BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Meinungsfreiheit: Liberale Autoren beklagen Einschüchterung | BR24

© Audio: BR / Bild: Nathan Howard/Picture Alliance

In einem Offenen Brief warnen Prominente wie Margaret Atwood, Louis Begley und Daniel Kehlmann neben zahlreichen Intellektuellen vor der zunehmenden Einschränkung der Diskussionsfreiheit.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Meinungsfreiheit: Liberale Autoren beklagen Einschüchterung

In einem Offenen Brief warnen Prominente wie Margaret Atwood, Louis Begley und Daniel Kehlmann neben zahlreichen Intellektuellen vor einer "erdrückenden Atmosphäre" in der Diskussionskultur. Sie warnen vor dem "Totschweigen" von "schlechten Ideen".

Per Mail sharen

Es gibt offene Briefe und sehr offene Briefe, aber nur die überraschend offenen, ja die rückhaltlos offenen Briefe, die machen wirklich Wirbel. Und so sind die Fronten ziemlich durcheinander geraten, nachdem sich prominente Schriftsteller und weltbekannte Intellektuelle zur angeblichen Krise der Diskussionskultur zu Wort gemeldet haben. Ist der freie Meinungsaustausch wirklich beschränkt, wird es immer gefährlicher, seine Meinung zu sagen?

"Cancel-Culture": Niemand will anecken

Ja, sagen Literatur-Stars wie Margaret Atwood und Louis Begley, die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling, der Jazzer Wynton Marsalis, Philosoph Francis Fukuyama, aber auch der deutsche Autor Daniel Kehlmann und viele Dutzend Universitätsprofessoren. Jetzt brennt die Luft, vor allem im Netz, aber auch die amerikanischen Fernsehsender sind alarmiert, denn dort, in den USA, tobt eine heftige Debatte über "Cancel-Culture", über eine Reihe von Absagen im Kulturbetrieb wegen echtem oder vermeintlichem Rassismus.

© Jeremy Hogan/Picture Alliance

Protest in Bloomington, Indiana

Tatsächlich geht´s in diesem Streit in Amerika deutlich härter zur Sache als in Europa. Unternehmen wollen politisch korrekt sein, Konzertveranstalter möglichst keinen Shitstorm ernten, Theater und Verlage auf gar keinen Fall irgendwo anecken. Die Verfasser des offenen Briefs, der in der Online-Ausgabe vom Lifestyle-Magazin "Harper´s Bazaar" erschien, beklagen eine "erdrückende Atmosphäre" und verweisen darauf, dass - so wörtlich - "schlechte Ideen" nicht durch Totschweigen aus der Welt zu schaffen sind, sondern nur durch Debatten und Überzeugungsarbeit. Die Liste der Vorfälle, die im Brief genannt werden, ist in der Tat lang und düster: Redakteure würden entlassen, wenn sie umstrittene Texte ins Blatt brächten, Bücher würden zurückgezogen, weil sie angeblich nicht "authentisch" seien, Professoren müssten sich rechtfertigen, wenn sie in ihren Vorlesungen vermeintlich "falsche" Klassiker zitierten, Forscher riskierten den Arbeitsplatz, wenn sie missliebige akademische Studien weiterreichten.

"Es gibt Einschüchterungsversuche"

Die Grenzen dessen, was noch gesagt werden könne, würden immer enger gezogen. Es gebe aber keine Alternative zwischen Recht und Freiheit, beides gehöre zwingend zusammen. Die Autoren fordern für sich die Möglichkeit, zu experimentieren, Risiken einzugehen und auch Fehler zu machen. Einer der Unterzeichner ist der kanadische Psychologie-Professor Steven Pinker, der an der renommierten Harvard-Universität unterrichtet. Er sagte im kanadischen Fernsehen: "Es gibt Einschüchterungsversuche gegen alle, die auf der Unterschiedlichkeit von Meinungen beharren. In dem Brief geht es um Leute, die sich aus einer begründeten Angst vor den zu erwartenden Folgen nicht mehr öffentlich äußern, sei es, dass sie entlassen oder an den Pranger gestellt werden. Wir werden nie Antworten auf neue Fragen bekommen, wenn wir darüber nicht uneingeschränkt diskutieren können."

© Jeremy Hogan/Picture Alliance

Gegen Ausgrenzung: Protestierende liegen auf einer Straße.

Das Bemerkenswerte an dieser Debatte: Hier stehen Linke und Liberale gegen ganz Linke, und die Rechten schauen befremdet bis amüsiert zu. Es ist ja das aufgeklärte Kultur-Establishment, das sich mit seinen Sorgen zu Wort meldete, dass sich im Netz angegriffen sieht von radikalen Kritikern der herrschenden Diskussionskultur, darunter viele Schwarze, aber auch Feministinnen, Transsexuelle, kurz, alle, die sich selbst nicht repräsentiert sehen vom herkömmlichen Medien- und Wissenschaftsbetrieb. Sie wollen nach eigener Auffassung "Privilegien" zu Fall bringen und stellen die Machtfrage, gerade auch in der Kulturbranche.

Nicht die Trump-Fans sind aufgebracht

Der prominente Netz-Kommentator Dave Rubin hat denn auch wenig Mitleid mit den Unterzeichnern des Offenen Briefs, die jetzt teilweise heftig attackiert werden: "Für jeden Einzelnen auf dieser Liste gilt: Wenn sie von Wutbürgern angegriffen wurden, dann sind das linke Wutbürger. Es sind nicht die Trump-Fans oder eingeschüchterte Konservative, es sind die radikalen Linken, die ihre Schulen, ihre Jobs, ihre Familien gefährden. Die Liberalen versuchen jetzt, die letzte Bastion ihrer Freiheiten zu verteidigen, aber das hätten sie längst auch für viele andere vor ihnen machen sollen."

Das Gejammer darüber, wie roh und brutal manche Debatten im Netz verlaufen, ist ja wahrlich nicht neu. Ungewöhnlich ist nur, dass jetzt nicht die Konservativen, sondern die Liberalen ihre Freiräume gefährdet sehen. Un die Härte, mit der manche Interessenvertreter inzwischen ihre Ansichten durchzuboxen vesuchen, die macht in der Tat Staunen und schreckt ab.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!