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"#MeToo hätte damals eine große Aufgabe gehabt" | BR24

© Bayern2

Die Autorin Marlene Streeruwitz

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"#MeToo hätte damals eine große Aufgabe gehabt"

Sie kämpft für Frauenrechte, schreibt Romane und inszenierte am Theater: Nun wird Marlene Streeruwitz 70 Jahre alt. Ein Gespräch über Theater in den frühen 1990er, warum sie sich der Prosa zuwandte und wie es ihr im Corona-Lockdown erging.

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Geboren in Baden bei Wien (Niederösterreich), Studium der Slavistik und Kunstgeschichte, freiberufliche Autorin und Regisseurin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Lebt in Wien, London und New York. So steht es in der Rubrik "Zur Person" auf der Homepage von Marlene Streeruwitz. Heute wird die Schriftstellerin 70 Jahre alt. Christoph Leibold hat mit ihr gesprochen.

Christoph Leibold: "Lebt in Wien, London und New York", das klingt kosmopolitisch, wie muss ich mir das vorstellen?

Marlene Streeruwitz: Das war einmal kosmopolitisch und ist jetzt eingeschränkt auf den Lockdown in Wien. Nach London könnte ich überhaupt nicht. Und die USA sind auch abgesperrt.

Aber sonst sind Sie da regelmäßig?

Ja, sonst bin ich da sehr regelmäßig. Das ist schon ein Ringelspiel, in dem ich da lebe.

Im Radio sind Sie gewissermaßen auch daheim. Oder waren es zumindest. Sie haben unter anderem mit Hörspielen angefangen. War das damals nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Theater, zum Bühnendrama? Oder gibt es etwas, was Sie an Hörkunst besonders schätzen?

Das war überhaupt kein frühes Stadium, sondern das ist eine große Liebe. Radiophonie ist eines der wunderbarsten Medien, das es überhaupt gibt. Die Bildfreiheit, die mit Geräuschen und Stimmen Bedeutung herstellt, ist etwas ganz Wunderbares und sehr poetisch. Und ich habe unlängst noch ein Hörspiel selbst gemacht und eins geschrieben. Das läuft die ganze Zeit nebenbei. Hörspiel-Karrieren sind immer sehr im Verborgenen, aber ich habe, glaub ich, da eine relativ lange Liste vorzulegen.

Die entscheidenden Theaterjahre waren für Sie die frühen 1990er. Den Figuren Ihrer Stücke wurde immer etwas Grotesk-Monströses bescheinigt. In München an den Kammerspielen wurde damals zum Beispiel "New York, New York" uraufgeführt. Das hat in einem Männer-Pissoir gespielt, im Werkraum, wo auch Werner Schwabs "Volksvernichtung" mit großem Erfolg lief. Schwab war ein Landsmann von Ihnen. Der bezeichnete seine Stücke als "Fäkaliendramen". Gab es da so eine Art Geistesverwandtschaft im Blick auf die Figuren, die etwas Monströses haben? Oder würden Sie das ganz anders sehen?

Das sehe ich einerseits ganz anders, andererseits, in der Nachträglichkeit, kann ich da viele Parallelen entdecken. In der Zeit damals war ich als Feministin meilenweit von Werner Schwab entfernt, der seiner Verachtung der Welt gegenüber in einem großen Ausmaß Platz gegeben hat und alles in diese Verachtung gestopft hat. Heute würde ich sagen, die Verwandtschaft ist eindeutig, und ich würde das darauf zurückführen, dass wir einfach aus derselben schulischen Kultur kommen. Und der Widerstand gegen diese oktroyierte Sprache, die in der österreichischen Volksschule vermittelt wird, und das seit 300 Jahren, ist etwas, das uns eigentlich alle eint in einer gewissen Weise, dann aber natürlich ganz weit auseinander führt.

© BR / Ralf Wilschewski

Marlene Streeruwitz zu Gast bei "Gottschalk liest"

Bei Ihnen ging es dann Mitte der Neunzigerjahre zunehmend in die Prosa. Wieso dieser Schritt?

Das Theater war unbefriedigend in der Form, dass es kein Mitbestimmungsmodell gab. Es wurde autoritär vorgegangen und gab spitze Hierarchien mit Intendanten an der Spitze. #MeToo hätte damals eine große Aufgabe gehabt, sich um alles zu kümmern. Die Personen, die ich vorfand im Theater, waren in dieser alten Form sozialisiert und ich sah keine Möglichkeit, dort meinen Lebensarbeitsvorstellung zu verwirklichen, und habe mich der Prosa zugewandt, um mit dem Leser und Leserin direkt zu verhandeln.

Ihr erster Roman hieß "Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre". Der Titel passt zu einem Begriff, der immer wieder fällt, wenn von Ihren Büchern die Rede ist. Sie schreiben "feministische Literatur", heißt es da immer wieder. D'accord?

Nein, feministische Literatur sollte ja sowieso alles sein. Und vom feministischen Standpunkt aus kann ich auch alles sehen und beurteilen. Es gibt auch keine weibliche Sprache, die gesucht wird, sondern es ist die Beschreibung des Weiblichen. Das Weibliche ist dann in der Sprache. Dieser Raum soll erobert werden und nicht ein Sonderraum, sondern der gleichberechtigte, genauso große, insgesamte Raum, in dem wir uns die Rechte geben und nehmen.

Ein Feld, das Sie auf alle Fälle interessiert, ist die Politik. Sie nehmen sich gerne politischer Themen an. Nicht nur allgemein, sondern auch ganz konkret oft an der Aktualität. Zum Beispiel 2016 in Ihrem Wahlkampf Roman "So wird das Leben" über die österreichische Präsidentenwahl damals zwischen Alexander Van der Bellen, jetzt Amtsinhaber, und FPÖ-Politiker Norbert Hofer. Gerade arbeitet ein Untersuchungsausschuss die sogenannte Ibiza-Affäre auf, über die der damalige FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache gestolpert ist und die den damaligen und Jetzt-Wieder-ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz noch immer verfolgt. Liegt da vielleicht schon ein Manuskript in der Schublade?

Nein, der Roman ist ja schon geschrieben, das ist "Flammenwand". Und da gibt es auch eine Chronik hintendran, in der die Arbeit der türkis-blauen ÖVP-FPÖ-Regierung genau beschrieben ist. Und politisch? Ja, das ist so ein Schlagwort, das ist politische Literatur. Wenn ich aber mit der Wirklichkeit zu tun habe, bin ich schon in der Politik. Es ist kein extra Schritt, der notwendig wäre. Aber eine Frage ist heute wichtiger denn je: Wie sehen unsere Rahmenbedingungen aus und welche Schicksale ermöglichen bzw. erzwingen diese Rahmenbedingungen?

Das ist jetzt gerade in der Krise ganz deutlich geworden, wie stark die Rahmenbedingungen des Staates eingreifen, wenn sie sogar dazu führen, dass wir in unsere Wohnungen eingesperrt werden können oder uns freiwillig einsperren lassen. Und genau das muss immer überlegt werden. So gesehen ist es der normale Stoff eines Romans und es gibt keine Trennung von Politik und Nicht-Politik. Immerhin sind wir ja mittlerweile in einer doch quasi-demokratischen Situation, in der wir alle auch mitdenken können. Es gab Zeiten, in denen das nicht der Fall war und Personen sich nur um ihre Innenwelt kümmern mussten oder konnten, während wir das heute in einem ganz anderen Ausmaß innen und außen beleuchten müssen.

Was kann denn auf diesem Feld Literatur anderes leisten, als wenn man jetzt als Aktivist oder politisch tätig würde?

Ich hoffe doch, dass ich schon am cultural turn mitgearbeitet habe und dass ich jetzt mit Black Lifes Matter erfüllt einen ganz anderen und selbstverständlichen Widerstand gegen den Rassismus sehe, den ich auf andere Ebenen erweitern würde, und dass die Freiheit des Geschlechts inzwischen etwas ist, was Personen sich vorstellen können, sodass wir Personen werden können, die selbst bestimmen, wer, was und wie sie sind. Das ist das, was ich unter Demokratie verstehe. Und jeder Roman trägt dazu bei, diese Vorstellung zu erweitern. Ich würde das nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Natürlich würde ich jetzt ganz gern auch in New York an den Demonstrationen teilnehmen. Mir kann der Vorwurf nicht gemacht werden, nicht diesen Teil des Aktivismus auch erfüllt zu haben.

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