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"Ich hoffe, dass ich mit den Fotos Juden ein Gesicht geben kann" | BR24

© Jochen Tack / Stiftung Zollverein

"Survivors – Faces of Life after the Holocaust": Blick in die Ausstellung

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"Ich hoffe, dass ich mit den Fotos Juden ein Gesicht geben kann"

Ob Barack Obama, Meryl Streep oder Jack Nicholson: Der gebürtige Münchner Martin Schoeller hatte sie alle vor der Kamera. Für die Ausstellung "Survivors" im Essener Ruhrmuseum hat er nun 75 Überlebende des Holocausts porträtiert.

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Drei amerikanische Präsidenten hat er bereits porträtiert: Bill Clinton, Barack Obama und Donald Trump. Er lebt seit 1993 in New York, war als Hausfotograf des Magazins New Yorker der Nachfolger des großen Richard Avedon und arbeitet auch für das Time Magazine, Harper’s Bazaar und National Geographic. In den Vereinigten Staaten ist er so bekannt, dass ganz Hollywood vor seine Kamera drängt: Ob Clint Eastwood, Jack Nicholson, Meryl Streep, Julia Roberts, Judi Dench oder George Clooney – dem 51-jährigen Fotografen Martin Schoeller gelingen mit seinen Nahaufnahmen von Gesichtern äußerst eindringliche Porträts. Eine besondere Porträt-Serie präsentiert der gebürtige Münchner nun in Essen in der Ausstellung "Survivors. Faces of Life after the Holocaust": 75 Überlebende der Shoah. Knut Cordsen hat mit Martin Schoeller gesprochen.

Knut Cordsen: 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 75 Porträts von Überlebenden – wie kam es zu diesem ganz besonderen Projekt?

Martin Schoeller: Das kam eher zufällig. Ich saß mit einem Freund von mir, Kai Diekmann, in einer Bar spätabends, und erwähnte im Gespräch, dass meine Frau Jüdin ist. Er erzählte, dass er der Chairman der Friends of Yad Vashem Germany ist, und so redeten wir über den Holocaust und stellten fest, dass dieser wichtige Jahrestag bevorsteht. Wir dachten, wir müssten etwas machen. Und dann hatte Kai, der meine Fotos sehr mag, die Idee zu dieser Porträt-Serie in Zusammenarbeit mit Yad Vashem in Jerusalem.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Sie auch schon mit der Kamera porträtiert haben, hat Ihre Ausstellung eröffnet. Nun ist es sicherlich etwas anderes, eine Politikerin, die permanent im Licht der Öffentlichkeit steht, zu porträtieren als Überlebende des Holocaust. Wie haben Sie sich diesen Menschen genähert?

Es ist vom technischen Ablauf her genau das Gleiche. Seit 20 Jahren mache ich eigentlich das gleiche Foto, kann man fast sagen: Es ist immer der gleiche Lichtaufbau, die gleiche Kamera, ich fotografiere immer noch auf Film. Natürlich ist der emotionale Punkt ein ganz anderer. Wenn man Politiker, Musiker oder Schauspieler fotografiert, fotografiert man oftmals Leute, die einem persönlich nicht viel bedeuten. Holocaust-Überlebende zu fotografieren, vor allen Dingen als Deutscher in Jerusalem, das war natürlich emotional eine sehr geladene Situation. Ich hatte das große Glück, dass dadurch, dass ich bei Yad Vashem fotografiert habe, so eine Art Vertrauensverhältnis schon bestand. Die Porträtierten wussten, was auf sie zukommt. Aber natürlich habe ich mir auch ein bisschen Sorgen gemacht. Wie werden Sie reagieren, wenn Sie erfahren, dass ich Deutscher bin?

© Jochen Tack / Stiftung Zollverein

Fotograf Martin Schoeller in den Räumen der Essener Ausstellung

Wie haben sie reagiert?

Erstaunlicherweise hat niemand auch nur erwähnt oder mir vermittelt, dass sie oder ihn das stören würde. Es war wirklich überhaupt kein Problem. Ich wurde so warmherzig und freundlich empfangen wie selten zuvor.

Ihre Porträt-Technik bei Nahaufnahmen ist ja eine besondere – wie genau sieht die aus?

Bei diesen Close-Up-Porträts ist die grundlegende Idee, Menschen aus verschiedenen Hintergründen zu fotografieren. Ich habe über 300 Obdachlose an einer Straßenecke in Los Angeles fotografiert. Natürlich auch viele berühmte Menschen über die Jahre hinweg, aber auch indigene Völker in Brasilien oder in Afrika. Ich gehe auf alle Menschen gleich zu und versuche, den gleichen Blickwinkel zu finden und entspannte Gesichtsausdrücke einzufangen. Ich versuche so wie alle Fotografen, Momente zu schaffen, in denen die Menschen vergessen, dass sie fotografiert werden. Man sucht nach dem Zwischenmoment, der einem das Gefühl einer gewissen Ehrlichkeit vermittelt. Das ist die Arbeit, für die ich bekannt bin.

Sie sagen, Ihre Aufgabe als Fotograf sei es, für einen Moment lang jene "Panzerung zu durchdringen", die wohl jeder von uns in der ein oder anderen Weise hat. Ist diese sich in den Gesichtszügen, in der Mimik abzeichnende Panzerung bei Menschen, die das Grauen der Konzentrationslager überlebt haben, besonders ausgeprägt?

Würde ich gar nicht sagen. Meine schwierigsten Porträts sind immer Schauspieler-Porträts, weil Schauspieler sich jedes einzelnen Gesichtsmuskels bewusst sind und deshalb ihre Gesichtsausdrücke genau kontrollieren können. Menschen, die wenig fotografiert werden oder wenig Zeit vor dem Spiegel verbringen, sind normalerweise einfacher zu fotografieren. Es ist natürlich immer toll, wenn man sehr alte Menschen fotografiert. Da hat man das Gefühl, man sieht das Leben den Menschen im Gesicht an. Das ist auch in dieser Hinsicht natürlich ein sehr fotogenes Thema: Die jüngste Person der Überlebenden war 80, die älteste 99. Das ist ja nicht gerade eine junge Altersgruppe.

© Martin Schoeller; Montage: BR

Hannah Goslar Pick

© Martin Schoeller; Montage: BR

Moshe Ha-Elion

© Martin Schoeller; Montage: BR

Marta Wise

© Martin Schoeller; Montage: BR

Naftali Fürst

Bei Ihrer Porträt-Sitzung mit Bill Clinton haben Sie seinerzeit Miles Davis im Hintergrund vom Kassettenrecorder laufen lassen. Haben Sie bei den Porträt-Sitzungen mit den Holocaust-Überlebenden auch mit Musik gearbeitet?

Ich habe bei den Holocaust-Überlebenden keine Musik gespielt oder nur sehr selten, weil wir auch den Entstehungsprozess dieser Foto-Serie gefilmt haben. Da ist Musik sehr störend. Hinzu kommt, dass viele Leute im Alter nicht mehr so gut hören. Da würde Musik oftmals eher stören als helfen.

Sehen Sie diese Serie von Überlebenden-Gesichtern auch als eine Art Mahnmal in Zeiten, in denen in Deutschland, Europa und Amerika der Antisemitismus wieder aufbrandet?

Man fragt sich ja immer: Warum gibt es schon seit Hunderten von Jahren Antisemitismus? Wieso muss der Antisemitismus in Deutschland jetzt wieder so stark aufflackern? Wie kann das sein? Es gibt fast keine Juden mehr in Deutschland. Die meisten Leute, die antisemitische Ideen haben, haben in ihrem Leben noch nie einen Juden kennengelernt, denke ich. Deswegen hoffe ich, dass ich mit meiner Foto-Serie Juden auch ein Gesicht geben kann. Dass man das Gefühl hat, man kann diese Person treffen, man kann ihr in die Augen schauen, ein Verhältnis zu ihr aufbauen und dadurch für mehr Verständnis sorgen.

Die Ausstellung "Survivors – Faces of Life after the Holocaust" ist noch bis 26. April 2020 im Ruhrmuseum Essen zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog bei Steidl erschienen.

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