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Wie neue Massenbewegungen und der Individualismus zusammengehen | BR24

© picture alliance/Jan Schmidt-Whitley/Le Pictorium/MAXPPP/dpa

Demonstration der "gilets jaunes" in Paris (Januar 2019)

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    Wie neue Massenbewegungen und der Individualismus zusammengehen

    Was haben Fußballspiele, Rockkonzerte und die "Gelben Westen" gemeinsam? Alle sind Massenphänomene – und werden als solche oft skeptisch betrachtet. Dabei bedeutet Massendynamik keineswegs, dass der Einzelne ganz im Kollektiv aufgehen würde.

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    Ob im Netz, in der Politik, oder im Aktivismus: Massen entwickeln derzeit eine neue Dynamik. Im virtuellen Raum organisieren sich bewegliche globale Massen, Populisten appellieren an das Gefühl der Masse gegen die Eliten, Popkultur und Sport versammeln Zehntausende zu intensiven gemeinsamen Erlebnissen. Wie sind diese Phänomene auf den Begriff zu bringen? Und wie verändert sich gegenwärtig das Verhältnis des Einzelnen zur Masse? Gunter Gebauer und Sven Rücker suchen Antworten in ihrem Buch "Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen". Beate Meierfrankenfeld hat mit Gunter Gebauer über alte und neue Massen gesprochen – und darüber, warum es auch im Zeitalter des Individualismus immer wieder Massenphänomene und -Events gibt.

    Beate Meierfrankenfeld: Sie unterscheiden in Ihrem Buch alte von neuen Massen. Worin liegt für Sie der Hauptunterschied?

    Gunter Gebauer: Die alten Massen sind ein Konstrukt, das um 1900 herum gebildet wurde, stark beeinflusst von historischen Ereignissen insbesondere in Frankreich, der Französischen Revolution und den Revolutionen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Pariser Kommune. Daraufhin wurden Massentheorien in die Welt gesetzt, vor allem von Gustave Le Bon und Gabriel Tarde, die sehr stark beeinflusst waren von diesen Massen – beziehungsweise den Erzählungen über diese Massen. Wie diese Massen wirklich ausgesehen haben, das wissen wir nicht, es gibt ja so gut wie keine Fotografien, es gibt keinen Film darüber, es gibt keine Tondokumente, es gibt nur Erzählungen, und die haben eine starke mythische Aufladung. Entsprechend stellen die Theorien dieser alten Massen sie so dar, als würde sich eine Art Massenseele bilden, wenn ganz viele Menschen sich versammeln, ein und dasselbe Ziel haben und losstürmen: also die Auflösung des individuellen Ichs, die Bildung von einem großen "Wir", das von einer Seele, das heißt von gemeinsamer Absicht und Zielsetzung bestimmt ist.

    Heutzutage leben wir in einer ganz anderen Gesellschaft als um 1900, das Individuum hat einen ganz anderen Platz – und es ist sehr merkwürdig, zu denken, dass sich in einem Massengeschehen die Individualität der Einzelnen auflöst. Wir leben in einer Gesellschaft der Individuen, man kann auch mit Andreas Reckwitz sagen: in einer Gesellschaft der "Singularitäten". Das Individuum darf sich in allen möglichen Variationen in der Öffentlichkeit darstellen und seine Individualität, seine Einzigartigkeit unter Beweis stellen. Und das tut es eben auch in der Masse. Wenn eine Fangruppe im Fußball loszieht oder wenn eine Gruppe, die eine Popsängerin unterstützt, begeistert mitsingt, dann bedeutet das nicht, dass die Einzelnen sich "auflösen", sondern es bedeutet eher, dass die Einzelnen gestärkt aus diesem Ereignis herausgehen. Das ist unsere zentrale These.

    Auch wenn man heute keine "Massenseele" mehr annehmen würde, muss eine Masse ja noch andere Merkmale haben als eine Gruppe oder eine lockere Ansammlung von Menschen. Was wären solche Merkmale?

    Das ist die zweite zentrale Aussage, dass man soziologisch und psychologisch anders an solche Gruppierungen und Agglomerationen von Menschen herangehen muss als bei einer Klasse, einer Gruppe, einem Verein, einer Institutionen und so weiter. Es sind erstmal viele Menschen – wie viele, ist völlig unklar – eine Masse kann sich bilden von acht, neun Personen aus, kann wachsen und hat dann eigene Eigenschaften: ein Gefühl, dass man in dieselbe Richtung marschiert, dazu gehört natürlich auch eine Aktion, eine Mobilisierung, eine Gleichheit unter den Mitmachenden, ein gemeinsames Ziel, eine soziale Dynamik und auch eine Psychodynamik. Das Ganze ist sehr stark gefühlsbestimmt und wenig soziologisch bestimmbar, wir wissen gar nicht, welchen sozialen Klassen die Angehörigen einer Masse zugehören, wir wissen nicht, welche Absichten sie genau haben, außer dass sie jetzt unterwegs sind und irgendetwas ad hoc in dieser Situation erreichen wollen. Aber eins ist klar: Sie bilden sich als Masse für den Zuschauer, und sie selber sind davon überzeugt, dass sie eine Masse sind.

    © Bernd Wannenmacher / Pressestelle FU Berlin

    Gunter Gebauer

    Sie führen als ein Kriterium für eine Masse auch ihre Körperlichkeit an, also die Beteiligung an einem Massengeschehen an einem raumzeitlichen Punkt. Wie sieht das im digitalen Zeitalter aus, das globale Massen ja auch rein virtuell organisieren kann?

    Das ist heute eine ganz interessante Konstellation, die sich da ergeben hat. Zunächst einmal ist das Internet ja selbst eine Masse, eine Masse von Geräten, die angeschlossen sind an ein Netz. Und es gibt in diesem Internet Botschaften zum Beispiel von bestimmten Gruppen, die zur Mobilisierung aufrufen, und dann kommt der zweite Schritt: Diese Mobilisierung erfolgt in Wirklichkeit, das heißt körperlich. Die Leute rennen raus und ziehen sich ihre gelben Westen an, weil ein Lastwagenfahrer einen Appell losgelassen hat, der wird gelesen im Internet, 300.000 Leute versammeln sich auf den öffentlichen Knotenpunkten des Verkehrs, ziehen sich gelbe Warnwesten an und fangen an das Land lahmzulegen. Das ist ein typisches Beispiel, wir können aber auch andere Beispiele nennen für die Organisation zum Beispiel von rechtsradikalen Parteien, die das sehr sehr gut verstanden haben, angefangen auch wieder in Frankreich, mit dem Front National, der sehr stark seine Basis erweitert hat durch Aktionen, die aus dem Internet gekommen und dann auf die Straße gegangen sind.

    Massen sind im Netz und in der realen Welt häufig locker und unorganisiert, horizontal, finden sich oft auch spontan zusammen. Zugleich handeln Sie in Ihrem Buch auch institutionalisierte Kollektive wie Armee und Kirche massentheoretisch ab. Wie ist das Verhältnis vom "Unorganisierten" der Masse zur Organisation, vielleicht sogar zur Institution?

    Auf die Idee, Kirche und die Armee zu berücksichtigen, sind nicht mein Mitstreiter Sven Rücker und ich gekommen, sondern das war Sigmund Freud. Der hat 1921 eine erste, sehr bedeutende Massentheorie entwickelt, ausgehend von seiner Individualpsychologie, und hat sich gesagt: Die hauptsächlichen Massen, die wirksam sind in unserem Land, also in dem Fall Österreich, das ist einerseits die Armee und zum anderen die katholische Kirche. Die sind organisiert, sind sogenannte "Führermassen". Die Armee hat den Oberbefehlshaber als Führer, die Kirche hat Jesus. Dann hat er versucht zu zeigen, wie die Massen funktionieren, wie sie zustande kommen und wie sie motiviert werden – und die Gefühle, die sie haben, dass das im Wesentlichen libidinöse Gefühle sind. Das hat er sehr klar aus seiner Theorie hergeleitet, aber das geht nur, wenn man organisierte Massen, in diesem Fall hierarchisch strukturierte Führermassen annimmt. Aber heute haben wir solche Führermassen ja gerade nicht, das ist ja das Interessante. Die Politik, auch die Polizei, nimmt ja meistens an: Massen, die auf die Straßen gehen, haben einen oder zwei Anführer oder eine Anführerstruktur, also muss man die irgendwie fassen, dann kann man eine Masse auch eventuell unschädlich machen. So funktioniert das eigentlich immer wieder mit Massendemonstrationen, mit dem sogenannten "Schwarzen Block": Da denkt man auch, das sind drei, vier Leute, die man einfach nur cashen muss, und wenn man die hat, dann hört auch diese ganze Demonstration auf. Und jedes Mal zeigt sich von Neuem: Das ist einfach nicht so.

    Trotzdem können auch nicht hierarchisch strukturierte Massen ihre charismatischen Figuren haben, die eine Art Kristallisationspunkt bilden, oder?

    Aber nur gelegentlich, das ist gar nicht so häufig. Es gibt gelegentlich Personen, die hervorstechen, die durch ihre Organisationsfähigkeit, durch ihre Ausstrahlung und ihr rhetorisches Talent Bekanntheit erhalten und auch ganz wichtig sind. Das war im Mai 1968 in Frankreich zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit, den hat auch sofort die staatliche Macht ergriffen und festgestellt: Der hat einen deutschen Pass, weil er Jude aus Frankfurt war, der aber eigentlich die ganze Zeit in Paris gelebt hatte. Er wurde dann zurücktransportiert nach Frankfurt, in ein Land, das er gar nicht kannte, mit einer Sprache, die er noch gar nicht sprechen konnte. Aber das hat nichts geholfen: Der Aufstand 1968 ging weiter. Manchmal versucht man für die Berliner Verhältnisse Rudi Dutschke als Leitfigur herauszuholen, das ist auch auch nicht richtig gesehen. Dutschke war das keineswegs. Und als Dutschke dann durch ein Attentat schwerst verletzt wurde, hat sich auch im Prinzip nicht sehr viel geändert an der ganzen Revoltesituation. Also, es gibt Figuren, die hier und da herausragen, aber im Großen und Ganzen ist es die Gesamtbewegung, die diese Wucht hat und die Dynamik hat, die auch ohne Anführer auskommt.

    Und heute, im Netz, kann grundsätzlich jeder eine solche charismatische Figur werden, auf YouTube zum Beispiel, die zugehörige Masse wären dann seine Follower. Interessant ist – wenn man noch ein mal an das denkt, was Sie über Freud gesagt haben – dass damit ja auch eine neue Art Intimität zwischen Masse und "Anführer" entsteht.

    Ja, das ist eindeutig der Fall. Das liegt eben an der Nähe, die hergestellt werden kann durch Videoaufzeichnung, auch durch die Kommunikation mit Usern, die dann anrufen können oder Mails schreiben und die sich in Verbindung setzen mit irgendeiner Frau, die Influencerin ist für irgendeine Hautcreme oder für Lebensgestaltung insgesamt. Das ist die Vorstellung einer enormen Intimität, wie Sie sagen, also einer direkten Ansprache an mich als Zuschauer. Jemand spricht direkt mit mir, das ist sehr lebendig, und es werden meine Probleme behandelt. Aber das ist eine Massenkommunikation. Das ist natürlich der angesprochenen Personen überhaupt nicht klar und will ihr auch gar nicht klar werden, dass genau wie Sie angesprochen wird, vielleicht 100.000 andere auch angesprochen werden – und dass die Influencerin damit ihr Geld verdient.

    Das heißt, es wäre eine Art Umkehrung zum alten Modell der Massentheorie: Nicht der Einzelne verliert sich in der Masse, sondern das Massenerlebnis fühlt sich an und soll sich anfühlen wie eine Eins-zu-eins-Situation?

    Das hat eigentlich Freud schon erkannt. In dem Fall kann man ihn wirklich sehr gut verwenden, weil er sagt: Die Beziehung des Einzelnen in der Masse zum Massenführer – in diesem Fall würde das eine Influencerin sein, beim Popstar die Beziehung vom Fan zum Sänger oder zur Sängerin, im Fußball vom Fan zu seinem Stürmer – das ist eine völlig persönliche Beziehung. Die geht direkt von Person zu Person, von mir zu dem, den ich auf dem Rasen sehe oder zu der Person, die oder der auf der Bühne singt. Und ich habe das Gefühl, sie singt für mich, der Torschütze hat sein Tor für mich geschossen. Das ist eine Massensituation, in der der Einzelne als Einzelner angesprochen ist und als Einzelner erhoben und gestärkt wird.

    © DVA

    Buchcover Gunter Gebauer/Sven Rücker, "Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen"

    "Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen" von Gunter Gebauer und Sven Rücker ist bei der DVA erschienen.

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    Diwan - Das Büchermagazin

    Autor
    • Beate Meierfrankenfeld
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