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Medienwissenschaftler Pörksen: für "respektvolle Konfrontation" | BR24

© BR/Wolfgang Küpper

Empörung, Wut, Hass - wir werden zur Empörungsgesellschaft. In seinem Buch "Die Kunst des Miteinander-Redens" rät Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen angesichts dieses "Klimawandels" zu einem neuen Kommunikationsstil: "respektvolle Konfrontation"

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Medienwissenschaftler Pörksen: für "respektvolle Konfrontation"

Empörung, Wut, Hass - wir werden zur Empörungsgesellschaft. In seinem Buch "Die Kunst des Miteinander-Redens" rät Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen angesichts dieses "Klimawandels" zu einem neuen Kommunikationsstil: "respektvolle Konfrontation"

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"Die Kunst des Miteinander-Redens" handelt vom Dialog in Gesellschaft und Politik. Ihre These: Wir beobachten eine gewisse Diskurs-Verwilderung in Deutschland und weltweit. Die Bereitschaft der Menschen, sich zu empören, ist gestiegen. Warum?

Bernhard Pörksen: Es gibt keineswegs die eine Ursache für den kommunikativen Klimawandel, sondern es ist ein Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Faktoren. Wenn Sie nach Amerika schauen, dann können wir ja nicht sagen, Donald Trump ruiniert gewissermaßen das Kommunikationsklima im Alleingang. Nein: Der Journalismus wird schwächer, die Polarisierung der Gesellschaft stärker. Das Spektakel Fernsehen hat seinen Anteil, die sozialen Netzwerke haben ihren Anteil. Aber auch der Rückzug der Liebhaber des Arguments und der Nuance aus der öffentlichen Sphäre - all dies hat seinen Anteil.

Was fördert die Empörung am meisten?

Wir haben ganz gewiss ein Anreizsystem in den sozialen Netzwerken: Wut wird belohnt. Der starke Gefühlsausbruch wird belohnt und man kann ganz klar zeigen: Was emotionalisiert, das funktioniert. Und das bedeutet, dass Menschen verstehen, je aggressiver ich formuliere, je heftiger, je ungerechter, desto stärker sind die Reaktionen. Und hier gilt es, sich nicht weg zu ducken, sondern es geht darum, eine Zukunftstugend der respektvollen Konfrontation zu leben und auszuprobieren, ohne den Fehler zu machen, auf die Abwertungs- und Eskalationsspirale einzugehen.

Muss ich dann mit jedem reden, der mir zuwider ist? Muss ich mich mit jedem befassen, der mich angreift?

Nein, das muss ich nicht. Aber man sollte doch das Bemühen, den anderen erst einmal zu verstehen, möglichst weit vorantreiben. Schon Sokrates wird der Satz zugeschrieben: Rede, damit ich dich sehe. Wenn wir miteinander reden, verstehen wir, was wir gemeinsam haben oder auch, wie radikal unterschiedlich wir sind. Worum geht es? Dem anderen zunächst im Bemühen, überhaupt zu verstehen, mit einem Minimum an Wertschätzung zu begegnen. Positionen und Personen voneinander zu unterscheiden. Also nicht von einer Auffassung, die einem massiv kritikwürdig erscheint, auf den ganzen Menschen zu schließen und zu sagen: Dieser ist nun eben der typische weiße, alte Mann oder die frustrierte Feministin oder der hysterische oder vom Leben geschlagene Ostdeutsche. Diese Form der Verallgemeinerung, diese Form des Pauschalismus kränkt unter allen Umständen. Und wer ein Gespräch ruinieren will, der betreibt genau diese Form der Kränkung.

Man bewegt sich ja in seiner digitalen Filterblase und deswegen kommt ein Dialog mit Andersgesinnten oft gar nicht zustande.

Die Filterblasentheorie ist ein großer Kommunikationsmythos. Diese Filterblasentheorie, seit 2011 weltweit verbreitet, besagt: Wir werden technisch-algorithmisch voneinander getrennt in einen Tunnel der Selbstbestätigung hineingelockt und leben dann gewissermaßen in unseren Realitätsparzellen in einer Harmonie mit lauter Gleichgesinnten in unserer Echokammer, die aber technisch algorithmisch produziert ist. Das Problem ist nicht der Algorithmus, sondern das Problem ist der Mensch mit seiner Bestätigungssehnsucht. Wir können uns in unsere Wirklichkeit Blase hinein-googeln. Das stimmt. Aber wir können uns von den anderen Auffassungen, den anderen Perspektiven gegenüber den Andersdenkenden eben unter vernetzten Bedingungen nicht abschotten. Das heißt, wir können uns einigeln, aber sind doch immer mit anderen Auffassungen konfrontiert. Und das ist eine Tiefenursache der großen Gereiztheit, die wir in der Kommunikation im Moment erleben. Die Lösung ist nicht technisch. Gelingende Kommunikation braucht Zeit, Kontexte, ein Sich-Einlassen, ein wirkliches Zuhören, Unterbrechungsfreiheit und nicht einfach ein paar neue technische Ideen.

Wie unterstützend ist der seriöse Journalismus, um diese Gelassenheit Zeit gewinnen zu befördern?

Wir brauchen einen guten, unabhängigen, kritisch nachfragenden Journalismus, weil eine liberale Demokratie diese Instanz der Selbstbeobachtung benötigt. Wir können sehr klar zeigen: Je schwächer der Journalismus wird, je schwächer das seriöse, der unabhängige Journalismus wird, desto höher wird das Maß an Korruption in einer Gesellschaft. Und wir brauchen auch als Gesellschaft eine gemeinsame Faktenbasis, wir können nicht alles selbst überprüfen. Wir sind darauf angewiesen, dass uns Journalisten nach bestem Wissen und Gewissen das präsentieren, was sie für das wirkliche Geschehen halten. Und insofern erfüllt es mich mit großer Sorge zu sehen, wie schlecht es vielen Tageszeitungen inzwischen geht.

Also ist alles längst verloren?

Wir erleben eine Kommunikationsrevolution mit offenem Ausgang, und - das ist die gute Nachricht, je nach Perspektive vielleicht auch die schlechte - letztlich hängt es von uns allen ab, ob es gelingt, ein respektvolles Kommunikationsklima zu bewahren und in manchen gesellschaftlichen Sphären wieder neu zu schaffen.