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Marvin Gayes Album "You’re the Man" ist noch immer hochaktuell | BR24

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Ob verschollen, verschrottet oder mit Absicht zurückgehalten: "You’re the Man" von Motown-Legende Marvin Gaye kam nie heraus. Jetzt ist das Album erschienen und zeigt die politische Seite des Soul-Sängers, der heute 80 geworden wäre.

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Marvin Gayes Album "You’re the Man" ist noch immer hochaktuell

Ob verschollen, verschrottet oder mit Absicht zurückgehalten: "You’re the Man" von Motown-Legende Marvin Gaye kam nie heraus. Jetzt ist das Album erschienen und zeigt die politische Seite des Soul-Sängers, der heute 80 geworden wäre.

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"Ich geh nach Hause zu Mama, meine Geschwister sind auch dort und überhaupt: ich hab‘s satt hier", singt Marvin Gaye im Song "I’m going home" aus dem Jahr 1972. Er ist zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt, verheiratet mit der Schwester eines der berühmtesten schwarzen Plattenproduzenten, Berry Gordy, und hat ein Jahr zuvor mit diesem Song über Nacht die Popwelt erobert. Seine Falsettstimme sorgte im mehrheitlich machoorientierten Black Music Business für Verwirrung. Und dann der Name: "Gay". Das bedeutet im Englischen so viel wie "schwul", weshalb Marvin Gaye auch ein E an seinen Namen anhängen ließ, um Missverständnisse auszuräumen.

Ein Künstler mit Selbstzweifeln

"Sexual Healing" war Marvin Gayes wohl größter Hit aus dem Jahr 1982. Aus diesem Jahr stammt auch eines der letzten Interviews, die Marvin Gaye einer Radioreporterin in Los Angeles gab und in dem er sehr offen über seine Kindheit und seine Psyche sprach: "Als Kind hab ich nie mit den anderen Kindern gespielt, ich war ein Einzelgänger. Das hat mich womöglich auch depressiv gemacht, aber ich habe immer ein cooles Gesicht dazu aufgesetzt. Diese Depressionen haben nie aufgehört, ich war immer im Zweifel, ob das, was ich mache, der richtige Beruf ist, ob ich wirklich ein guter Mensch bin. Ich hatte immer Angst, zu empfindlich zu sein für den Beruf des Künstlers."

Soul Musik als Gegenwartsanalyse

"Das hier ist wohl meine letzte Chance, aus diesem Depressions-Sumpf rauszukommen", singt Marvin Gaye im Song "My last Chance", der Sohn eines Priesters der Pfingstgemeinde "Church of God, House of Prayer". Worship music – Gotteslob gehörte also zum täglich Brot des jungen Marvin Gaye. Und auch in seiner gesamten Diskografie ist die Spiritualität, die Beseeltheit, der "Soul" unmittelbar erlebbar, was vielleicht auch seinen großen Erfolg erklärt. Dass er sich eine eigene, kritische Haltung zur Politik erlaubte, ja politische Themen in die ansonsten auf "Sie liebt mich - Sie liebt mich nicht" und Gotteslob ausgerichtete Soul Musik einbrachte, gefiel nicht allen Verwertern, Produzenten oder Journalisten. Aber ohne Zweifel können die Texte des Marvin Gaye als Selbstauskunft, aber auch als feinsinnige Analyse der Zeit gelesen werden. Im Song "The World is rated x" zum Beispiel, mit Zeilen wie: "Die Welt müsste echt mal durchleuchtet werden, schaut doch hin: überall Lug und Trug. Da zeigen sie euch Bilder vom Mond und morden Tausende ihrer Brüder hier auf der Erde. Ist das nicht Irrsinn?" Das sind brandaktuelle Statements – aus dem Jahr 1972! War Marvin Gaye ein Prophet? Sicherlich ein hellsichtiger, hoch intelligenter, hoch empfindsamer Zeitgenosse, der zwar das Kriegsspiel Showbusiness meisterhaft beherrschte, wie er einmal scherzhaft betonte, daran aber litt wie ein Hund. Die Depression trieb ihn in die Kokainsucht, in Selbstmordversuche, in den Bankrott. Er flüchtet vor der Steuerfahndung ins belgische Ostende, kehrte aber 1983 krank, kaputt und reumütig zurück nach Hause, nach Wahsington D.C.

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Marvin Gaye

Eine hochaktuelle und wichtige Albumveröffentlichung

Auch das hatte er bereits zehn Jahre vorher schon im Song "You’re the Man" durchgespielt: "Nun, du hast mit deiner Musik zu den Leuten gesprochen, wie einst dein Vater gepredigt hat, aber dein ewiges Hin und Her, dein Spiel mit diesen Doppeldeutigkeiten macht uns fertig. Gut, du bist unser Mann, aber vielleicht brauchen wir endlich mal eine Lady, die uns zeigt, wo es langgeht." Die Singleauskoppelung „You’re the Man“ aus dem mit 17 Titeln gespickten, "verschollene", "fehlenden" Album zwischen "What’s going on" (1971) und "Let’s get it on" (1973) liefert genau die Argumente, die jetzt hoch aktuell gegen den amtierenden US-amerikanischen Präsidenten ins Feld geführt werden könnten. Insoweit ist dies eine kluge, eine notwendige Veröffentlichung. Die Arrangements und Remixe bieten komplexe Rhythmen in luzider Textur. Nicht einmal die Streicher wirken pomadig, wie so oft, kommen zumeist in sogenannten "rare grooves", also unter 120 Beats per Minute und sind fast ein Labsal gegenüber den Pop-Produktionen heutiger Tage. Posthum also hiermit einen herzlichen Glückwunsch hinauf gerufen in die himmlischen Sphären: Marvin Gaye wäre heute 80 geworden, wenn nicht sein Vater ihn, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag eigenhändig erschossen hätte.

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