Bei der Vollversammlung durften alle mitbestimmen, wofür das Geld ausgegeben wird.
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Das KOMM verwaltete sich selbst. Bei Vollversammlungen durften alle über die Belange im Zentrum abstimmen.

    Mehr KOMM wagen: Diskussion über den Wert von Kultur

    Das KOMM in Nürnberg war zwar verrufen, für viele ist es bis heute eine Legende – und die Wiege der Soziokultur. Wie das KOMM im Kulturleben nachwirkt, war eines von vielen Themen einer Podiumsrunde im Künstlerhaus Nürnberg.

    Es geht wie so oft ums Geld. Und auch um die Frage, wie viel uns, der Gesellschaft, Kultur wert ist. Bei der hochkarätig besetzten Podiumsrunde im Künstlerhaus Nürnberg diskutierten die Teilnehmer über dieses Thema. Der Titel für diesen Abend lautete "Goodbye Culture – Die prekäre Situation der Kultur und ihre Folgen für die Demokratie".

    "Kultur braucht nicht nur Geld"

    Zuerst kommt Nürnbergs Stadtkämmerer Harald Riedel (SPD) zu Wort, der im hoch verschuldeten Nürnberg die Finanzen im Blick hat. Das heißt für die Stadt: Riedel muss sparen, wo er kann. Auch in der Kultur? Er liefert Zahlen: Mehr als 100 Millionen Euro hat die Stadt für das Kulturleben im Jahr 2021 ausgegeben. Diese Ausgaben seien in den vergangenen Jahren eigentlich stetig gestiegen, erklärt Riedel. "Das zeigt für mich, dass Kultur in den öffentlichen Haushalten als Lebensmittel angekommen ist". Doch der Stadtkämmerer, der sparen muss, betont, dass Kultur nicht nur Geld benötige: Sie brauche auch Ideen, Menschen und einen Raum.

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    Auf dem Podium: KOMM-Mitbegründerin Jutta Küppers, Sylvia Necker, Dieter Haselbach, Tobias Knoblich und Stadtkämmerer Harald Riedel

    Hochkultur contra Soziokultur?

    Dieter Haselbach ist Soziologe, Unternehmensberater und Direktor des Zentrums für Kulturforschung in Berlin. Er hat in seinem Buch, seiner Streitschrift "Der Kulturinfarkt" beispielsweise die Subventionen für Opernhäuser und Theater stark kritisiert. Die Kultur von unten, die Soziokultur, hält Haselbach für ein zukunftsfähiges Modell, für das es mehr Mut bräuchte. Nürnbergs Stadtkämmerer Riedel betont: Es geht beides, wie zum Beispiel in Nürnberg. Die eine Hälfte der Ausgaben für die Kultur geht laut Riedel an die sogenannte Hochkultur, also etwa das Staatstheater und Museen. Die andere Hälfte wurde für soziokulturelle Aufgaben ausgegeben. Das sind niederschwellige Angebote, wie etwa die Kulturläden, die es in vielen Stadtteilen Nürnbergs gibt. Dort gibt es beispielsweise Tanz- und Theatergruppen für Jugendliche, Lesungen und Konzerte und vieles mehr – mitten im Stadtteil.

    Plädoyers für mehr "Kultur von unten"

    Haselbach spricht sich dafür aus, dass die Kultur basisdemokratischer ausgerichtet sein müsste, mehr von den Aktiven selbst gestaltet werden müsse: "Wir bekommen Leute, die Kompetenzen haben, ihre eigene Kultur zu finden", sagt er. Das sei auch in einer Einwanderungsgesellschaft wichtig, die es mit kulturellen Differenzen zu tun hat. Man könne "mehr Komm wagen", auch in der Form einer städtisch finanzierten Selbstverwaltung, sagt Haselbach. "Ich finde das ein wunderschönes Modell. Eigentlich gehört nur Mut dazu".

    KOMM war ein gesellschaftliches Experiment

    Das Kultur- und Kommunikationszentrum KOMM, das von 1973 bis 1996 in Nürnberg existierte, war bundesweit einzigartig. Viele Nürnbergerinnen und Nürnberger erinnern sich an diese Zeiten, entweder weil sie es für einen Schandfleck in der Stadt hielten, viele aber auch, weil sie mitgewirkt haben: In Werkstätten, in der Kino- oder Konzertorganisation und in der Selbstverwaltung.

    "Die Zivilgesellschaft hat den Kulturbereich erobert, mit Geschichtswerkstätten, Jugendeinrichtungen, Sozialeinrichtungen, neuen Typen von Kultureinrichtungen, die in die Herzen der Städte vorgedrungen sind, aber auch in den Außenbezirken, wo sonst nichts gewesen ist. Das ist wie so ein Jahr Band, das sich von der Geschichte in die Gegenwart zieht und das auch die Gesellschaft verändert hat." Tobias Knoblich, Kulturwissenschaftler und Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft

    Keimzelle für die Kulturlandschaft

    Ohne das KOMM wäre die Kulturszene Nürnbergs heute ärmer. Es war gewissermaßen eine Keimzelle. So gingen die Kulturläden in den Stadtteilen, das Bardentreffen, die Medienwerkstatt, das KOMM-Kino und vieles mehr daraus hervor. Dass es aber auch Probleme gab, mit Drogenkonsum, mit Obdachlosigkeit im Haus – das verschweigt auch heute keiner der Beteiligten. Aber Nürnberg hatte mit dem KOMM eine bundesweit bekannte Institution und hat damit gezeigt, dass die Stadt neben Berlin oder Hamburg cool war und Trends setzte. Der Kulturwissenschaftler Tobias Knoblich hält es für möglich, dass man mit dem KOMM auch in die Zukunft denken könnte: "Mit so einer Geschichte im Rücken, kann man das eher leisten. Also, Nürnberg ist da wirklich prädestiniert".

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