Werbeprospekt „Die Olympia-Sonnenbrillen“, Metzler international, 1972

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Mehr als Sport: Mode und Musik in München 1972

Mehr als Sport: Mode und Musik in München 1972

Die Olympischen Spiele 1972 haben München verändert. Dafür sorgten neben der Architektur auch die Mode und das bunte Kulturprogramm. Kern der Ausstellung "Mode, Menschen und Musik" im Münchner Stadtmuseum bilden persönliche Erinnerungsstücke.

So ganz ohne Trommelwirbel und unterschwelligen Marschrhythmus kam Komponist Kurt Edelhagen bei seinem Medley für den "Einzug der Nationen" ins Münchner Olympiastadion nicht aus. Sonst aber hatte man sich alle Mühe gegeben, diese ritualisierte Großveranstaltung so unmilitärisch wie möglich zu halten. Und das hieß vor allem: keine Uniformen!

Zumindest keine, die so aussahen. Denn das was die mehr als 20.000 Kartenabreißerinnen und Platzanweiser, Schiedsrichter und Ordnungshüter, Ärzte, Übersetzerinnen, Journalisten und Hostessen am Ende anhatten, war ja doch wiedererkennbare, standardisierte Kleidung, an der man die Funktion ihrer Träger erkennen konnte. Statt Schulterstücken voller Streifen und Sterne ließ man die Farben sprechen, sagt Kuratorin Isabella Belting: "Die Farben tragen dazu bei, dass der Besucher gleich kapiert hat ah, jetzt hab ich da ein orangenes Manschkerl, bei dem kriege ich ein Programm. Oder die im weißen Kostüm, die kann mir helfen, ich hab mir den Fuß verknackst, das ist Personal für Medizin. Also das war so ein Trick, dass ich bei 20.000 Leuten ungefähr wusste, wen habe ich denn da vor mir, wie kann der mir weiterhelfen."

Die Platzanweiserin als Großwildjägerin

Die von Gestaltungschef Otl Aicher für die Spiele definierten Regenbogenfarben hatte man über Overalls und Anzüge im Safari-Look ausgebreitet. München, eine Stadt voll Großwildjägerinnen und Automechaniker in CSD-Farben! In einer Zeit, in der man bei offiziellen Veranstaltungen Anzug mit Krawatte und Kostümchen trug, war das eine wilde Sache: modern, bequem und funktionell, innen flauschig, außen regendicht. Für diesen Look hatte der französische Haute Couture-Designer André Courrèges gesorgt, den man sich zur Beratung geholt hatte. Courrèges war ein Visionär der Mode. Er stand für einen futuristischen Stil, hatte bereits in den 60ern den Space-Look erfunden. Ein eigener Raum voller farbenprächtiger Abendkleider und kurzer schlichter Cocktailkleider in A-Form zeigt, wen man sich da nach München geholt hatte.

Mit seinen Strickoveralls für die 1500 Hostessen konnte sich Courrèges in den alpenländischen Gefilden freilich nicht durchsetzen, die Damen bekamen dann doch himmlische, weißblaue Dirndl, die Courrèges natürlich schrecklich fand. Immerhin: es waren ziemlich moderne, schlichte Dirndl, stick- und klöppelfrei, mit abgesteppten Jacken. Die Rocklänge variierte von Trägerin zu Trägerin – die Damen kürzten ihre Dirndl selbst, schließlich war seit Ende der 60er der Minirock modern.

Wasserfeste Overalls und gekürzte Röcke

Heute wissen wir: In solch einem Dirndl konnte man schwedische Königin werden. Überhaupt: der Mensch. Der steht im Mittelpunkt der Schau, und zwar gar nicht unbedingt als Sportler oder Fan, sondern einfach als Stadtbewohner, als Teilnehmer eines Großspektakels und somit letztlich als Mitspieler auf einer Bühne, auf die die Welt schaut. Grundlage für die Ausstellung war ein "Erzählcafé" des Stadtmuseums. Über 100 Münchnerinnen und Münchner haben ihre Erinnerungen mit den Kuratorinnen geteilt, erzählt Pia Singer: "Für mich war es sehr schön mitzubekommen, auf wie viele verschiedene Arten und Weisen sich die Olympischen Spiele München 1972 in die Biographien eingeschrieben haben, als Hostess, als Helfer, als Schülerin bei der Eröffnungsfeier, woran man eben sieht, dass Olympia nicht nur Sport ist, nicht nur Wettkämpfe. Wir haben viele Geschichten gehört, wo die Leute sagen, sie sind gar nicht so sportbegeistert, aber sie haben zum Beispiel als Techniker im Pressezentrum so viele internationale Kolleginnen kennenlernen könne, und das war wie Urlaub."

Wie einschneidend das Erlebnis für viele Menschen war, zeigt ein Blick auf die Exponate: Ein Großteil der Bierkrüge, Flanellhandtücher, Medaillen, Sporttaschen und Eintrittskarten sind Leihgaben: die Leute wollen ihre Sachen nach der Ausstellung wiederhaben!

Historische Instrumente aus dem Museum – live beim Konzert

Ganz anders der Fall der ausgestellten Musikinstrumente: Die gehörten dem Stadtmuseum weit vor 1972 und durften nach Jahrzehnten im Depot dann plötzlich Sportgeschichte schreiben. Zum bunten Kulturprogramm, das die Spiele begleitete, gehörte neben zahlreichen starbesetzen klassischen Konzerten und Neuer Musik auch ein Folklore-Festival – mit Musik aus aller Welt. Im Auftrag der Kulturkommission komponierte der Deutsch-Argentinier Mauricio Kagel die "Exotica zehn außereuropäische Instrumente". 60 Musikinstrumente aus der Sammlung des Stadtmuseums wurden für die Uraufführung im Haus der Kunst entliehen und tatsächlich benutzt – heute undenkbar.

Es ist an Tragik nicht zu überbieten, dass etwas, das mit Polizisten in Himmelblau begann, mit einem Terrorakt und 11 toten israelischen Sportlern endete. Offiziell gingen die Spiele weiter, aber das heitere, fröhliche Olympia 72 war am 5. September zu Ende. Auch wenn die Schau im Stadtmuseum eigentlich keine Chronologie der Spiele liefert, sondern – basierend auf der hauseigenen Sammlung – klare Akzente auf Mode und Musik legt, schließt sie das Attentat natürlich nicht aus. Fotos, Texte und Filme zeichnen die Ereignisse nach und gedenken der Toten. Es ist ein Ausstellungs-Bereich ganz ohne Farbe, dem jede Fröhlichkeit sichtbar entwichen ist. Von hier aus muss man dann irgendwann wieder zurück zum Ausgang, noch einmal durch den bunten Teil der Schau hindurch. Das Fazit: Die heiteren Spiele von 1972 sind eine irrwitzig reale Utopie.

"München 72. Mode, Menschen und Musik." Bis 8. Januar 2023 im Münchner Stadtmuseum.

Zur Eröffnung heute Abend 29.7. wird ab 19 Uhr Mauricio Kagels "Exotica" aufgeführt – diesmal allerdings nicht mit den historischen Instrumenten. Weitere Musiksport-Happenings dann am Samstag und ein Mitmachworkshop nach John Cage am Sonntag.

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