuellen Kultur entsprechen.“

Während das Theater #MeToo und die Folgen schon auf die Bühnen bringt, wird es noch einige Zeit dauern, bevor sich dieser Kulturwandel auch auf den deutschen Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen zeigt. Die Produktionszyklen sind lang – und die angeknacksten Machtstrukturen widerstandsfähig. Wie sehr, das sieht man derzeit in den USA, wo einige der beschuldigten Hollywoodstars schon wieder anfangen zu arbeiten: Der Comedian Louis C.K. – er soll vor untergebenen Mitarbeiterinnen masturbiert haben – tritt in New York umjubelt auf mit selbstironischen Witzen. Witzen, die sein Fehlverhalten sogar noch profitabel machen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!