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Bildrechte: Matt Black / Magnum Photos

Ausstellung Matt Black - American Geography

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Matt Black Fotoausstellung: Land der begrenzten Möglichkeiten

Seine Bilder zeugen von Hunger und Rost, Armut und Perspektivlosigkeit. Bilder mitten aus den USA. Viele Jahre hat der Magnum Fotograf Matt Black dieses andere Gesicht der Vereinigten Staaten porträtiert. Das Ergebnis ist nun in München zu sehen.

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Von
  • Flora Celine Roenneberg

Cherry Creek ist ein kleiner Ort in South Dakota, USA. Rund 80 Häuser gibt es da, vier Kirchen, drei Friedhöfe und einen Reifenhändler. Genau solche Nicht-Orte sucht der der Fotograf Matt Black. Das Nirgendwo. Zerbrochene Städte, verfallene Häuser zwischen ewigen Weiten. Menschen, die in bitterer Armut leben und verlorenen Träumen nachhängen.

Black zeigt in schwarz-weißen Bildern die Grenzen des Landes der propagierten "unbegrenzten Möglichkeiten". Ein Amerika, das kaum einer kennt. Eine einsame Matratze im Schneesturm, rostige Bratpfannen, einen zerbeulten Briefkasten. Der Schatten einer Frau an einer verlassenen Tankstelle. Alles Schicksalseindrücke, die Black jahrelang in ganz Amerika gesammelt hat.

Ein Licht auf den Schatten der Armut

Am fünften Januar 2016 bestieg der Fotograf in seiner Heimat Kalifornien den Bus und machte sich auf die Reise. Zuerst war er davon überzeugt, dass es reichen würde, die direkte Heimat zu kennen. Nachdem er ein Jahr quer durch Kalifornien gezogen war wurde ihm klar: Er wollte mehr sehen. 100.000 Meilen und 46 US-Staaten später hatte er Fotos aus allen Himmelsrichtungen und den dunkelsten Ecken Amerikas gesammelt. Er fotografierte in den Wüsten des Südwestens, im Black Belt im Südosten bis hin zu den postindustriellen, ehemaligen Fabrikstädten im Mittleren Westen und Nordosten. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Seine Bilder werfen ein Licht auf die Schatten der Armut.

© Matt Black / Magnum

Mann in Texas

© Matt Balck / Magnum

City Hall Kentucky

© Matt Black / Magnum

Rome, Mississippi. Eine Frau und ihre Bratpfannen

"Es ist ein ganz spezieller Blick auf die USA. Niemals ist es eine kurze Reise, eine Stippvisite, ein schneller Einblick. Es ist immer ein Sich-Einfühlen in die Situation, in den Ort, in die dort lebenden Menschen", sagt Isabel Siben, Direktorin des Kunstfoyers in München. Black werde beinahe eins mit diesen Situationen, was ihm Türen öffne und erlaube über das Schicksal der Menschen zu berichten. "Und er lässt eben die Menschen selbst ihre Schicksale erzählen."

Geograph des armen Amerikas

Siben engagiert sich seit Jahren für Ausstellungen, die sich nicht nur ästhetisch, sondern auch kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Waterproof, Louisiana - 53,1 Prozent, White Earth, South Dakota - 61,7 Prozent, York, Pennsylvania - 37,1 Prozent der Bevölkerung: So viele Menschen leben an diesen Orten unterhalb der Armutsgrenze. Zahlen, ein berührender Film, poetische Notizen und Landkarten begleiten die Ausstellung.

Blacks Blick ist dabei ein besonderer: Das Auge des Künstlers bricht durch Fenster, Regen- und Schneeschauer. Black skizziert Schatten und Gestalten, spielt mit Schärfe und Perspektive. Er fängt dabei behutsam – und immer indirekt – menschliche Schicksale ein. Auf einem der Bilder ruht eine hagere dunkle Hand auf einem hölzernen Zaunpfahl. Die faltige Haut gleicht dem verwitterten Holz und scheint mit ihm eins zu werden. "Es ist natürlich erschreckend. Aber es ist auch wirklich ein Bild, das sich einem einbrennt", sagt Siben. Genau deshalb seien solche Bilder so wichtig.

Fotos wie Aufforderungen zur Empathie

In der Ausstellung sind auch Gegenstände zu sehen. Diese hängen nicht nur symbolisch an den Wänden, sondern sind auch auf dem Boden zu finden. "Der Boden ist der Ort, an dem sich das alles abspielt", sagt Siben. "Ein Mensch, der ganz unten ist, ist eben am Boden, der lebt am Boden. Wenn Matt unterwegs ist, in ganz Amerika, dann findet er auf den Straßen immer auch Gegenstände, die weggeworfen wurden oder die einfach liegen geblieben sind." Black sammelt Bettelschilder, alte Zigarettenschachteln, Drähte, Plastikbesteck. Für Siben eine Archäologie dieser Bodenperspektive.

Die Ausstellung richtet einen poetischen Blick in den Abgrund der Armut. Denn diesen hat Matt Black mit seiner Reise gewagt. "Armut ist, wenn man perspektivlos ist, wenn man es nicht ändern kann. Und natürlich sieht er diese Aussichtslosigkeit und kann nicht helfen", sagt Siben. "Was er ihnen aber schenkt, ist die Empathie, ist der Moment - dass überhaupt jemand mal da ist, um zuhören – und hinzusehen."

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 12.09. im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung.