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Messerscharfe Fast-Food-Satire an der Rott: "Brust oder Keule" | BR24

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Koch und Kritiker: Messerscharfe Sache

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    Messerscharfe Fast-Food-Satire an der Rott: "Brust oder Keule"

    Die französische Feinschmecker-Filmsatire aus dem Jahr 1976 taugt auch als Open-Air-Theaterstück: Im niederbayerischen Pfarrkirchen serviert das "Theater der Jugend" den Klassiker ausgesprochen witzig - und mit ein paar Rezepten für den Hochsommer.

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    Mit einem Rezept für panierte Austern geht´s los und was ein "gelbes Sommermenü" ist, das erfährt das Freilicht-Publikum im Pfarrkirchener Theatron dann auch sehr schnell. Nebenbei wird fleißig "Ente auf Pfirsich" feilgeboten und über Weine gefachsimpelt - bis dem renommierten Gastro-Kritiker Charles Duchemin vom Billig-Fusel aus dem Tetra Pak übel wird. Und der Höhepunkt dieses Theaterabends ist natürlich, wie könnte es anders sein, das Gummi-Huhn, das vollständig aus Erdöl hergestellt wird und mit dem der böse Industrielle Jacques Tricatel die Menschheit sättigen will.

    Laktose und Gluten waren damals noch Fachbegriffe

    Die bekannte Satire mit Louis de Funes rund ums Essen hat nichts von ihrer Aktualität verloren, obwohl der Film "Brust oder Keule" (L’aile ou la cuisse) vor fast 45 Jahren herauskam. Damals gab es in Europa deutlicher weniger Schnellimbiss-Ketten und Burger-Bratereien als heute, vom allgegenwärtigen Lieferservice gar nicht zu reden, und die Tiefkühl-Pizza war über das Studentenmilieu noch nicht sehr weit hinausgekommen. Von Lifestyle-Food hatte damals kaum jemand gehört, die Zutaten-Listen von Fertiggerichten waren noch deutlich kürzer, Laktose und Gluten eher Fachbegriffe als Supermarkt-Themen. Gleichwohl war die Kritik an der Lebensmittel-Industrie schon damals so populär, dass es für einen beachtlichen Film-Erfolg reichte, der in Deutschland sogar mit einer "Goldenen Leinwand" prämiert wurde.

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    Umtriebiger Theater-Macher: Mario Eick

    Das Burghauser "Theater der Jugend" tourt derzeit mit mehreren Stücken durch bayerische Städte, fast immer open air, mit wenig äußerem Aufwand, aber ganz viel Idealismus. Weil ein geregelter Spielbetrieb in geschlossenen Räumen nach wie vor schwierig bis unmöglich ist, sich wohl auch viele Zuschauer nicht so recht in die Säle zurück trauen, kommt Theatermacher Mario Eick einfach zum Publikum auf die Plätze und Straßen, etwa mit einer Kurzfassung von Shakespeares "Was Ihr wollt" oder eben jetzt mit "Brust oder Keule". Eick selbst spielt darin einen leidenschaftlichen Gourmet-Koch, der leider einen wichtigen Gastro-Kritiker vergrätzt, fast pleite geht, und deshalb gezwungen ist, für den skrupellosen Industriellen Tricatel zu schuften, der in der Theaterfassung weiblich ist und von Claudia Roick gespielt wird. Sie führt ihr aschgraues Kostüm spazieren, leidet unter dem Single-Dasein und hat sich aus Weltekel fest vorgenommen, allen Menschen die Geschmacks-Knospen zu veröden.

    Einbruch in die Gummi-Huhn-Fabrik

    Es macht Spaß, dem Kampf der Feinschmecker gegen die Machenschaften des Fast-Food-Imperiums zuzusehen, auch wenn der effektvolle Einbruch in die streng geheime Gummi-Huhn-Fabrik, die im Film den bizarren Höhepunkt ausmacht, beim Straßentheater natürlich fehlt. Und doch ist diese kurze Szene sehr witzig und effektvoll bebildert - wie, das wird hier natürlich nicht verraten.

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    Nichts als grüner Schleim

    Während die Mückenschwärme in der Dämmerung tanzen und von weither Party-Musik herüberweht, sitzen die Pfarrkirchener Zuschauer auf dem harten, aber von der Sonnen gewärmten Beton-Halbrund des Theatrons am Ufer der Rott und lauschen amüsiert dem komödiantischen Hin und Her. Dabei geht es auch um die wichtigsten "Zielgruppen" der Ernährungsindustrie, den coolen Hipster, die Touristen, die Fleisch-Fans und die Eiligen, die alle persönlich angesprochen werden und aus Tricatels Fließband-Produktion maßgeschneiderte Speise-Angebote erwarten dürfen. Allerdings solche, die geschmacklich neutral sind.

    Der Koch erschießt sich

    Nebenbei wird der Wahnsinn der Jahr für Jahr vergebenen Gastro-Sterne auf die Schippe genommen, mit denen die Köche schwer unter Druck gesetzt werden. Auch das war in den siebziger Jahren bei weitem noch nicht ein so viel diskutiertes Thema wie heute. Als der Kritiker ausnahmsweise angemeldet erscheint und der Koch damit eine (unfaire) Chance zum Ruhm erhält, erschießt der sich doch lieber, weil er dem Stress nicht gewachsen ist - den Revolver trug er schon zwei Wochen bei sich. Was hier überdrehte Satire ist, hat im VIP-Küchen-Alltag ja tatsächlich stattgefunden - es gab tatsächlich Sterne-Helden, die sich das Leben nahmen, die im Burn-Out endeten oder vor den wankelmütigen Kritikern in eine "Kreativ-Pause" flüchteten.

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    Fabrikanten-Tochter Bobby geht beruflich fremd

    Wie die Film-Vorlage, so endet auch die Theaterfassung im Fernseh-Studio, wo der Industrielle und der Gastro-Kritiker zum großen Showdown aufeinander treffen und sich gegenseitig zu "entlarven" versuchen. Dabei können die Zuschauer den Akteuren nach Lust und Laune zujubeln, als ob sie wirklich bei einer Koch-Show-Aufzeichnung präsent sind. Und nachdem in der Pause keine Speisen erhältlich waren, nicht mal die im Stück erwähnte Kartoffelsuppe mit Würstchen, musste auch niemand ein schlechtes Gewissen haben, sich unter Niveau zu ernähren. Guten Appetit!

    Wieder am 28. August im Theatron Pfarrkirchen, weitere Auftritte des Theaters der Jugend in Trostberg, München und Rosenheim.

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