| BR24

 
 

Bild

Model neben Audi bei der Autoshow in Detroit
© picture-alliance/ dpa

Autoren

Joana Ortmann
© picture-alliance/ dpa

Model neben Audi bei der Autoshow in Detroit

In der öffentlichen Debatte, in Politik und Medien werden gegenwärtig viele Untergangsszenarien gezeichnet. Der Diskurs ist nervös, der Ton verschärft sich, konstruktive Rhetorik und kreatives Denken haben es schwer. Aber woher speisen sich eigentlich die Ängste der Gegenwart? Und welche positiven Erzählungen könnte es geben? Unsere Serie "Hurra, wir denken noch! Keine Angst vor der Angst" erkundet das Feld zwischen Schrecken und Utopie.

Lust auf einen anderen Karl Marx? Einen nicht so wissenschaftlichen, sondern selbstkritischen, vergleichsweise sogar persönlichen? Zum Beispiel: "Ich muss meine Zwecke durch dick und dünn verfolgen und der bürgerlichen Gesellschaft nicht erlauben, mich in eine money-making machine zu verwandeln." Ein Satz aus einem Brief an seinen Freund Joseph Weydemeyer, 1859. Interessant in mehrfacher Hinsicht: Marx als Mensch, der zweifelt, ob er die selbsterlegten Ansprüche erfüllen kann.

Neue Arbeit an alten Begriffen

Aufschlussreich an dieser Äußerung ist für die Kulturwissenschaftlerin Luise Meier, dass Marx hier an sich selber ideologische Mechanismen feststelle: "Dass es nicht immer um eine Ausbeutung geht, die sich in der Fabrikhalle abspielt, sondern auch darum, quasi Instrumente darzustellen für die Ausbeutung von anderen und die Selbstausbeutung." Und das sei eine sehr moderne Frage. Dieses Auf-Sich-Selbst-Schauen in einem gesellschaftlichen System macht für Luise Meier die Bedeutung von Karl Marx heute aus.

Auf dieser Basis holt sie die wichtigsten Marx'schen Begriffe und Kategorien aus der Geschichte ins Hier und Heute. Etwa die Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit durch "Reduktion der konkreten menschlichen Arbeit auf abstrakt menschliche Arbeit, die sich dann im Geld verdinglicht". Klingt irgendwie altmodisch in Zeiten des globalen Kapitalismus. Klar, sagt Luise Meier - aber gerade weil viele dieser Begriffe so totgesagt sind, können sie so gut wiederbelebt werden.

Paradebeispiel dafür: Das "Proletariat": "Man hat eine gewisse Freiheit, damit kreativ zu werden", so Meier, "eine sehr autoritäre Richtung, die dieser Begriff hatte, infrage zu stellen und auf seine Basis zurückzugehen." Und die bedeute, dass es sich um Ausbeutung und unbezahlte Arbeit handele. Mit dem "Proletariat" wird nach Meier nicht eine soziale Schicht beschrieben, sondern eine Struktur. "Und letztlich war der Begriff dafür da, so etwas wie ein Klassenbewusstsein zu schaffen, das heißt: eine Solidarität und Bewusstheit dafür, dass man sich in einem Kampf mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung befindet.“

Die weibliche Performance und der Konsum

Richtig spannend wird es, wenn Luise Meier das auf den Feminismus bzw. seinen aktuell desolaten Zustand anwendet. An der Art und Weise wie Frauen – natürlich auch, um in diesem System zu bestehen – an ihrer weiblichen Performance feilen, entdeckt sie nämlich jede Menge unbezahlte Arbeit: Familienarbeit, Arbeit am Aussehen, am Körper, am Look, die Arbeit der Karrieremädchen, Beziehungsarbeit. Das alles ist für Meier ganz stark mit Konsum verbunden und sieht deshalb erst einmal nicht nach Arbeit aus, sondern nach Wellness – als würde man sich etwas gönnen: "Aber die Möglichkeit zu Konsum braucht eine Arbeit, die ihn finanziert. Und insofern übersetzt sich das in unbezahlte Arbeit und Ausbeutung, weil das Geld sofort wieder für Konsumprodukte eingesetzt wird, mit denen wir an unserer Weiblichkeit arbeiten. Und wir fragen uns gar nicht mehr: Was brauche, genieße und begehre ich eigentlich wirklich?"

Auch wenn er bestimmt kein Feminist war, hatte schon Marx erkannt: Wir arbeiten zur Befriedigung unserer Interessen oft gegen unsere Interessen. Luise Meier treibt das Ganze wesentlich weiter. Um das Paradox der selbstoptimierten Frau von heute anschaulich zu machen, bedient sie sich einer Tiermetapher: der ideologisch verblendeten Kuh. In ihrem Buch "MRX Maschine" wird diese Kuh so beschrieben: "Sie hält es für ihre heroische und freie Entscheidung zum Wohle ihrer Kinder, ihr Euter zu vermieten. Wenn sie nicht in die Melkmaschine eingespannt ist, optimiert sie ihre Nahrungsaufnahme und Fitness für eine höhere Milchleistung, um ihre Kälber mit biozertifizierter Milch versorgen zu können und um ihren Teil dazu beizutragen, dass es andere Kühe guthaben. Vielleicht erfüllt es sie mit Stolz, dass ihre antibiotikafreien Biokälber auf dem Markt den höheren Preis pro Kilo erzielen und ästhetisch verpackt werden.“

In radikale Opposition gehen

Um diesem Karriere- und Supermutti-Erfüllungs-Automatismus der kapitalistisch durchdrungenen Kühe respektive Frauen beizukommen, empfiehlt Luise Meier – statt hippen, aber harmlosen Schmuse-Feminismus zu betreiben – den fröhlichen Radikal-Feminismus der 70er wieder zu beleben. Auch hier hilft die historische Distanz bei der Anwendung in der Gegenwart. Knallharte Pionierinnen wie Valerie Solanas zitierend, erinnert Meier daran, dass Veränderung noch nie ohne Verunsicherung zu haben war, und ruft zum Streik auf: Gegen unbezahlte Arbeit, solidarisch mit anderen Frauen, ohne Angst vorm Scheitern.

Dabei komme es darauf an, zu erkennen, dass in einem selber nicht nur die Proletarierin steckt, sondern auch die Vorarbeiterin und die Kapitalistin, weil die uns über diese Selbst-Optimierungs-Strategie eingepflanzt wurde. Luise Meier: "Es geht nicht darum, dass wir in unserem privaten Leben alles richtig machen, sondern darum, den Teil in uns, den wir selber ausbeuten, anzuerkennen, sprechen zu lassen, kämpfen zu lassen und in eine radikale Opposition zu gehen.“ Wie genau wir das anstellen wollen, sagt die Feministin nicht. Vielleicht, weil es unzählige Möglichkeiten gibt. Männer sind dabei übrigens herzlich willkommen. In diesem Sinne: Proletarierinnen und Proletarier aller Länder vereinigt euch!

"MRX Maschine" von Luise Meier ist bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

Autoren

Joana Ortmann

Sendung

kulturWelt vom 23.08.2018 - 08:30 Uhr