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Martin Meyers Buch "Corona" – die Pandemie wird Literatur | BR24

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Corona-Graffiti des National Health Service

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Martin Meyers Buch "Corona" – die Pandemie wird Literatur

Der Lockdown ist gerade erst vorbei, schon erobert Corona die literarische Welt. Der ehemalige Feuilleton-Chef der NZZ hat dazu nun eine Erzählung publiziert. Ein Gespräch über das, was ihn dazu bewegte – und ob es dafür noch nicht zu früh ist.

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Von
  • Christoph Leibold

Lesen war ein Mittel, vielleicht sogar Heilmittel der Wahl, um den Lockdown zu Corona-Zeiten zu überstehen. Für manche aber auch Schreiben, so wie für Martin Meyer. Er war lange Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und hat nun eine Erzählung vorgelegt, die von einem leidenschaftlichen Leser handelt, einem alten Buchhändler und Antiquar, der erkrankt. Ob an der gerade grassierenden Seuche oder an etwas anderem, das bleibt im Buch erstmal offen. Matteo, so heißt dieser alte Herr mit Namen, verbringt den Krankenstand mit der Lektüre von Seuchen-Klassikern von Boccaccios "Decamerone" bis Camus‘ "Die Pest". Vielleicht wird Martin Meyers Erzählung "Corona", auch mal so ein Klassiker. Christoph Leibold hat mit dem Autor über sein Buch gesprochen.

Christoph Leibold: Die ersten Sachbücher zu Corona waren schnell da. Jetzt wird Corona auch literarisch, wie frühere Pandemien auch. Was macht solche Krankheiten literarisch interessant?

Martin Meyer: Ja, man wird natürlich wieder auf die Grundfragen zurückgeworfen: Leben und Tod. Sein oder Nichtsein, Sinn des Lebens, Vergänglichkeit, Hinfälligkeit und so weiter. Dann eben die Konzentration auf das eigene Ich, die wieder stärker wird, wenn man sieht, dass man krank ist oder möglicherweise krank ist. Kurz und gut: Das ist eine existenzielle Situation.

In Ihrem Buch unternimmt Matteo eine – wie es heißt – Wanderung durch die Literatur der Seuchen. Er ist verwitwet, steckt in der heimischen Quarantäne und wird von seiner Nichte mit Medikamenten versorgt. Seine selbstgewählte Medizin, so würde ich das deuten, aber ist die Literatur. Jeder, der gern liest, wird es nachvollziehen können. Aber wieso gerade das Studium von Seuchen-Klassikern heilsam ist, die einem ja viel Elend vor Augen führen? Da frage ich mich, ob das so ist. Derlei Lektüre stelle ich mir persönlich eher als symptomverstärkend vor. Bei Matteo wirkt sie umgekehrt.

Ja, bei Matteo wirkt es tatsächlich umgekehrt. Aber nicht nur. Er ist natürlich auch betroffen von diesen Erzählungen. Aber sie sind eben für ihn auch ein wichtiger Anstoß zur Reflexion über das eigene Leben, über das eigene Dasein und er erkennt natürlich in den Werken zu den Seuchen von der Bibel bis zu Camus etwas, was immer wiederkehrt. Einerseits natürlich Leid und Tod, andererseits auch die Frage nach dem Jenseits, zum Beispiel nach dem Sinn, der jenseits einer Krankheit liegt oder jedenfalls liegen kann. Und das ist eigentlich eine philosophische Tätigkeit, die er beim Lesen entfaltet und dabei natürlich auch sich mit sich selbst beschäftigt.

Sie sind nicht selber Matteo, aber als Feuilletonist sind Sie Büchermensch wie er. Haben Sie sich wie Matteo während des Lockdowns ebenfalls vermehrt den Büchern zugewandt und vielleicht auch genau den im Buch genannten Büchern? Also zum Beispiel auch noch Thomas Manns "Tod in Venedig" und Daniel Defoe "Die Pest zu London"?

Ja, so ist es tatsächlich. Ich bin zwar nicht Matteo, aber wie Sie sagen, ich bin ein Büchermensch. Ich lebe seit meiner Kindheit mit Büchern. Ich habe auch eine große Bibliothek. Und das hat natürlich Anlass gegeben, sich auch wieder mit diesem Thema zu befassen. Aber die Sache selbst, die Erzählung um Matteo und seine Lektüren, das war eigentlich die Inspiration einer Nacht – das ist mir plötzlich gekommen und am nächsten Tag hab ich gedacht: Du musst es wenigstens mal probieren. Ob es gelingt, weißt du noch nicht. Aber es ist dann eigentlich in eine Richtung gegangen, die mir selbst jedenfalls gefallen hat.

Nun trägt die Erzählung den Titel "Corona", und die grassierende Krankheit, die darin beschrieben wird, ist auch als Corona wiederzuerkennen in der beschriebenen Symptomatik. Und dennoch fällt der Name Corona im Buch nicht. Wieso nicht?

Das ist an sich richtig. Es geht auch nicht um die Krankheitsbezeichnung. Aber der Titel "Corona" hat natürlich auch noch einen hintersinnigen Aspekt. Und zwar spricht man ja auch seit der Bibel von der Krone der Schöpfung – das ist der Mensch. Aber wir wissen auch, dass diese Krone der Schöpfung natürlich auch eine fragile Existenz führt und eine schwierige Existenz. Und ich habe dazu ein schönes Motto des Dichters Stanislaw Jerzy Lec gefunden, das heißt: "Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Nur schade, dass es eine Dornenkrone ist." Das hat mir sehr gut gefallen, hat auch gut dazu gepasst. Es ist nochmal eine Metaebene des Titels "Corona": Krone, Mensch, Krone der Schöpfung. Oder vielleicht doch nicht?

© picture alliance / akg-images / Niklaus Stauss
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Der Publizist Martin Meyer

Sie haben vorhin schon das Thema Sinnfragen angeschnitten. Es wird viel diskutiert, wieso diese Seuche jetzt? Welche Logik steckt dahinter, welche Moral? Matteo kommt gegen Ende Ihres Buches und nach der Lektüre von Albert Camus‘ "Die Pest" zu dem Schluss, es gäbe keine Moral, die sich aus solchen Seuchen ziehen ließe. Würden Sie sich dem anschließen?

Ich würde mich dem nicht so ausschließlich anschließen, das ist vor allem auch die Position von Albert Camus gewesen. Dazu muss man wissen, dass Camus‘ "Die Pest" einen politischen Hintergrund hatte: Die Pest war eigentlich das, was die deutsche Besatzung damals in Frankreich war. Aber natürlich, umgekehrt kann man das schon auch ein bisschen so sehen, das ist klar. Aber Literatur muss ja auch immer ein bisschen offen bleiben und dem Leser Möglichkeiten zur Deutung, zur Interpretation anbieten. Sonst ist es ja auch irgendwie langweilig und eindimensional.

Das Coronavirus wird uns noch eine Weile begleiten. Aber Ihr Buch erscheint jetzt so, dass die Erfahrung des Lockdowns, der jetzt erstmal aufgehoben ist, noch ganz nahe ist. Sie haben das ziemlich flott vorgelegt, das Buch. Ist da überhaupt genügend Abstand da, bei der Reflexion? Abstand kann ja nicht schaden. Aber vielleicht stecken wir noch zu tief drin, um eine Erzählung über Corona zu schreiben.

Das ist durchaus möglich. Das müssen ja dann vor allem die anderen beurteilen. Aber ich habe es kritisch durchgelesen, zwei-, dreimal nachher, nachdem ich es geschrieben hatte, und habe gefunden: Doch, das musst du jetzt einfach mal wagen. Es gibt ja Literatur, die sehr elaboriert reflektiert nach einiger Zeit über ein Ereignis entsteht, und es gibt Literatur, die mehr spontan und unmittelbar betroffen zu Papier bringt, was einem durch den Kopf und durch die Seele geht.

Martin Meyer, Corona, ist bei Kein & Aber erschienen.

© Kein & Aber / Montage BR
Bildrechte: Kein & Aber / Montage BR

Cover: "Corona" von Martin Meyer

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