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Meister des Pathos: Andrew Lloyd Webber wird 70 | BR24

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    Meister des Pathos: Andrew Lloyd Webber wird 70

    Er brachte die Operetten-Seligkeit zurück an den Broadway: Ziemlich altmodisch, aber dafür enorm erfolgreich waren die Musicals von Webber in den achtziger Jahren. Puccinis Pathos ist seine Inspirationsquelle, Humor eher selten. Von Peter Jungblut.

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    Der Erfolg spricht für ihn – Spötter sagen: Leider nur der Erfolg. Andrew Lloyd Webber konnte vor seinem heutigen 70. Geburtstag schon jede Menge wenig schmeichelhafte Vorberichte lesen. So sind die Erinnerungen, die er gerade unter dem Titel „Unmasked“ – also „Ungeschminkt“ - veröffentlicht hat, nach Einschätzung des einflussreichen „New Yorker“ so witzig, wagemutig und zeitgemäß, wie seine Musicals nie waren.

    Geschäftstüchtiger Kaufmann

    In dem Buch zeigt sich der geschäftstüchtige Webber einmal mehr als begnadeter Kaufmann, listet penibel all seine Immobiliengeschäfte auf und brüstet sich damit, als einer der wenigen Komponisten 80 Prozent der lukrativen Rechte an den eigenen Werken gewahrt zu haben – die fehlenden 20 Prozent vermisst er nach eigener Aussage schmerzlich. Schwer hatte es Webber nie – er ist ein Kind des gut betuchten und gebildeten britischen Mittelstands:

    Ich war so glücklich in Verhältnissen aufzuwachsen, in denen jede Art von Musik vor kam. In meinem Fall Rock- und Bühnenmusik, mein Vater spielte Cello und war der Chef des Londoner Musikkonservatoriums, ein Freund meiner Mutter gewann den Tschaikowsky-Klavierwettbewerb, für den musste ich immer die Noten umblättern. Also, es gab bei uns zu Hause zu keiner Art von Musik irgendwelche Berührungsängste. - Andrew Lloyd Webber

    "Flop'" mit Jesus Christ Superstar

    Der Durchbruch kam für ihn 1971 mit „Jesus Christ Superstar“, ein Zufallserfolg, denn ernst zu nehmende Kritiker in den USA fanden diese Art Rockmusical damals belanglos.

    „Jesus Christ Superstar“ kam zunächst in ein paar Ländern als Single heraus, gesungen von Murray Head in der Rolle des Judas. Die Platte floppte in Amerika und England total, aber in ein paar anderen Ländern wie Australien, Brasilien und Holland war sie so ein Erfolg, dass die Plattenfirma das Geld für eine Gesamtaufnahme zusammen kratzte. - Andrew Lloyd Webber

    Reif für die "Große Romanze"

    Das große Geld kam mit „Evita“ 1978, „Cats“ 1980 und dem „Phantom der Oper“ 1986, allesamt Riesenhits am Broadway und weltweit. Inspiriert vor allem von Puccini, setzte Webber ganz auf Überwältigung seines Publikums. Wobei Puccini bei weitem nicht so pathetisch, überzuckert und schmalzig ist, wie er von Webber wohl verstanden wurde. Das „Phantom“ hielt Webber übrigens zunächst für einen schalen Witz, bis er aus Langeweile das Buch las.

    Und ich sagte mir, ich hab da gerade das “Phantom der Oper” gelesen und es ist ganz anders als ich dachte. Klar, das Buch ist recht verwirrend, Gaston Leroux konnte sich nicht entscheiden, ob er eine Horrorgeschichte, einen Krimi oder einen Liebesroman schreiben wollte. Für mich jedenfalls war es hoch romantisch, eine Musik, die die Leute damals gar nicht von mir erwartet haben. Da sagte ich mir, es ist höchste Zeit für eine große Romanze, ich versuch´s einfach – genauso ist es gekommen. - Andrew Lloyd Webber

    Bombastisch, sentimental, humorfrei

    Die Gegenwart interessierte Webber immer wenig, mit Tempo und Witz des amerikanischen Musicals konnte er im Grund nichts anfangen. Er wurzelt tief in der europäischen Operettengeschichte, gab sich immer sentimental, bombastisch, gravitätisch, absolut humorfrei – und ist, trotz einiger Flops, ein Theaterpraktiker mit untrüglichem Gespür für den entscheidenden Effekt.

    Wenn Sie ein Musical schreiben, dessen Geschichte nicht stimmt, können sie noch so bezaubernd komponieren, es wird nicht funktionieren, niemanden wird es interessieren. Es ist ganz wichtig, jemanden zu haben, der die Geschichte aufpoliert und in den Griff bekommt.- Andrew Lloyd Webber

    In den letzten Jahren gelang Webber, trotz vieler Mühen, kein großer Erfolg mehr. Trotzdem erfindet er ständig neue Melodien – die fallen ihm angeblich überall ein, sogar während langweiliger Interviews.