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Ungemein unterhaltsam: Martin Scorsese talkt mit Fran Lebowitz | BR24

© Audio: BR / Bild: Netflix

Eine Netflix-Serie, wie man sie nicht erwartet: Martin Scorsese plaudert mit der pointensicheren New Yorker Intellektuellen Fran Lebowitz.

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Ungemein unterhaltsam: Martin Scorsese talkt mit Fran Lebowitz

Fran Lebowitz ist eine meinungsfreudige, bekannte New Yorker Intellektuelle – und eine gute Freundin von Martin Scorsese. Der darf nun für die erstaunliche Netflix-Serie "Pretend It's a City" mit ihr reden: Sieben Folgen und kein Moment Langeweile.

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Von
  • Bettina Dunkel

Sieben mal 30 Minuten. Dreieinhalb Stunden! Für ein Interview mit einer hierzulande weitestgehend Unbekannten. Martin Scorsese darf, so der erste Gedanke, auf Netflix scheinbar alles machen. Nach "Irishman" hat der Regisseur wieder ein Werk von epischer Länge für den Streaminggiganten abgeliefert. Diesmal keinen Spielfilm, sondern eine Miniserie. Ein Talkformat, um genau zu sein, zumindest im weitesten Sinne.

"Ich bin voller Meinungen"

"Pretend It's a City" ist ein Porträt seiner guten Freundin Fran Lebowitz – nicht Leibowitz, wie die berühmte Fotografin, sondern Lebowitz, wie die New Yorker Intellektuelle. Meinungen äußern und sie pointiert und ohne Rücksicht auf Verluste auf das Gegenüber abfeuern: Damit verdient Fran Lebowitz ihren Lebensunterhalt, schon seit Jahrzehnten. In den USA ist die 70-Jährige bekannt als Schriftstellerin mit epischer Schreibblockade. Angefangen hat sie als Kolumnisten für Andy Warhols Zeitschrift "Interview", Ende der 70er-Jahre veröffentlichte sie zwei bissige Essay-Sammlungen, die bis dato – warum auch immer – nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Es folgte ein Kinderbuch, danach nur noch Magazinartikel.

"Words are easy. Books are not": So lautet die kurze und überaus treffende Überschrift eines Lebowitz-Porträts in der New York Times. Lebowitz mag zwar selbst keine Bücher mehr verfassen, verschlingt aber andere. 10.000 Stück, sagt sie, stapeln sich in ihrem Apartment in Manhattan. Gelesen hat sie wahrscheinlich jedes einzelne. Denn ihre Wortgewandtheit hat Oscar-Wilde-Qualitäten.

50 Jahre New Yorker Boheme

Beobachtungen aus ihrem New Yorker Alltag, oft hochamüsant formuliert, die auch als Statement-Aufkleber funktionieren würden: Diese Kunst hat Lebowitz perfektioniert. Und Scorsese, zu dieser Überzeugung kommt man sehr schnell, liebt sie dafür. Zum einen, weil er sich im Gespräch mit Lebowitz permanent kaputtlacht – auf eine ehrliche und intime Art, wie sie nur zwischen Freunden existiert. Zum anderen, weil die beiden schon mal gemeinsam eine Dokumentation gedreht haben – vor zehn Jahren für HBO. "Pretend It's a City" ist eine Art Update dieser Doku, denn das Konzept ist fast baugleich: Scorsese gibt Stichworte, Lebowitz redet. Oder anders: Er zielt, sie eröffnet ihr Streufeuer.

Auch in der HBO-Doku saßen Scorsese und Lebowitz die meiste Zeit an einem Tisch in einer Upper-Class-Bar und haben Themen abgehandelt, die für Lebowitz essenziell sind: Ihre Hassliebe zu New York. ihre Leidenschaft fürs Rauchen, ihre Aversion gegenüber Touristen und Störkörpern, die nur auf ihr Handy starren und den Weg blockieren. Außerdem: Ihre innige Freundschaft mit Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Und Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten, wie sie wohl niemand sonst erlebt hat. Ihre Geschichten aus 50 Jahren New Yorker Bohemien-Dasein machen sogar Menschen sprachlos, die selbst nicht auf den Mund gefallen sind: Darunter Regisseur Spike Lee, der in einigen Szenen als Interviewer auftritt.

© Netflix

Fran Lebowitz in der neuen Netflixserie

Diese Frau ist larger than life

Spätestens wenn Scorsese Lebowitz im Queens Museum inmitten des gigantischen Miniaturmodells von New York platziert und sie wie Godzilla in blauen Plastikpuschen die Wolkenkratzer überragt, weiß man: Diese Frau ist larger than life. Und die dreieinhalb Stunden mit diesem intellektuellen, schrullig-liebenswerten Unikat sind – auch wenn man es anfangs kaum glauben wollte – ein ungemein unterhaltsam arrangiertes Bingewatch-Vergnügen, das keinen Moment Langeweile aufkommen lässt.

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