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Im Schatten der Eiche: "Meistersinger von Nürnberg" in Salzburg | BR24

© Monika Rittershaus/Salzburger Osterfestspiele

Hans Sachs vor dem Flieder

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Im Schatten der Eiche: "Meistersinger von Nürnberg" in Salzburg

Hans Sachs als biederer Bewahrer der deutschen Tugenden wird irre am rebellischen Künstler-Nachwuchs. In Salzburg inszeniert Jens-Daniel Herzog Wagners Fest-Oper unpolitisch und wenig aufregend als opulent ausgestattetes Theater auf dem Theater.

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Diesmal nahm Jens-Daniel Herzog das Publikum nicht auf die Hörner. Vor gut zehn Jahren war der Regisseur bei seiner ersten Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" noch auf Krawall gebürstet. So verlegte er damals die Handlung ins Museum und ließ Mitwirkende in altertümlichen Renaissance-Kostümen auftreten, von denen sie Juckreiz bekamen, sozusagen demonstrativer Kratz-Alarm auf der Bühne. Das war natürlich eine Abrechnung mit den Konservativen unter den Mannheimer Zuschauern, die sich auch mächtig aufregten und eisern an ihrer lieb gewonnenen Butzenscheiben-Inszenierung von 1967 festhielten. Im Großen Festspielhaus in Salzburg gab es gestern Abend dagegen wenig Grund zur Beunruhigung.

© Monika Rittershaus/Salzburger Osterfestspiele

Eva hat Probleme

Betuliches Kostümfest mit Sektempfang

Zwar eröffnete Jens-Daniel Herzog, im Hauptberuf Intendant des Staatstheaters Nürnberg, auch diesmal wieder den Abend mit Pluderhosen, Schleifen und Hauben, also einem Trachten-Aufmarsch in der Optik des 16. Jahrhunderts, aber das wirkte eher dekorativ, auch, wenn es vielleicht provokanter gemeint war. Und dass, obwohl der Regisseur das betuliche Kostümfest in der ersten Szene auch noch mit einem entlarvenden Sektempfang krönte: Die Meistersinger als beschlipste und beschwipste Spießbürger in grauen Anzügen, die es sich bei Opern aus der Mottenkiste gemütlich machen. Hans Sachs ist in diesem Fall ein pflichtbewusster Regisseur alter Schule, der diese Art von bräsigen Inszenierungen persönlich zwar nicht wirklich gut zu finden scheint, aber doch scharf ist auf den Beifall der Abonnenten. Ein angepasster Kerl also, der die deutsche Kunst in Ehren hält und ansonsten seine Ruhe haben will.

© Monika Rittershaus/Salzburger Osterfestspiele

Die Schusterstube ist ein Dramaturgen-Büro

Den rebellischen Erneuerer Walther von Stolzing, der hier in Zimmermanns-Kluft aufkreuzt, findet er zwar sympathisch, aber nicht so sympathisch, dass er darüber seine biederen Grundsätze vergisst. Witzig der Einfall, in das Büro von Hans Sachs eine Besetzungs-Couch zu stellen, auf der er allerdings trotz erotischer Anfechtungen sündenfrei bleibt. "Die Meistersinger von Nürnberg" als Theater auf dem Theater: Souverän und optisch aufwändig ins Bild gesetzt, musikalisch opulent, absolut mehrheitsfähig, international verständlich, schließlich wird diese Produktion nächstes Jahr auch in Tokio gezeigt. Aber eine fesselnde Deutung fehlte, polarisieren wird diese Arbeit nicht, sollte sie wohl auch nicht, schließlich stand Christian Thielemann am Dirigentenpult, kein ausgewiesener Freund von experimentellen oder wagemutigen Regie-Handschriften.

© Monika Rittershaus/Salzburger Osterfestspiele

Debatte der Meister

Hat Hans Sachs den Verstand verloren?

Klar, die heikle Wirkungsgeschichte der "Meistersinger von Nürnberg", die Belastung durch die Festaufführungen in der Nazi-Zeit bei Reichsparteitagen, ist inzwischen zigmal zum Thema gemacht worden. Hans Sachs wurde schon als übler Nationalist hingestellt, auch das zerbombte Nürnberg und Hakenkreuzfahnen waren anderswo bereits zu sehen. Das lässt sich nicht endlos wiederholen. Doch gerade, weil die Semperoper Dresden wichtigster Partner dieser Festspielproduktion ist, hätte eine politischere, aktuellere Interpretation gut getan. In Sachsen gibt´s ja derzeit wirklich viel zu diskutieren über Traditionspflege, gerade auch über falsch verstandene. Da wirkt es reichlich zahnlos, am Ende in der Festwiesen-Szene einen "Wunderbaum", mutmaßlich deutsche Eiche, mit grünem Blätterwerk aus dem Himmel schweben zu lassen. Hans Sachs, der Nationalprediger, verabschiedet die Zuschauer mit einem sarkastischen Lachen, sei es, dass er an der Welt verzweifelt ist oder den Verstand verloren hat. Kein sonderlich verstörendes, eher ein befremdliches Schlussbild.

© Monika Rittershaus/Salzburger Osterfestspiele

Klaus Florian Vogt als Stolzing

Für Luxus hatte Wagner was übrig

Christian Thielemann wird beim Dirigieren immer minimalistischer: Selbst die Chormassen im riesigen Salzburger Festspielhaus und die im Graben weit auseinander gezogene Sächsische Staatskapelle leitet er oft nur mit den Fingerkuppen oder hingehauchten Bewegungen des Handgelenks - das spricht für sorgsame Proben und viel Vertrauen. Mitunter geriet er allzu sehr ins Zelebrieren, dehnte einzelne Passagen so sehr, dass die Sänger in Zeitlupe atmen mussten. Musikalisch ein weihevolles Wagner-Hochamt auf höchstem Niveau, also diesbezüglich absolut festspieltauglich.

Das gilt auch für die Luxus-Besetzung: Georg Zeppenfeld ist ein intellektueller Hans Sachs voller Selbstzweifel. Klaus Florian Vogt als Stolzing wirkte streckenweise etwas abwesend, schauspielerisch nicht wirklich präsent. Dagegen überzeugte die amerikanische Sopranistin Jacquelyn Wagner als aufgeweckte, selbstbewusste Eva, eine schwierige Rolle, die sonst oft allzu passiv verkörpert wird. Sebastian Kohlhepp war ein munterer und kampfstarker David, Adrian Eröd als Gegenspieler Beckmesser ein gediegener Herr mit Manieren, weit entfernt von einer Karikatur. Insgesamt sehr freundlicher Beifall für eine so teure wie elegante Festaufführung ganz ohne verstörende Botschaft. Und für Luxus hatte Wagner ja eine Menge übrig!

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