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"Der Umfall" von Mikaël Ross ist bester deutschsprachiger Comic | BR24

© Mikaël Ross / Avant-Verlag

Noel - links im Bild - ist die Hauptfigur in Mikaël Ross' Comic "Der Umfall". Er liebt Hunde und ebenso die Musik von AC/DC.

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    "Der Umfall" von Mikaël Ross ist bester deutschsprachiger Comic

    Zum Auftakt des digitalen Comic-Salons in Erlangen wurden Freitag Abend die Max und Moritz-Preise verliehen, die wichtigsten Auszeichnungen für Zeichnerinnen und Zeichner. Bester deutschsprachiger Comic wurde "Der Umfall" von Mikaël Ross.

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    Mikaël Ross preisgekrönter Comic beginnt mit einem besonderen Weihnachtsgeschenk: Noel, der junge Mann mit der roten Steppjacke und der orangefarbenen Mütze, ist überglücklich. Weniger, weil er auf dem Balkon der Berliner Wohnung Marshmallows rösten darf, wie üblich etwas zu lange. Die Freude hat einen anderen Grund: Die Mutter des beeinträchtigten Mannes – von ihm "Mumsie" genannt – hat eine besondere Überraschung für ihn. Eine Spielzeuggitarre, ebenfalls rot, und, am Hals versteckt, zwei Karten für das AC/DC-Konzert im nächsten September. Noel liebt die Musik dieser Band über alles. Und eigentlich ist er, so wie Mikaël Ross ihn gezeichnet hat, der liebenswerteste AC/DC-Fan überhaupt. For those about to rock, we salute you.

    "Das habe ich versucht, mit Noel auszudrücken", sagt Mikaël Ross über die Hauptfigur seines Comics "Der Umfall": "dass es eigentlich keine Unterscheidung gibt zwischen einem Menschen mit einer Beeinträchtigung und jemandem, der – in Anführungsstrichen – normal ist. Die Grundbedürfnisse sind die gleichen. Man möchte ein sinnvolles Leben führen, man möchte in Beziehung sein, man möchte arbeiten, man möchte Sinn schaffen. Das ist alles gleich."

    Plötzlich ist alles anders

    Leider aber gerät Noels behütetes Leben kurze Zeit später völlig aus dem Lot. Seine Mutter bricht in der Nacht im Bad zusammen. Das ist der „Umfall“. Im Krankenhaus wird ein Schlaganfall diagnostiziert, sie liegt im Koma und, man ahnt es, sie kehrt nicht mehr nach Hause zurück. Noel, der aufgrund seiner Beeinträchtigung auf Hilfe angewiesen ist, kommt schließlich ins niedersächsische Neuerkerode, in ein inklusives Dorf. Er wird Teil der besonderen Wohn- und Lebensgemeinschaft. Mikaël Ross erzählt aus der Perspektive des neuen Dorfbewohners, einfühlsam, zugewandt, voller Intensität, immer wieder auch humorvoll.

    "Ich möchte den Witz, den die Leute in Neuerkerode haben, irgendwie aufzeigen und drin haben", sagt Mikaël Ross, der aus München stamm. "Aber damit das nicht schief geht, muss ich die Figuren erst einmal so finden, dass ich sie wirklich verstehe und dass ich erst einmal selbst anfange, die tatsächlich zu lieben. Dann merkt man, dass einem gar nicht so viel passieren kann."

    © Mikaël Ross / Avant-Verlag

    Noel - die Hauptfigur in Mikael Ross' Comic "Der Umfall" - muss seiner Mutter helfen und ist plötzlich auf sich allein gestellt.

    Leben und Zeitgeschichte

    Mikaël Ross erzählt von Noel, ebenso aber von den Menschen, mit denen er in Neuerkerode zusammen lebt. Valentin, ein Autist, der immer einen Holzstab in den Händen trägt, seinen Tüdel, wie er erklärt. Oder Alice, die an Epilepsie leidet und super in Judo ist – sie schwärmt für Noel. Robert, der Betreuer von Noel und Valentin kommt dazu. Und schließlich die alte Irma. Mit ihrer Geschichte weitet Mikaël Ross den Blick in die dunkle Vergangenheit von Neuerkerode. Irmas Bruder wurde, mit anderen Bewohnern des Dorfes, Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde. Mikaël Ross sagt, diese Geschichte sei zu ihm gekommen. Er war zu einer Geburtstagsfeier eingeladen: Das Geburtstagskind wurde 91 Jahre alt und lebt seit der Kindheit im Dorf.

    "Die Frau hat alles miterlebt", sagt Mikaël Ross. "Dann gab es eine leichte Annäherung. Sie wollte am Anfang erst nicht erzählen. Dann bin ich noch einmal wieder gekommen, mit einem Strauß Blumen. Man hat sich ein wenig länger unterhalten, bei Kaffee und Kuchen. Und plötzlich erzählt sie mir diese Geschichte, wie sie das wahrgenommen hat, dass der Ort, in dem sie aufgewachsen ist, der ihr Zuhause war, ein Stück weit, plötzlich sich zu einem Ort verwandelt, wo sie um ihr Leben fürchten muss."

    Intensive Bilder mit Buntstift

    Gut zwei Jahre arbeitete Mikaël Ross an seinem Comic-Buch, immer wieder auch im Dorf selbst. Die Stiftung Neuerkerode, so erzählt er, ließ ihm alle Freiheit. Seine Bilder, gezeichnet mit schwarzem Strich und farbigen Flächen, mit Buntstift fein schraffiert, haben eine große Lebendigkeit. Die Menschen, von denen der in München geborene Zeichner, Jahrgang 1984, erzählt, sind frei erfunden. Dennoch sind viele der Geschichten, von denen er bei seinen Aufenthalten in Neuerkerode erfahren hat, in den Comic eingeflossen. Und er selbst, so sagt Mikaël Ross, hat so viel mitnehmen dürfen von den Begegnungen mit den Bewohnern des Dorfes. Wichtig war vor allem die Erfahrung, dass der Stellenwert der Menschlichkeit in der Gesellschaft und im politischen Diskurs sehr fragil sein kann. Das Thema treibt ihn um.

    "Zu merken, dass das immer ein dynamisches Schlachtfeld ist", so Mikaël Ross: "Wer an der Gesellschaft teilhat und wen man ausstößt – und was im Endeffekt das Ausstoßen auch bedeutet, in letzter Instanz."

    © Mikaël Ross / Avant-Verlag

    Noel in der Gemeinschaft in Neuerkerode. Mikaël Ross erzählt mit großer Einfühlung von den Menschen im inklusiven Dorf.

    Noel, der junge Mann mit der Liebe für laute Musik – und ganz nebenbei auch ein Musketier – hat seine rote Spielzeuggitarre und die beiden AC/DC-Konzertkarten mit in die neue Heimat genommen. Und als der magische 24. September gekommen ist, bricht er auf nach Berlin, zusammen mit Alice und mit einem kleinen weißen Hund namens „Ponsgott“, eine Reverenz an den ersten Sänger von Noels Lieblingsband. Das Trio fährt ab Braunschweig mit dem ICE und hat den wohl großartigsten Zugbegleiter der Deutschen Bahn an seiner Seite. Ob Noel und Alice dann im Olympiastadion die Hände heben und zu „Highway to Hell“ rocken werden, erkunde man am besten selbst. Eine von vielen so tollen Geschichten, die Mikaël Ross in seinem Comic erzählt. Let there be rock!

    Für den Comic "Der Umfall", erschienen im Berliner Avant-Verlag, erhielt Mikaël Ross zum Auftakt des digitalen Comic-Salons den Max und Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic. Als beste deutsche Comic-Künstlerin wurde Anna Haifisch ausgezeichnet, der Preis für den besten deutschsprachigen Comic-Strip ging an Lisa Frühbeis. Den Max und Moritz-Preis für das Lebenswerk erhielt die Künstlerin Anke Feuchtenberger. Im Herbst erscheint ein neuer Comic von Mikael Ross im Avant-Verlag: eine Geschichte über die Kindheit von Ludwig van Beethoven.

    © Mikaël Ross / Avant-Verlag

    Noel geht es wunderbar in Neuerkerode. Außerdem ist er der großartigste AC/DC-Fan überhaupt.

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