| BR24

 
 

Bild

Maryse Condé wird Sonntag den alternativen Literaturnobelpreis erhalten
© Marc Ollivier
© Marc Ollivier

Maryse Condé wird Sonntag den alternativen Literaturnobelpreis erhalten

Schon ihr Gesicht ist eine Landschaft. Es erzählt Geschichten von Liebe, Wärme, Leidenschaft, aber auch Skepsis; von Zweifeln, einem starken eigenen Willen, heiterer Selbstironie und einem wachen Sinn in allen politischen Fragen von Unrecht und Ungleichheit. Ein großes, ausdrucksstarkes, dunkles Gesicht mit schwarzen melancholischen Augen, umrahmt vom Flaum der kurzen schneeweißen Krause. Und ein Blick, der um die zerstörerische Kraft des Menschen weiß. Das ist zeitlebens ihr Thema, ein roter Faden im umfangreichen Werk.

Das Leben der Frauen im kolonialen Guadeloupe

"Ihre Großmutter entdeckte sie spät. Erst mit Ende 60 spürte Maryse Condé dieser Victoire Quidal nach, die unehelich geboren war, mit heller Haut unter Schwarzen; Analphabetin, zeitlebens Dienerin, aber eine begnadete Köchin auf Guadeloupe," schreibt sie in "Victoire". Und begreift sich im Gespräch als Nachfolgerin ihrer Großmutter: "Beides, Schreiben und Kochen, ist ein Weg, etwas Schönes herzustellen. Sie konnte auf andere Weise lesen und schreiben, setzte ihre Kraft für etwas Anderes ein. Mir scheint, meine Fertigkeit im Schreiben kommt von ihr. Sie ist meine wirkliche Ahnin."

1937 wurde Maryse Condé in Pointe-à-Pitre auf der größten Insel des Guadeloupe-Archipels geboren, als jüngstes von acht Kindern. Die vielen Schwestern und die Mutter, eine Lehrerin, schärften früh ihren Blick für die Lage der Frauen. Die Heldinnen ihrer Romane sind oft weiblich – starke Frauen wie Tituba im Roman "Ich, Tituba, die schwarze Hexe von Salem"; eine Geschichtsschreibung "von unten", ein Plädoyer für das in der weißen Geschichtsschreibung vergessene schwarze Opfer der Hexenprozesse in Neuengland 1692. Oder es sind Frauen, die, wie Maryse Condé selbst, in Frankreich studierten, dann in Afrika ihre Wurzeln suchten und zurückkehrten nach Guadeloupe, desillusioniert von politischen Turbulenzen, Diktaturen, Rebellionen, Repressionen, Gewalt. "Als ich in Guinea lebte", erzählt Condé, "nannte man mich Toubabesse, weiße Frau. Sie wussten, ich hatte eine andere Kultur, ich sprach keine afrikanische Sprache, ich war anders, eine Fremde, eine Toubabesse. Aber Afrika hat sich verändert. Es weiß heute, man kann anders aussehen, aber seinem Herzen nah sein. Heute gibt es diese Beleidigung nicht mehr".

"Wer schreibt, erfindet eine Sprache aus den eigenen Träumen"

Von Mali inspiriert ist ihr erfolgreichster Roman "Segu", eine opulente, zweibändige Familiensaga, die Geschichte einer Familie und einer legendären Stadt, die untergeht, als der Islam, christliche Missionare und europäische Kolonisatoren ins Land eindringen. 600 Seiten hautnah über den Alltag, den Clash der Zivilisationen, religiösen Fanatismus und die Rolle der Frauen – aus afrikanischer Perspektive. Auch wenn Maryse Condé schon wieder in ihre karibische Heimat zurückgekehrt war, sie weiß, die Identität der Antillen ist geprägt vom Hin und Her zwischen der Faszination Afrikas und dem europäischen Erbe. Sie jedenfalls schreibt auf Französisch und erklärt: "Ich denke, ein Schriftsteller hat keine Muttersprache. Wer schreibt, erfindet eine Sprache aus den eigenen Träumen und der Sehnsucht. Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Kreolisch und Französisch. Ein Schriftsteller fabriziert seine Sprache für das Buch, das er oder sie schreibt."

Umwerfend, wie es Maryse Condé gelingt, Figuren aus historischer und geographischer Ferne ganz nah heran zu zoomen, sie zu universalen Gestalten zu machen, die zeigen, wie unfähig der Mensch zum Frieden ist. Vor bald 30 Jahren schon folgte sie mit "Haiti Chérie" ("Geliebtes Haiti") einem Flüchtlingsboot Richtung USA, dessen menschliche Fracht nicht willkommen ist und ins Meer gestoßen wird. Aber der Tod ist nicht das Ende bei Maryse Condé und ihre Literatur ein Gegenentwurf zu allem Unrecht.

Die Romane von Maryse Condé erschienen im Unionsverlag und bei Litradukt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Autoren

Cornelia Zetzsche

Sendung

kulturWelt vom 07.12.2018 - 08:30 Uhr