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Meganice! Rainald Grebes neue CD "Popmusik" | BR24

© Audio: BR / Bild: Jim Rakete/Photoselection
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Politik und Parodien: Rainald Grebes neues Album

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Meganice! Rainald Grebes neue CD "Popmusik"

Neue Deutsche Welle, Disco-Stampf, Sphärenklänge: Das neue Album "Popmusik" von Liedermacher Rainald Grebe ist totaler Stilbruch, zumindest musikalisch: Grebe ist nicht mehr der Mann am Flügel. In Sachen Humor und Tiefgang ist er aber ganz der Alte.

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Von
  • Christoph Leibold

"Volksmusik" heißt eine CD, die Rainald Grebe 2007 aufgenommen hat. Ein paar Jahre später inszenierte er am Hamburger Thalia Theater eine musikalische Revue unter dem gleichen Titel. Welche Lieder singt das so genannte "Volk"? Welche Musik ist mehrheitsfähig, massentauglich? Solche Fragen haben Grebe schon immer schwer beschäftigt. Dass das, was gemeinhin unter Volksmusik verstanden wird, diesen Namen nicht mehr wirklich verdient hat, war eine der Erkenntnisse aus dieser Beschäftigung. Denn das Volk singt schon lange keine klassischen Volkslieder mehr.

Logische Schlussfolgerung: Volksmusik ist nicht das, was man landläufig darunter versteht. Volksmusik ist das, was das Volk mitsingt und hört. Schlager eben. Oder Populär-Musik, vulgo: Popmusik, in der ja auch das lateinische Wort "populus", also "Volk" steckt. Womit wir bei Rainald Grebes neuer CD angekommen wären, die "Popmusik" heißt, nach traditionellen Standards nicht im Geringsten nach Volksmusik klingt, sich aber doch als Fortsetzung von Grebes Auseinandersetzung mit dem Genre begreifen lässt: Rainald Grebe, das war bisher: ein Mann am Flügel, manchmal verstärkt durch seine Kapelle oder sein Orchester der Versöhnung, wobei dann Gitarren und Schlagzeug das Klangbild beherrschten. Fast nichts davon diesmal – das ist die große Überraschung bei "Popmusik", denn den Sound prägen oft Synthesizer und Drum-Computer.

Synthesizer statt Flügel

Rainald Grebe, der meist abwechselt zwischen Live- und Studio-CDs, saß beim Studioalbum "Popmusik" nur gelegentlich am Klavier. Aber unterstützt von seinem langjährigen Produzenten Martin Bechler spielt er virtuos auf der Klaviatur des Pop: Vom Disco-Stampf über die Pop-Hymne im Sphärensound bis zum Neue-Deutsche-Welle-Revival aus dem Geiste der Band Trio ist alles drin in dieser Wundertüte.

Musikalisch sind viele der Songs auf dem neuen Rainald-Grebe-Album Pop-Parodien. Doch mit Stilpersiflage allein gibt sich Grebe nicht zufrieden. Inhaltlich bietet das Album auch eine Stilkritik – nämlich der Streitkultur im Zeitalter der Digitalisierung, in dem "ge-liked" und "ge-disst" wird, bewertet und oft auch abgewertet. Alles eine Frage der Posts und von ein paar Klicks – schon ist die eigene Meinung draußen in der Welt oder der Shitstorm entfacht.

Volksmusik ist Volkes-Stimme. Das gilt selbstredend auch für die Popmusik, bei der die Chart-Analysten von Media Control registrieren, was gerade angesagt ist. Darüber hinaus geht es Rainald Grebe aber sehr wohl auch um die Gesänge, die die selbsternannten Vertreter eines vermeintlich gesunden Volksempfindens anstimmen – etwa die Pegida-Anhänger in Dresden und sonst wo, die den Wende-Slogan "Wir sind das Volk!" schamlos entwendet haben. Insofern untersucht Rainald Grebe auf diesem neuen Album die Verwandtschaft zwischen dem Populären und dem Populistischen.

Politik und Parodien

Manchmal ist Grebes Kritik direkt auf den Punkt. Zuweilen aber auch vertrackt, etwa wenn er die Strategie von Rechtpopulisten zu Ende denkt, die Meinungsfreiheit für sich reklamieren, um dann gesicherten Erkenntnissen ihre alternativen Fakten und kruden Theorien entgegenzusetzen. Wie objektives Wissen dadurch reduziert wird auf den Status einer beliebigen Ansicht unter vielen, fasst Grebe in die treffende Zeile: "Wissenschaft ist eine Meinung".

Natürlich weiß Rainald Grebe auch, dass nicht nur Populisten im Saft der eigenen Überzeugungen und Vorurteile schmoren. Er widmet dem Adel ein Lied, der seit jeher in seiner eigenen Welt lebt. Er singt über die Betriebsblindheit der Macher, die nicht wahrhaben wollen, dass ihr Tatendrang und Fortschrittsglaube die Erde nicht immer nur weiter, sondern näher an den Abgrund gebracht hat. Er macht sich aber auch über die Propheten pflanzlicher Ernährung lustig und über deren selbstzufriedene Begeisterung für den eigenen Lebensstil. Und: Rainald Grebe nimmt sich selbst bei all dem nicht aus, wissend um die Filterblase, in der auch er steckt.

Fazit: "Meganice!"

"Popmusik": Auf seinem neuen Album tummelt sich Rainald Grebe so klug wie komisch auf den Themenfeldern, die ihn seit jeher bewegen, und unternimmt dabei musikalische Ausflüge in Pop-Gefilde, die er in dieser Konsequenz vorher noch nicht beackert hatte. Um es mit einer Trend-Vokabel auszudrücken, die Rainald Grebe mit genüsslicher Ironie in einem seiner Songs zitiert, die wir an dieser Stelle aber als absolut ernstgemeintes Werturteil zitieren: meganice!

© Tonproduktion Records
Bildrechte: Tonproduktion Records

Das neue Album von Rainald Grebe "Popmusik"

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