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Menschen, Tiere, Sensationen: Die Geschichte des Circus Krone | BR24

© Audio: Bayern 2 | Bild: dpa/Bildfunk/Felix Hörhager

Wenn ein Unternehmen seit 150 Jahren gedeiht, dann macht es wohl einiges richtig. Der Circus Krone ging aus einer Wandermenagerie der 1870er Jahre hervor – und existiert immer noch, auch wenn die Corona-Krise dem Haus zu schaffen macht.

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Menschen, Tiere, Sensationen: Die Geschichte des Circus Krone

Mit zwei Bären fing der Circus Krone vor fast 150 Jahren an, heute ist er der größte Zirkus Europas. In "Manege frei!" schildert Ina Kuegler die goldene Ära des Zirkus genau wie die finsteren Kapitel – vom Leid der Tiere bis zu den Menschenschauen.

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Von
  • Flora Celine Roenneberg

Mit zwei Bären und einigen Wölfen beginnt 1872 die Geschichte der Menagerie Continental, so der ursprüngliche Name des Circus Krone. Wenige Jahrzehnte später wird sie Europas größter Zirkus sein. Das Buch "Manege Frei!" von Ina Kuegler erzählt die Geschichte des Circus Krone, von 1870 bis heute. Das Titelbild zeigt ein Plakat aus dem Jahr 1904. Darauf ist eine blond gelockte Frau im langen rosafarbenen Ballkleid zu sehen, umrahmt von fünf ernst blickenden Löwen, der sechste liegt ihr zu Füßen. Es handelt sich um Ida Krone, die von ihrem Ehemann Carl 24 dressierte Löwen übernommen hat.

© Allitera Verlag/ Montage: BR

Ida Krone auf einem Plakat von 1904 mit Zirkuslöwen (die noch immer in der Münchner Innenstadt leben): Buchcover von Ina Kueglers "Manege frei".

Nicht nur die Löwen sorgen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg für Furore, sondern auch jonglierende Eisbären, vorwärts und rückwärts trabende Pferde, Charly, der radfahrende Elefant, und zahlreiche Clowns und Artisten. "Für mich war es immer wieder erstaunlich, welche unglaubliche Ausstrahlungskraft der Zirkus wohl gehabt haben muss", sagt Autorin Ina Kuegler. "Es gab schulfrei. Es gab große Züge durch die Städte. Es standen Tausende von Leuten an der Straße. Es muss eine gigantische Zeit für den Zirkus gewesen sein."

Das Buch "Manege Frei" ist mehr als die Geschichte einer Zirkusfamilie. Es ist vor allem ein Stück Zeitgeschichte. Neben den bunten Anekdoten von Menschen und Tieren zeichnet die Geschichte der Krones auch die Geschichte Deutschlands, durch Weltkriege und Wirtschaftskrisen bis hin zur gegenwärtigen Pandemie: Ende des 19. Jahrhunderts kosteten zwei Schlangen, ein kleines Krokodil, eine Schildkröte und ein Pelikan 280 Mark. Aber Carl Krone hat gespart. Einige Jahre später ist der Zug schon länger: Nun hat er auch noch Elefanten, Zebras, Panther, Kamele, Dingos, Pumas, Mufflons, Strauße, Krokodile und Pelikane im Gepäck.

Populäre Unterhaltungskultur

Ina Kuegler zeigt in ihrem Buch auch die Schattenseiten des Zirkusgeschäfts: Den brutalen Handel, und das Plündern der afrikanischen und asiatischen Fauna. Doch nicht nur Tiere werden aus aller Welt als exotische Sensation ins Rampenlicht gezerrt, auch Menschen werden vorgeführt: 1870 eröffnet Krone die sogenannte "Afrikanische Negerschau" und 1914 lässt er eine 25-köpfige Indianergruppe auftreten. Kuegler führt den Leser in die dunkelsten Kapitel der Zirkusgeschichte und widmet sich auch der Rolle des Circus Krone im Dritten Reich kritisch. Damals wurden Freude und Frohsinn verordnet, später unterbrach der Fliegeralarm fast jede Vorstellung und Bomben zerstörten das Zirkusgelände. Der Konkurrent Sarrasani machte Propaganda für die Nazis, während Krone Zurückhaltung übte – auch wenn Hitler bereits 1921 im Kronebau seine Reden geschwungen hatte.

Vor allem aber fallen in dem Buch die Bilder der starken Frauen ins Auge: Die eine, Wange an Wange mit Löwen, die andere, lachend mit einem Tiger über den Schultern. Hier hätte man gerne noch mehr über die Rolle der Frauen im Zirkus erfahren. Kuegler konzentriert sich vor allem auf die Kulturgeschichte: Der Zirkus habe einfach große Verdienste. "Er hat große Massen unterhalten, und tut es eigentlich immer noch, und er hat eigentlich auch eine kulturelle Bedeutung – die man nicht unterschätzen sollte. Es ist einfach eine Unterhaltungskultur, die für breite Bevölkerungsschichten ganz wichtig war und mit Sicherheit auch heute noch ist."

Drohendes Wildtier-Verbot und Corona gefährden den Zirkus

"Eure Gunst ist unser Streben“, das war die Maxime von Carl Krone. Vor rund hundert Jahren entstand an der Marsstraße in München Krones erster fester Zirkusbau. Er wurde im Krieg zerstört und dann wiederaufgebaut. Während der Zirkus auf Tournee ging, fanden dort Konzerte statt: Louis Armstrong, die Rolling Stones und 1966 die Beatles. Ab 1962 versammelte man sich zur Show "Stars in der Manege" vor dem Fernseher: Rudi Carell singt auf einem Elefanten. Von Hildegard Knef und Romy Schneider, bis hin zu Loriot treten Stars in den Rollen von Clowns, Artisten und sogar als Dompteure auf.

2008 werden die Wildtiere aus diesem Programm gestrichen und zwei Jahre später wird die Sendung eingestellt. Die Frage der wilden Tiere im Zirkus bleibt bis heute umstritten. Ina Kuegler meint dazu: "Der Zirkus hat es sehr, sehr schwer. Er muss sich ein wenig neu erfinden. Und er muss wirklich Abschied nehmen von den Wildtieren. Das ist eine Frage der Zeit, wann das nicht mehr gestattet wird. Insofern muss der Zirkus neue Artistik-Formen entdecken und sich auf heimische Tiere konzentrieren und mit denen Kunststücke machen."

Und auch Corona bringt den Zirkus in Not: Krone hat eine halbe Million Euro Kosten im Monat, und derzeit kaum Einnahmen. Aber Direktorin Jana Mandana Lacey-Krone ist überzeugt: "The Show must go on! Das habe ich so von Christel Sembach-Krone gelernt."

"Manege frei – Die Geschichte des Circus Krone 1870 bis heute“ von Ina Kuegler ist im Allitera Verlag erschienen.

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