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Medizinhistoriker Leven: "Corona ist eine Art Testfall" | BR24

© dpa-Bildfunk/ Francisco Seco

Wie leergefegt: Auch in Venedig bleiben die Touristenströme aus - aus Angst vor dem Coronavirus.

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Medizinhistoriker Leven: "Corona ist eine Art Testfall"

Quarantäne möglicherweise Infizierter, Verschwörungstheorien und die Abriegelung ganzer Städte begleiten die Corona-Epidemie – alles bekannt aus der Seuchenbekämpfung früherer Zeiten. Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven über Schutz, Test und Schikane.

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Je weiter sich das Coronavirus ausbreitet und neue Regionen, Staaten und Kontinente erobert, desto stärker riegelt sich das globale Dorf ab: Nachdem erst die Wirtschaft zuckte, reagierten jetzt auch die bislang robuster wirkenden Kulturschaffenden: Die Mailänder Modewoche lief unter Ausschluss der Öffentlichkeit über Streaming; der Restaurantführer Guide Michelin hat seine Sterneverleihung in Hamburg ebenfalls ins Digitale verschoben; viele Kirchen in Italien haben geschlossen, die Weihwasserbecken sind geleert. Und seit gestern ist der Louvre in Paris geschlossen, weil die Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt haben. Die Bundeskanzlerin plädiert für "Maß und Mitte", aber die hochzivilisierte Welt bekommt nasse Füße. Wie soll man sich verhalten, also: Welche Haltung als Gesellschaft einnehmen? Barbara Knopf hat mit dem Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven von der Universität Erlangen-Nürnberg gesprochen. Sein Fachgebiet: Seuchengeschichte.

Barbara Knopf: Herr Leven, der moderne westliche Mensch glaubte sich bisher irgendwie vor Seuchen gefeit, aber auf einmal merken wir, dass unsere hochtechnologisierte Gesellschaft doch verwundbar ist, oder?

Karl-Heinz-Leven: Nun ja, das merken wir ja nicht zum ersten Mal. Also ich überblicke als Seuchenhistoriker seit 33 Jahren die Entwicklung und sammele auch Schlagzeilen aus den Zeitungen auch den Zeitungen mit den großen Buchstaben und da fällt mir doch auf, wie oft vor Seuchen gewarnt wird. Es ist immer wieder dieses paradigmatische Geschehen: Eine Seuche bedroht uns, das heißt, sie wird von außen eingeschleppt, meistens aus Afrika. In diesem Fall kommt sie nun aus China. Unsere Reaktionsformen sind zum einen sehr modern, aber auf andere Weise sind sie auch sehr historisch, man könnte auch sagen anthropologisch geprägt. Also, da ändert sich nicht so viel, wenn wir unsere Reaktionen vergleichen mit denjenigen im sechzehnten Jahrhundert!

Weil wir von Hilflosigkeit erfasst sind oder Chaos empfinden?

Da würde ich etwas differenzieren: Schauen wir auf das sechzehnte Jahrhundert, also eine Zeit nach dem fürchterlichen ersten großen Pestzug im vierzehnten Jahrhundert, dem so genannten Schwarzen Tod über den wir jetzt aber nicht reden , sondern auf die Zeit, in der Pestseuchen periodisch im Abendland auftraten. Da beobachten wir im Umgang mit der Seuche eine Art Frühwarnsystem. Bleiben wir mal bei den Städten, etwa bei Nürnberg und anderen: Diese Städte erließen "Regimina", also Vorschriftenbündel zur vorsorglichen Bekämpfung der Pest und diese Vorschriften erinnern in gewisser Weise sehr stark an die Regelungen, die wir heute im Infektionsschutzgesetz seit 2001 in Kraft haben. Also: Abschließung von bestimmten Arealen, Einschließung von Ansteckungsverdächtigen oder auch von Erkrankten. Ich erkenne darin als Historiker etwas, was man rückschauend als Handlungszuversicht bezeichnet und Handlungszuversicht bedeutet: Wir haben Möglichkeiten, wir haben Optionen zu handeln. Das sollte man nicht unterschätzen.

Eine dieser Möglichkeiten ist die Quarantäne. Es ist, glaube ich, für viele Menschen aber sehr ungewohnt. Ein Angriff auf die Freiheit, die ja dem heutigen Menschen als oberstes Gebot gilt. Einige, die sich zeitweilig in Quarantäne befanden, erzählen, dass sie sich stigmatisiert gefühlt haben.

© BR

Der Medizinhistoriker Professor Dr. Karl-Heinz Leven

Durchaus! Die Quarantäne ist eine Erfindung des späten vierzehnten Jahrhunderts. Sie ist eine der frühesten Reaktionen von Obrigkeiten in diesem Fall von Mittelmeerstädten, die auch gleichzeitig Staaten waren wie etwa Venedig. Also diese Städte haben die Quarantäne erfunden, um verdächtige Waren, meistens aus dem Orient, oder Schiffe und Mannschaften für 40 Tage einzuschließen. Daher kommt ja der Begriff Quarantäne: von "quaranta giorni", also 40 Tage. Diese Quarantänemaßnahmen wurden immer, zu allen Zeiten und überall, nicht nur als Schutzmittel empfunden, sondern auch als, sagen wir ruhig, Schikane. Diese Ambivalenz der Schutzmaßnahmen, die uns heute ja auch sehr stark auffällt, wenn etwa Urlauber nach ihrer Rückkehr unvermutet auf einmal 14 Tage auf einem Flugplatz verbringen, das sind Umstände, die mit einem Quarantäne-Regime ganz logisch verbunden sind.

Wenn der Mensch von Krankheit oder im schlimmsten Fall auch von Seuchen bedroht ist, findet er auch Bilder dafür. Im Mittelalter der "Schnitter Tod", der Sensenmann, der hinter den Menschen gezeichnet wurde. Heute fallen mir zwei Symbolbilder auf: Zum einen die Menschen mit Mundschutz, Atemmasken, und das vergrößerte Bild des Virus als feuerroter stachelbewehrter Ball. Was erzählt dieses ästhetische Äquivalent über unseren Umgang mit der Krankheit?

Jede Epoche fasst die Bedrohung, die sie erwartet, auch in Bilder. Wenn Sie in die Geschichte schauen, dann sehen Sie etwa als Symbolbild der frühneuzeitlichen Pest den berühmten Schnabel-Doktor, der eine monströse Schnabelmaske auf hat. Ein phantastisch kostümierter Arzt, der zu seinem eigenen Schutz ein Gewand hat sowie diese Schnabelmasken, die ja bis heute im venezianischen Karneval auch als Dekoration und Verkleidung überlebt haben. Das ist so eine Art Symbolbild der Pest in der frühen Neuzeit. Es ist ein Bild mit dem man die Bedrohlichkeit dieser Seuche eingefangen hat. Die heute von ihnen erwähnte Darstellung dieses Virus, das ja teilweise auch sehr ästhetisch dargestellt wird, das erinnert mich immer an ein kleines Raumschiff, das wie so ein Alien zu uns kommt und, obwohl wir es nicht gebeten haben, hier gelandet ist und sich jetzt hier ausbreitet. Auch das ist eine Art zeittypische Ikonografie, die das Bedrohliche in ein Bild fasst, das man dann versteht.

Und wie ist es mit den Verschwörungstheorien? Wenn wir da in die Frühe Neuzeit zurückgehen, da gab es noch keine sozialen Medien, überhaupt vergleichsweise wenig Medien?

Nun an Verschwörungstheorien hat es im Kontext der Seuchengeschichte leider keinen Mangel. Schon in den frühesten Berichten, und da greife ich in die Antike zurück, also im Athen der klassischen Zeit, zur Zeit des Perikles, kam der Gedanke der Brunnenvergiftung auf: Dass eine Seuche in der Stadt Athen durch gezielte Brunnenvergiftung verursacht gewesen sei. Und viele Menschen wissen, dass im Zuge des Schwarzen Todes, also der Pestepidemie von 1347/48, ein unglaublicher Judenmord stattgefunden hat im Abendland. Es eilte nämlich das Gerücht von Stadt zu Stadt, ausgehend von Südfrankreich durch die Schweiz nach Deutschland, dass die jeweils an den Orten befindlichen Judengemeinden die Brunnen vergifteten und damit praktisch die Christenheit auszurotten suchten. Das ist sozusagen nur einer der markanten Einschlagspunkte dieses Gerüchtes der Verschwörung. Und wir haben immer wieder auch im Kontext etwa von AIDS, oder jetzt auch von Corona, die Vorstellung von B-Waffen-Laboratorien: Also dass insbesondere von der amerikanischen, jetzt auch von der chinesischen Armee betriebene biologische Laboratorien damit befasst seien, Erreger zu basteln, um andere Völker oder Stämme auszurotten. Das sind Torheiten, die wir leider historisch immer wieder finden. Das ist wohl eine anthropologische Konstante.

Was macht das Coronavirus mit einer Gesellschaft, die bisher glaubte, alles technisch im Griff zu haben?

Man könnte sagen, Corona ist eine Art Testfall! Testfall für die Seuchenbekämpfung. Denn die Krankheit an sich ist meiner Meinung nach nicht die ganz große Bedrohung. Hier kann vielmehr auch getestet werden, wie die Seuchenbekämpfung in der Moderne funktioniert. Und ich denke, der Fall China zeigt sehr deutlich, worum es hier geht. Die Chinesen haben ja auch eine Art Systemtest begonnen mit ihren sehr radikalen Maßnahmen. Die sind seuchenhygienisch durchaus vernünftig, aber in der Tat nur in einem totalitären Staat möglich. Damit wollen sie der Welt beweisen, dass das der richtige Weg ist, dass sie mit diesen Maßnahmen die Seuche eindämmen können. Sie können so Zeit gewinnen und diese Zeit kommt uns allen zugute. So ist auch die jetzt hier bei uns anlaufende Bekämpfung der Corona-Epidemie ein Testfall. Es ist natürlich jetzt spekulativ, aber ich denke: Dieser Test wird auf die eine oder andere Weise ausgehen, es wird Überraschungen geben. Aber es wird sich auch zeigen, dass wir mit diesem Test, mit dieser Bedrohung fertig werden.

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