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Hier als Hörspiel: "Meine geniale Freundin" von Elena Ferrante | BR24

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    Hier als Hörspiel: "Meine geniale Freundin" von Elena Ferrante

    Ferrantes neapolitanische Saga war ein Weltbestseller. Beim BR gibt es "Meine geniale Freundin" nun zum ersten Mal als Hörspiel auf Deutsch. Regisseur Martin Heindel lässt das Neapel der 1950er Jahre mit starken, ambivalenten Charakteren erstehen.

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    Von
    • Maria Fedorova

    Elena Ferrante ist eine international gefeierte, italienische Schriftstellerin. Doch der Name ist nur ein Pseudonym – wer Ferrante wirklich ist, bleibt geheimnisvoll. BR-Chefdramaturgin Katarina Agathos gelang es, über den Verlag die Genehmigung zur Vertonung ihrer neapolitanischen Saga "Meine geniale Freundin" zu bekommen.

    Und so veröffentlicht der BR das erste deutschsprachige Hörspiel zum #ferrantefever. Maria Fedorova hat mit Regisseur Martin Heindel gesprochen – über seine Begeisterung für Ferrante und die Kunst, eine Silvesterfeier mit 17 Personen auch in Corona-Zeiten aufzunehmen.

    Maria Fedorova: "Meine geniale Freundin" ist 2016 in der deutschen Übersetzung erschienen und wurde sofort zum Bestseller. Waren Sie ein Fan der ersten Stunde?

    Martin Heindel: Auf jeden Fall. Der Roman ist im Suhrkamp Verlag erschienen, bei dem ich auch Autor bin. Und deswegen bin ich sehr früh darauf aufmerksam geworden und habe in einem Schwung alles gelesen, sobald der nächste Roman da war. Mich hat vor allem begeistert, dass er so viele Figuren hat, die einem sehr schnell vertraut erscheinen und sehr schnell nah kommen. Man hat das Gefühl, man kennt sie sehr gut. Und gleichzeitig überraschen diese Figuren dann wieder extrem, dass man denkt "mein Gott, was da noch drinsteckt, das habe ich nicht gedacht". Der Roman ist auch sehr elegant und raffiniert erzählt, stellt aber diese erzählerischen Mittel nicht aus. Vieles scheint in einem Fluss zu gehen und sich von alleine zu bewegen. Wenn man es genau anschaut, und gerade wenn man bei der Bearbeitung sich damit beschäftigt, merkt man, wie trickreich es erzählt ist.

    Was kann ein Hörspiel so einem berühmten und auch einem viel besprochenen Text hinzufügen?

    Es kann den Figuren Stimmen geben. Es ist auf jeden Fall eine ganz andere Dimension. Ich denke, dass die Hörer des Hörspiels die Figuren anders und teilweise auch näher kennenlernen, als die Leser des Romans, weil es viel sinnlicher ist, wenn man Kinder und junge Frauen und Männer sprechen hört.

    Diese jungen Frauen stehen im Zentrum der Geschichte und auch ihre Freundschaft. Der Roman ist aber auch ein Sittengemälde Neapels. Es sind rund zehn Familien mit mehr als 50 Haupt- und Nebenfiguren, die Ferrante da porträtiert. Wie haben Sie sich in dieser Charakterdichte zurechtgefunden?

    Ich hatte damit tatsächlich gar nicht so viele Probleme, weil ich so schnell sehr tief eingetaucht bin. Wenn man sich durch die ganzen Stammbäume gelesen hat, kann man sie gut zuordnen.

    In der Buch-Ausgabe gibt es ein Figurenverzeichnis, so etwas kenne ich von den neuen Ausgaben von Tolstoi und Dostojewski. Mussten Sie sich auch erstmal eine Figuren- und Familienmatrix zeichnen?

    Das habe ich nicht gemacht. Wir haben aber das Figurenverzeichnis benutzt und erweitert und das im Studio ausgehängt – für die Schauspieler. Sie müssen sich innerhalb der kürzester Zeit da reinarbeiten und sind teilweise nur zwei Stunden da gewesen von unseren drei Aufnahmewochen. Am Anfang wussten sie gar nicht, wer zu wem gehört. Wir mussten auch viel improvisieren. Bei der Silvesterszene zum Beispiel, die wir wegen der Corona-Pandemie mit jeder Person separat aufgenommen haben, musste ich einzeln erklären, wer wen begrüßen soll. Das Manuskript kam teilweise sehr kurzfristig an, weil die Post wegen Corona große Verzögerungen hatte. Und das Manuskript zu lesen ist nochmal was anderes, als den Roman zu lesen, in dem die Figuren einzeln eingeführt werden. Ganz viel, was der Erzähltext macht, um die Figuren zum Leben zu erwecken, mussten die Schauspieler selbst erarbeiten. Sie wussten am Anfang auch nicht, was alles in den Figuren drinsteckt und ich hoffe, ich konnte es ihnen an die Hand geben.

    © BR/Barbara Donaubauer

    Erst an die Wand, dann zu Gehör: Der Regisseur Martin Heindel, der Ferrantes "Meine geniale Freundin" für den BR inszeniert hat

    Wenn wir die Länge des Textes bedenken: Wie sind Sie weiter vorgegangen? Wie hat Ihre Arbeit mit dem Originalstoff ausgesehen?

    Bei mir ist es immer so, dass ich sage: Ich kürze prinzipiell sehr ungern in den Dialogen. Ich habe alles, was an den Dialogen da war, erstmal genommen. Und versucht eher den Erzählertext rauszuschmeißen und zu schauen – wie komme ich von einem Dialog zum nächsten. Ich habe teilweise den Erzählertext dramaturgisch bearbeitet, umgeschrieben in die Dialoge. Natürlich habe ich auch viel beibehalten. Weil der Originaltext einen eigenen Sound hat. Das ist auch eine Ich-Erzählerin Elena, die die Geschichte als junge und ältere Frau schreibt und immer wieder schlüpft sie in die Figur ihres sechsjährigen Ichs. Der habe ich auch einen Erzähltext gegeben und auch der 20 Jahre alten Elena. Ich habe versucht, das noch näher heranzubringen, damit nicht nur die alte Frau alle Fäden in der Hand hat, sondern auch die junge. Weil sie tut ja auch so, als wüsste sie Dinge nicht, die sie eigentlich schon lange weiß. Und dann erschreckt sie einen 500 Seiten später mit einer Information, die sie schon länger hatte.

    Es sind drei unterschiedliche Stimmen, mit der die Ich-Erzählerin spricht – und die sind dann wiederum miteinander verwoben.

    Ja, für mich ergibt sich daraus so ein dreidimensionaler Effekt. Damit kann ich ganz gezielt die Aufmerksamkeit und die Intensität regulieren. Ich hatte diese Elemente so eingesetzt, weil ich die Empfindung hatte, dass die Autorin das eben auch macht – für kurze Momente geht sie in die Naivität einer Sechsjährigen hinein. Sie erzählt zum Beispiel: Die Lehrerin Maestra Oliveira kam ihnen uralt vor. Diese Empfindungsebenen habe ich versucht auf die verschiedenen Stimmen zu übertragen.

    Manche Erzählbögen im Roman sind zum Teil weit gespannt. Ferrante arbeitet gerne mit unerwarteten Wendungen oder schließt einzelne Kapitel mit Cliffhangern ab. Deswegen wird ihr Schreibstil auch mit Serien verglichen. Hatten Sie auch dieses Netflix-Feeling bei Ihrer Arbeit mit dem Text?

    Bei mir definitiv. Auf jeden Fall ist das ein suchtinduzierender Sog, der da entsteht. Der für viele auch einen Touch der leichten Unterhaltung gibt. Es ist einfach wahnsinnig raffiniert gemacht, dass sie einen immer bei der Stange hält und eben auch diese großen Cliffhanger am Ende der Romane, aber auch zwischendurch lässt. Um dann immer wieder von vorne anzusetzen.

    Macht das “Meine geniale Freundin” zum perfekten Stoff für ein Hörspiel?

    Ich weiß nicht, was der perfekte Stoff für ein Hörspiel sein soll. Es ist sperrig und sträubt sich durch die epischen Teile eher gegen das Hörspiel. Gleichzeitig ist das ein perfekter Stoff für eine Hörspiel-Serie. Aufgrund dieser Epik und auch der Anzahl der Figuren, die auch tief und überraschend sind. Der Netflix-Vergleich ist tatsächlich gar nicht so weit hergeholt. Das sind die Qualitäten: das lange Begleiten der Figuren, diese Schwankungen in den Gefühlen.

    Sie haben die starken Protagonistinnen bereits angesprochen. Ferrante schreibt aus einer dezidiert weiblichen Perspektive: über Frausein, über Mutterrolle(n), über Emanzipation. Konnten Sie leicht in diese Perspektive reinschlüpfen?

    Mir fällt das nicht so schwer. Ich bin selber Autor und schreibe Originalhörspiele. Ich schreibe sehr viel und sehr gerne für weibliche Hauptfiguren. Durch meine Arbeit im Hörspiel finde ich, dass sie oft unterrepräsentiert sind. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs: Die Königsdisziplin im Hörspiel war und ist immer noch ein Krimi. Es sind oft Adaptionen von Romanen, mit 20 Figuren – und oft sind es 18 Männer und zwei Frauen. Frauen erfüllen dabei die Klischees einer "Hure" und einer "Oma". Aus dieser Erfahrung heraus habe ich gesagt, ich will auch spannende, tolle Frauenfiguren schreiben. Mir macht das Spaß und ich finde es auch stark, wenn man ein ausgewogenes Ensemble hat. Das ist in dem Stück "Meine geniale Freundin" so. Diese starken Frauenfiguren sind da, sie sind aber ambivalent, genauso wie Männer. Es sind wirkliche Figuren. Den Frauen passieren schreckliche Dinge, es wird aber nie ausgestellt. Man prangert es im Kopf selber an, nicht die Autorin sagt: Schau mal, das war aber nicht gut.

    Zum Schluss eine Frage zur Figur von Elena Ferrante. Sie schreibt ja unter diesem Pseudonym, mittlerweile hat sie viele schriftliche Interviews gegeben und auch Kolumnen veröffentlicht. Trotzdem wissen wir nicht, wie sie aussieht oder was ihr Background ist. Hatten Sie bei der Inszenierung das Gefühl – jetzt hätte ich gerne ein Gesicht vor Augen oder wüsste gerne, wer die Autorin ist?

    Überhaupt nicht. Ich finde, der Autor und die Biographie des Autors werden maßlos überbewertet. Die Erfindung ist auch immer in diesen Klapptexten und Biographien drin. Es sind immer Geschichten, die zwar immer auf den wahren Details basieren. aber die Auswahl der Details machen schon wieder eine Geschichte aus.

    „Meine geniale Freundin“ gibt es ab sofort als vierteiliges Hörspiel bei BR Podcast. Im Programm von Bayern 2 werden die vier Teile ab 29. November 2020 immer sonntags um 15.05 Uhr gesendet. Damit erscheint erstmals im deutschsprachigen Raum ein Buch von Elena Ferrante als Hörspiel. Für das kommende Jahr sind weitere Folgen der "Neapolitanischen Saga" als Hörspiel geplant.

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