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Kunsthalle Tübingen zeigt Max Pechsteins Lust am Tanzen | BR24

© Bayern 2

Max Pechstein ist berühmt für seine expressiven Landschaften und Akte. Die Ausstellung "Tanz! Max Pechstein" in Tübingen zeigt jetzt Pechsteins Tanz-Bilder. Und sie macht deutlich: Inspiriert wurde Pechstein nicht nur vom Nachtleben Berlins.

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Kunsthalle Tübingen zeigt Max Pechsteins Lust am Tanzen

Max Pechstein ist berühmt für seine expressiven Landschaften und Akte. Die Ausstellung "Tanz! Max Pechstein" in Tübingen zeigt jetzt Pechsteins Tanz-Bilder. Und sie macht deutlich: Inspiriert wurde Pechstein nicht nur vom Nachtleben Berlins.

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1908 zieht Max Pechstein nach Berlin. Nach der Gründung der "Brücke" in Dresden und einem Paris-Aufenthalt, war das für den aus dem kleinen Zwickau stammenden Künstler der endgültige Schritt in die Großstadt: "Diese Großstadt-Eindrücke mit dem ganzen Vergnügungsbetrieb, der vor dem Ersten Weltkrieg boomt, prasseln auf ihn ein," erzählt Annika Weise, Kuratorin der Ausstellung "Tanz! Max Pechstein. Bühne, Parkett, Manege" in der Kunsthalle Tübingen. "Man merkt: Da ist dieser junge Zwickauer, der das zu bannen versucht, was ihn in diesem Moment reizt, was er sieht auf der Bühne, in der Manege."

Befreiung der Körper

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts geht es um die Befreiung der Körper von den Konventionen. Die einen machten das per Ausdruckstanz, etwa auf dem Monte Verità. Die expressionistischen Maler dagegen wollten Emotionen auf die Leinwand bringen. Der Tanz bot ihnen die Möglichkeit, aus einer körperlichen Wahrnehmung heraus zu skizzieren, zu zeichnen, mit Farbklängen zu malen. Max Pechstein hat oft in den Berliner Variétés gesessen und mit dem Zeichenstift unmittelbar auf das Bühnengeschehen reagiert. Im Atelier malt er tanzende Frauen als dominante, Raum beherrschende Leiber, versunken in die eigene Bewegung. Irgendwann, sehr spät, wird ihm aber klar, dass auch der teilnehmende Künstler ein Voyeur ist: In Pechsteins Farbholzschnitt von 1923 sitzen unter der Bühne die Männer, und sie stieren der sich energisch bewegenden Ballerina unter den gelüfteten Rock.

© Roman März, Kunsthalle Tübingen

Die Tübinger Ausstellung "Tanz!" macht aus dem Nebenmotiv Max Pechsteins ein Schwerpunktthema – das Ölgemälde "Tanz" (1909)

Das Tänzerische ist eigentlich ein Nebenmotiv in Pechsteins Gesamtwerk, das von großartigen, zupackenden Akten und Landschaften geprägt ist, zumal in der Druckgraphik. Die Tübinger Ausstellung versucht aber, Pechsteins Lust an der Bewegung zu einem wichtigen Strang seiner 1910er und 20er Jahre aufzubauen, erklärt Kuratorin Weise: "Das, was er mit seiner Kunst versucht hat dazustellen – diese Emotion, dieses Unmittelbare auf die Leinwand oder das Papier zu übertragen – das haben die Tänzer, gerade auch die Tänzer des modernen Ausdruckstanzes auch auf der Bühne vollzogen. Da nähern sich beide künstlerische Gattungen sehr an."

Prägung durch Formensprache der Palau-Bewohner

Um etwas Großstadtflair in die Ausstellung zu bringen, sind in Tübingen auch Ballkleider der 1920er Jahre zu sehen und sogar Filmausschnitte mit der tanzenden Josephine Baker, die wiederum ein Bedürfnis des damaligen Publikums nach Exotik offenlegen. Auch Max Pechstein war, freilich aus anderen Gründen, so angezogen von fremden Kulturen, dass er 1914 eine Reise zu den Palau-Inseln unternahm, damals Teil der deutschen Kolonie "Deutsch-Neuguinea" im Pazifik. "Er ist hauptsächlich nach Palau gereist, weil ihn die Formensprache dieser Kultur sehr fasziniert hat," sagt Kuratorin Weise. "Die hat er über Objekte im Völkerkunde-Museum in Dresden gesehen. Er fühlte sich dieser Kultur sehr nahe, die mit wenigen Mitteln und einem hohen Abstraktionsgehalt trotzdem noch das Wesentliche darstellen konnte."

© Kunsthalle Tübingen

"Ein Körper gibt doch mehr Anregung als eine Landschaft": Das gilt auch für Max Pechsteins Gemälde "Tänzerin in einer Bar" (1923/31)

Aus den geplanten zwei Jahren auf Palau wurden – wegen des beginnenden Ersten Weltkriegs – nur sechs Wochen. Aber zeitlebens hat Pechstein von diesem Erlebnis gezehrt und noch 1951, kurz vor seinem Tod, noch einmal den "Mondscheintanz" der Einheimischen gemalt. Schon unmittelbar nach seiner Rückkehr 1914 hatte Pechstein die Eingeborenen-Tänze in scharfkantigen Skizzen immer wieder beschworen.

Die Ausstellung ergänzt diese ungewöhnliche Pechstein-Schau mit vielen Referenz-Werken zum Tanz von Ernst Ludwig Kirchner, Christian Rohlfs, Rudolf Belling und der großartigen Erma Bossi. Für Pechstein ist die Großstadt, anders etwa als in den kaputten Nachkriegsbildern von Otto Dix, etwas Positiv-Belebendes. Bei ihm kleben auf dem Tanzboden verruchte, sich bisweilen sogar küssende Paare sehr eng aneinander. Und bevor er sich vor den Nazis in die pommersche Provinz retten musste, hatte der übrigens selbst heftig praktizierende Gesellschaftstänzer Max Pechstein in Berlin wohl keine ganz schlechte Zeit.

Die Ausstellung "Tanz! Max Pechstein. Bühne, Parkett, Manege" ist noch bis 15.März in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.

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