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"Meine Welt ist die Musik": Christian Bruhn im Interview | BR24

© dpa

Christian Bruhn mit Plattencovern von ihm komponierter Schlager

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"Meine Welt ist die Musik": Christian Bruhn im Interview

"Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben ...": Mit dem Schlager schon, aber mit dem Namen des Komponisten werden die wenigsten was anfangen können. Denn Christian Bruhn wird lieber auf der Straße gepfiffen als erkannt. Ein Gespräch mit dem Musiker.

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"Wärst du doch in Düsseldorf geblieben…" und etwa 2.500 Melodien sonst stammen von ihm – Schlager, Filmmusik, Werbung. Maria Reichs Dokumentarfilm "Meine Welt ist die Musik" zeigt Christian Bruhn als einen Mann, der morgens gern schwimmt, bevor er sich, auch noch mit 84, an den Flügel setzt, um zu komponieren. Diese Woche läuft der Film in Deutschland an. Joana Ortmann hat mit dem Komponisten und Produzenten gesprochen.

Joana Ortmann: Herr Bruhn, im Film singen und summen und swingen Sie sich durch den Tag, machen Sie das wirklich so?

Christian Bruhn: Ich habe da wirklich einen kleinen Tick, ich summe immer vor mich hin. Aber das sind nicht etwa fertige Melodien, sondern das sind nur so bedeutungslose bandwurmartige Phrasen. Das passiert unbewusst. Eigentlich eine kleine Macke, aber was soll ich machen?

Ich frage das, weil Sie dieses große Spektrum an ganz einfachen und komplexen Melodien haben. Tragen Sie die in sich?

Ja, ich bin ja in Kärnten mit Volksliedern aufgewachsen. Insofern mag ich volkstümliche Musik oder einfache Volkslieder auch gern. Aber auf der anderen Seite bin ich natürlich ein ausgebildeter Musiker, habe studiert und weiß, wie wunderbar vielfältig die Musik sein kann. Deshalb mag ich sie auch vielfältig. Und ich erreiche auf diese Weise sowohl Menschen mit dem einfachen Musikgefühl als auch Menschen, die etwas kompliziertere Musik mögen.

Ich weiß zwar, dass viele Komponisten es furchtbar finden, über ihren kreativen Prozess zu reden. Trotzdem: Womit fängt der bei Ihnen an?

Das ist die alte Frage: Ist zuerst der Text da oder die Melodie? Für mich ist es einfacher, wenn der Text zuerst da ist oder zumindest eine Schlagzeile. Da fällt mir gleich was ein. Wenn es andersherum ist, also die Melodie zuerst da ist, ist es mühsam für mich, nach der Zeile zu suchen.

Hat die Musik die Kraft, auch eine mäßige Zeile zu retten?

Im Grunde schon, obwohl mein Freund Ralph Siegel und ich immer Wert auf besonders charakteristische Zeilen legen. Je origineller die Zeile, desto länger hält sich auch das Werk. Also, "Der Hund hat mir ans Bein gepinkelt" wird sich nicht so lange halten. Aber: "Hinter den Kulissen von Paris" – Was für eine Idee! Für eine Stadt das Wort Kulissen zu erfinden! Wie geht das dann weiter… "Ist das Leben noch einmal so süß. Komm gib mir deine Hand, ich zeige dir ein Land"… Ich kann alle Texte auswendig, aber das würde das Interview sprengen.

"Wärst du doch in Düsseldorf geblieben…"

"Das wär besser für dich und für Düsseldorf am Rhein" – Da haben wir eine vierfache Alliteration. Und dann kommt dazu: "Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöne Playboy!" Da haben wir gedacht, das werden die Kölner wie geschnitten Brot aufnehmen, weil sie ja die Düsseldorfer nicht mögen. Das wird ein Karnevalshit – und so ist es auch gekommen.

An die 2.000 Schlager haben Sie komponiert – und Filmmusik. Was war daran reizvoll?

Das macht natürlich deshalb großen Spaß, weil man da mehr Platz hat und auch meistens größere Orchester. Man kann noch persönlicher sein.

Im Film zeigen Sie Ihren Keller, in dem Sie früher mit ganzen Orchestern Soundtracks eingespielt haben. Würden Sie das heute auch noch so machen?

Das kommt auf das Sujet an. Manchmal genügen Synthesizer und echte Musiker, die den Grundrhythmus spielen, z.B. bei der Zeichentrickserie "Captain Future". Aber weil ich Tausende von Partituren geschrieben habe, kann ich sagen: Man kann ein großes Orchester nachmachen, ja, aber den wunderbaren Live-Effekt, den lebendige Musiker mit brennbaren Instrumenten hervorrufen, kriegt man digital nicht hin. Man kommt nahe dran, aber wenn irgend möglich würde ich immer Live-Musik bevorzugen.

Sie haben in Ihrer Karriere alle möglichen musikalischen Welten erkundet. Wie ist das heute, haben Sie den Eindruck, das Rätsel von der Wirkung der Musik entschlüsselt zu haben?

Nein. Keine Ahnung, warum in der klassischen Musik gewisse Symphonie-Themen mehr einschlagen als andere, oder warum mir die Matthäus-Passion oder "Die Entführung aus dem Serail" von Mozart so besonders gefällt. Ich weiß es nicht. Aber der Witz besteht für mich darin, Melodien zu erfinden, die einem selbst aus dem Herzen kommen und die die Herzen anderer Menschen rühren.

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  • Joana Ortmann
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