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Ein Kreuz hängt schief in einer verlassenen Kapelle

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    Marx bleibt - Missbrauchsopfer brüskiert von Papstentscheidung

    Viel Erleichterung gab es am Donnerstag nach der Entscheidung von Papst Franziskus, den Rücktritt des Münchner Kardinals Marx abzulehnen. Doch was viele Gläubige mit Hoffnung auf Reformen feiern, ist für Missbrauchsopfer ein Schlag ins Gesicht.

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    Von
    • Veronika Wawatschek
    • Martin Jarde

    Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising: Der für die kollektive Schuld der Kirche abtreten wollte, wird laut Papst noch in seiner Diözese und in der deutschen Kirche gebraucht. Missbrauchsopfer und Opferverbände sehen das anders: Immerhin hatte Marx' Rücktritt einen Grund – und zwar nicht nur institutionelles Versagen, beim Umgang mit Missbrauch, sondern auch persönliches.

    Papst nimmt einem großen Zeichen den Wind aus den Segeln

    Seit vielen Jahren kämpft Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" darum, dass Missbrauchsopfer von der katholischen Kirche nicht nur finanziell entschädigt werden, sondern vor allem auch darum: dass kirchliche Führungsleute Verantwortung für das Geschehene übernehmen.

    Dass Kardinal Reinhard Marx mit seinem Rücktrittsangebot diese auf sich genommen habe, hält Katsch für einen großen kirchenpolitischen Schritt - dem durch das päpstliche Nein der Wind aus den Segeln genommen sei. Er sei enttäuscht über diese Entscheidung, sagt Katsch, "weil wir gesehen haben, was das für ein starkes - auch weltweites - Signal war, dass da ein prominenter Bischof und Kardinal ohne jetzt direkt persönlich angegriffen zu sein oder umstritten zu sein wegen konkreter Verfehlungen für das System, bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen."

    Papstbrief: "Lob für Marx' Linie beim Thema Missbrauch"

    Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" wertet den Schritt des Papstes dagegen als Lob für Marx' Linie beim Thema Missbrauch. Denn schließlich stimme der Papst dem Münchner Kardinal in seiner Analyse zu, dass es sich bei den kirchlichen Missbrauchsfällen und deren Aufarbeitung um eine "Katastrophe" handle.

    "Und wenn am Ende Papst Franziskus sagt, mach weiter so. Dann muss das eine Ermutigung, eine Rückenstärkung sein, auch für Kardinal Marx." Christian Weisner, "Wir sind Kirche"

    Betroffene im Erzbistum warten auf Besuch des Kardinals

    Rosi Mittermeier verknüpft mit dieser Rückenstärkung ganz konkrete Forderungen. Als Mitglied der "Initiative Sauerteig" fordert sie, dass endlich aufgeklärt wird, warum der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Pfarrer H. in den 80er-Jahren ins oberbayerische Garching an der Alz versetzt wurde, dort weitere Kinder missbrauchte und erst 2010 aus dem Dienst genommen wurde.

    Auf einen Besuch des Kardinals wartet die Gemeinde seit Langem. "Wir setzen da auf ihn, dass er zum Gespräch bereit ist, dass er kommt in den Pfarrverband", hofft Mittermeier. Marx solle sich der Situation stellen, und sie weder kleinreden noch hinauszögern.

    Konkretes Handeln statt kirchenpolitischer Gesten gefordert

    Konkretes Handeln statt großer kirchenpolitischer Gesten – das wünschen sich auch Betroffene wie Herrmann Schell von der Trierer Betroffeneninitiative MissBiT. 2010 erschien ein erstes Gutachten zu den Missbrauchsfällen im Erzbistum München-Freising im Auftrag von Marx, das nicht veröffentlicht wurde. Ein zweites Gutachten der gleichen Kanzlei soll demnächst erscheinen. Dieses könnte nicht nur den derzeitigen Münchner Erzbischof sondern auch seine Vorgänger Wetter und Ratzinger belasten. Auch Marx‘ Verhalten in seinen Trierer Zeiten wird derzeit untersucht. Herrmann Schell fürchtet: Das päpstliche „Weiter so“ könnte bedeuten, dass alles bleibt, wie’s war. "Weil 'weiter so' heißt: Lass das erste Gutachten in der Schublade, verschieb das zweite Gutachten und werde nicht konkret an den Punkten, wo du dich schuldig gemacht hast - speziell in deiner Zeit im Bistum Trier."

    So sei kein personeller Neuanfang möglich und auch andere Bischöfe seien nicht gezwungen, Marx' Beispiel zu folgen, befürchten Betroffene.

    Maria 2.0: "Schallende Ohrfeige" von Franziskus

    Genau umgekehrt deutet dagegen Lisa Kötter von der katholischen Frauenrechtsinitiative Maria 2.0 das päpstliche Schreiben. Sie versteht es als "schallende Ohrfeige".

    Der Papst zeige dem Münchner Kardinal, dass er sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen könne, so Kötter. Denn wäre der Rücktritt jetzt angenommen worden, hätte Kardinal Marx "einen Platz unter südlicher Sonne", vermutet sie. Und da wäre die kritische deutsche Presse relativ weit weg.

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