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Blattkritik: Szene aus Mathieu Sapins Comic "Gerard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu".
© (c) Mathieu Sapin / Reprodukt Verlag

Autoren

Moritz Holfelder
© (c) Mathieu Sapin / Reprodukt Verlag

Blattkritik: Szene aus Mathieu Sapins Comic "Gerard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu".

Die gezeichneten Geschichten entstehen im Atelier im 10. Pariser Arrondissement. Mathieu Sapin – Jahrgang 1974 – teilt sich die drei Zimmer einer winzigen Mansarden-Wohnung mit einer Kollegin und einem Kollegen. Der Flur ist so eng, dass man nicht aneinander vorbeikommt. In einem der Räume sitzt die aus der Elfenbeinküste stammende Marguerite Abouet, mit der Sapin die afrikanisch-französischen Kinderbücher über das Mädchen „Akissi“ herausbringt: Autobiografisch inspirierte Geschichten, die in ihrem Witz an Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“ erinnern. Abouet schreibt sie, Sapin zeichnet die Bilder.

„In Frankreich kennen sich die Comic-Zeichner alle untereinander“, sagt Mathieu Sapin. „Wir sind eine Gemeinschaft, ein Mikrokosmos. Und wir lieben es, zusammenzuarbeiten. Ich schreibe Geschichten für einen Freund, Marguerite schreibt Geschichten für mich. Deshalb arbeiten wir auch in Gemeinschafts-Ateliers, so wie hier. So sind wir beständig im Austausch". Die Leser kämen da bisweilen nicht mit, sie stellten oft gar keine Verbindung her zwischen den lustigen Geschichten über ‚Akissi‘ und seinen politischen Arbeiten. Zuletzt habe er einen Spielfilm inszeniert, ‚Le Poulain‘, über einen Novizen im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Das habe die Leute erstaunt, so dass sie sich fragten: Ah, wie geht das denn alles zusammen?

Am Filmset mit Gérard Depardieu. Die Dreharbeiten zu einer Serie über das Schlemmen - aus der Sicht von Mathieu Sapin

Am Filmset mit Gérard Depardieu. Die Dreharbeiten zu einer Serie über das Schlemmen - aus der Sicht von Mathieu Sapin

Wachsendes Interesse für die Politik

Im September startete „Le Poulain“ – auf Deutsch: „Das Fohlen“ – in den französischen Kinos. Die Kritiken waren gemischt. Ihm habe es großen Spaß gemacht, sagt Mathieu Sapin, die Geschichte eines jungen, unbedarften Mannes zu erzählen, der allmählich Gefallen findet am Haifischbecken der Politik. Zuerst ist er nur ein einfacher Wahlkampfhelfer, aber mehr und mehr wird er zu einer treibenden Kraft. Es gibt durchaus autobiografische Bezüge. Schließlich ist Mathieu Sapin selbst als Zeichner auch ganz unbefangen in das politische Milieu hineingeraten. 2011 beschloss er, den Präsidentschaftswahlkampf von François Hollande mit einem Comic zu begleiten.

"Davor interessierte ich mich tatsächlich nicht besonders für Politik", erzählt Sapin. Jetzt liebe er es, sich damit zu beschäftigen. Er verfolge das Geschehen auf Twitter, höre und sehe Nachrichten. Auch die mediale Aufmerksamkeit für seine Bücher habe zugenommen, was ihn bestimmt verändert habe. "Vor allem spüre ich jetzt mehr Verantwortung für das, was ich sage oder zeichne. Ich erzähle ja von wirklichen Menschen, da muss man präzise und aufrichtig sein. Was mich an der Politik besonders fasziniert, ist die Unvorhersehbarkeit. Jede Woche passiert etwas, was man sich vorher nicht ausmalen kann oder will."

Zudem sei es für jemanden wie ihn, der Geschichten auch erfindet, faszinierend, wie unberechenbar die Wirklichkeit sein kann. „Bei den Comics verarbeite ich ja eher das, was ich zuvor erlebt habe, und versuche es ironisch zu brechen. Bei meinem Film ‚Le Poulain‘ aber ging es auch darum, sich Situationen vorzustellen, die der Realität voraus sind. Wir schrieben das Drehbuch vor zwei Jahren. Zum Beispiel haben wir uns darin etwas Unglaubliches erlaubt: den Brexit! Wir dachten, das ist etwas, was nie eintreten wird. Wir haben das in den Film eingebaut, um einen Knalleffekt zu erzeugen. Und dann kam der wirkliche Brexit. So ging es weiter. Auch so etwas wie Trump konnte man sich vor zwei Jahren nicht vorstellen.“

Ein wachsendes Interesse für die Politik. Der französische Comic-Star Mathieu Sapin.

Ein wachsendes Interesse für die Politik. Der französische Comic-Star Mathieu Sapin.

Am Rockzipfel von Gérard Depardieu

Mathieu Sapins Graphic Novels funktionieren ähnlich wie Langzeitbeobachtungen im Bereich des Dokumentarfilms. Für eines seiner jüngsten Großprojekte hat der Zeichner ein paar Jahre lang den Schauspieler Gérard Depardieu begleitet. Er hat ihn immer wieder besucht, war mit ihm auf Reisen, bei Filmpremieren und anderen Events. Mit vielen Details und verspielt karikaturhaft bringt er das dann aufs Papier. So steht Sapin einmal in Depardieus Wohnzimmer, und während der telefoniert, schaut sich der Gast verschüchtert alle Kunstwerke und Gegenstände an, die da wild herumstehen: ein Geschenk von Fidel Castro, eine Skulptur von Camille Claudel, eine Installation von Brancusi.

Der Zeichner kommt in seinen Büchern selbst vor: ein kleines Männchen mit einem unverhältnismäßig großen, kastenartigen Kopf, Stirnglatze und Bartstoppeln. Sapin sieht tatsächlich so aus, nur der Kopf ist runder als in den Zeichnungen. Immer geht es um seine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Auch um seine Gefühle und seinen notorischen Bammel vor berühmten Persönlichkeiten. Vor Depardieu hatte er richtig Angst, vor diesem unberechenbaren Koloss, der ihn beim ersten Zusammentreffen in Unterhose empfing. Doch Sapin lässt sich in seiner Empathie nicht beirren. Er zeigt Depardieu als Mann mit großem Herzen und großem Hunger, einen wundersam barocken Menschen in teilweise unfassbarer Daseinswucht. Gérard als wandelnder Widerspruch – zum einen als kluger, belesener Mensch, zum anderen als Männerfreund von Wladimir Putin und überhaupt einer, der macht was er will. Sapin möchte das gar nicht groß kommentieren, er meint nur, Depardieu benehme sich bisweilen wie ein selbstherrlicher König.

Mathieu Sapin bei der Arbeit. Seite aus den Skizzenbüchern, aus denen der Comic über Gérard Depardieu entstanden ist.

Mathieu Sapin bei der Arbeit. Seite aus den Skizzenbüchern, aus denen der Comic über Gérard Depardieu entstanden ist.

Vom Élysée zu Kafkas „Schloss“

In einem anderen großen Comic-Projekt widmete sich Mathieu Sapin dem Amtssitz des französischen Präsidenten, dem Élysée-Palast. Er bekam eine Akkreditierung für das berühmte Haus und hat es wieder und wieder besucht. Im Comic thematisiert er auch, wie die Macht den Menschen verändert – am Beispiel des ehemaligen Hausherren, des französischen Präsidenten François Hollande. Aus einem heiteren Menschen, der immer zu Scherzen aufgelegt war, wurde unter der Verantwortung im Élysée ein harter, freudloser Staatsdiener. Alle frühere Leichtigkeit kam ihm abhanden.

„Der Élysée-Palast ist stärker als der Präsident“, glaubt Mathieu Sapin. Ein Präsident, der wirklich Reformen wolle, müsste wohl an einen anderen Ort wechseln. Alle Präsidenten, die in den Élysée einziehen, sagten anfangs, dass sie ihr Amt reformieren, seine Funktion anpassen, sich nicht darin einsperren lassen wollten – aber nach kurzer Zeit verändere der Ort die Person. So, als gäbe es unsichtbare Strahlen, die das bewirken. "Das hat sicher auch damit zu tun, dass der Élysée architektonisch in sich gekehrt ist, alles ist ins Innere, zum Hof hin, ausgerichtet. Dabei sollte der Palast sich zum Volk, also nach außen öffnen, mit Durchblicken und Durchgängen. Aber was man von außen sieht, sind vor allem kleine Fenster und Gitter. Von der Rue St. Honoré aus wirkt er komplett unzugänglich. Es müsste auch einen großen Platz drum herum geben, für Versammlungen,“ sagt er.

Am Ende seines Élysée-Buches, das bisher nicht auf Deutsch erschienen ist, vergleicht Mathieu Sapin den Palast des französischen Präsidenten mit dem literarischen „Schloss“ aus Franz Kafkas großem Roman. In beiden Fällen handelt es sich um ein bizarres Gebäude, das durch einen gewaltigen, undurchschaubaren bürokratischen Apparat bestimmt wird. Im Roman ist K.s ganzes Streben darauf gerichtet, sich dem Schloss zu nähern, es gar zu betreten. Das ist Sapin mit dem Élysée gelungen. Wenn er bei François Hollande im Büro sitzt, überlegt er, wer auf seinem Stuhl zuvor schon alles Platz genommen hat: Barack Obama? Margaret Thatcher? Nelson Mandela? Angelina Jolie? Marylin Monroe? Zusammen mit Kennedy? Auf alle Fälle – er war drin in „Le Chateau“. Den Eintrittsausweis, den er bekam, hat Sapin einfach behalten. Und Macron? Wird der Élysée auch ihn verändern?

„Es ergeht ihm nicht anders“, prognostiziert Mathieu Sapin. „Es gibt den Élysée und dann natürlich das Amt. Es ist sehr schwer, sich nicht davon verändern zu lassen.“

Eine Seite aus dem neuen Comic von Mathieu Sapin, aus dem Kindercomic "Akissi".

Eine Seite aus dem neuen Comic von Mathieu Sapin, aus dem Kindercomic "Akissi".

Mathieu Sapins Comics erschienen in deutscher Übersetzung im Reprodukt-Verlag. Der Band „Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ wurde übersetzt von Silv Bannenberg. Ganz neu ist der Kindercomic „Akissi. Auf die Katzen, fertig los“, zusammen mit Marguerite Abouet und übersetzt von Ulrich Pröfrock.

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