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Nachdenklich: Erich Kästner

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    Meister der Vielfalt: "Gestatten, Kästner!"

    So vielfältig wie er war kaum ein anderer Autor: Erich Kästner verfasste Drehbücher, schrieb Lyrik, Schauspiele, Romane, Kritiken und Kinderbücher. Der Meister der Ironie war äußerst populär, wie jetzt im Literaturhaus München zu sehen ist.

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    "Ich war ein Diplomat, erwachsener als meine Eltern, und hatte dafür Sorge zu tragen, dass unsere feierliche Dreierkonferenz  ohne Missklang verlief. Ich war, schon mit fünf, sechs Jahren und später noch viel mehr der Zeremonienmeister des Heiligen Abends." Erich Kästner

    Kann das gut gehen ?  Die „Briefe an mich selber“ aus dem Jahr 1940 sind Dokumente des Zweifels, bieten Vor-Ahnungen des Scheiterns, obgleich hier ein  Überflieger bekannt gemacht werden soll:  Bereits der Knabe war  ein Musterschüler, sollte, wollte auch : Lehrer werden, dann doch nicht, wurde Journalist und Buchautor, sowie Dramatiker, Kabarettist, Lyriker und hatte in und mit allem Erfolg. Von den Nazis wurde er verboten, seine Bücher verbrannt. Die Freunde, denen es ebenso ging, flohen ins Exil: Kurt Tucholsky etwa. Er aber blieb, wollte  als DER Chronist des Naziterrors berühmt werden, was scheitern musste – „diese Zeit taugt nicht als Romanvorlage“  schrieb er später einmal verbittert.

    "Wird’s besser, wird’s schlimmer, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: leben ist immer lebensgefährlich." Erich Kästner

    Erfinder der Sponti-Sprüche

    Das sagt er so dahin, dieser Kästner, im Radio, das er ebenso zu nutzen wusste, wie den Film. Die Zeitung sowieso. Feuilleton-Chef war er hier und dort, schrieb Theaterkritiken, Glossen, Gedichte, Leitartikel  und so manches seiner Epigramme ist uns Heutigen als Spontispruch auf WG-Toiletten geblieben: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Nehmen wir ihn also beim Wort und flanieren wir durch die Gassen und Straßen jener großen Städte, in denen Erich Kästner gelebt hat. Am längsten übrigens in München, wo er 1974 auch starb.

    "Er hat sich hineingestürzt in das politische Leben dieser Zeit und den Blick immer nach vorne gerichtet in die Zukunft. Es gibt Texte mit einer phantastischen, düsteren Motivik, etwa die Briefe an mich selbst, oder  „die Doppelgänger“ oder „Der Zauberlehrling“, das sind Texte, die einen nachdenklichen Kästner zeigen auf der Suche nach einer eigenen Identität." Carolina Kühn, Kuratorin.

    Zwischen Baum und Borke

    Carolina Kühn hat,  mit etlichen anderen Kolleginnen diese wunderbare  Ausstellung kuratiert. Neben den  dokumentarischen  Bildern aus Dresden, Leipzig, Berlin und München sind  Schaukästen  aufgestellt, in denen links die biografischen Exponate zu sehen sind, rechts Textentwürfe, Gedichte, Zeitungsartikel und in der Mitte ein sogenanntes "Denkbild" in Gestalt einer roten Schleife, gebunden um ein dickes Hanfseil. Ein Sinnbild für Kästners Lebenssituation zwischen Baum und Borke, Journalismus und  Literatur,  zwischen  politischem  Engagement, Widerstand, Exil und Verharren zwischen Vater und Mutter. Kästner liebte die Frauen, und die Frauen liebten ihn, das ist weithin bekannt, aber

    Es ist immer schwierig, einen Menschen psychologisch zu beschreiben, aber ich vermute doch, dass er recht einsam gestorben ist. Carolina Kühn

    Dunkle Seite des Sterns

    Carolina Kühn und ihren Kolleginnen gelingt es, die „dunkle Seite des Sterns Erich Kästner“ zu beleuchten und ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass hinter jeder Pointe, hinter jeder genialischen rhetorischen Wendung eben auch Not verborgen ist, die bewältigt, gewendet werden muss. Ja, Kästner ist ein not-wendiger  Autor. Es lohnt sich also , das doppelte Lottchen noch einmal zu lesen - und: Diese Ausstellung zu besuchen.

    Noch bis 14. Februar im Literaturhaus München.