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Ein Bild aus dem Kinofilm "Persepolis" von Marjane Satrapi

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    Künstlerin Marjane Satrapi: "Ich bin mein eigener Melting Pot"

    "Persepolis" – so heißt die autobiografische Comicerzählung von Marjane Satrapi über ihre Kindheit und Jugend in Iran, die vor 20 Jahren erschien und zum Verkaufsschlager wurde. Zum Jubiläum kommt jetzt eine Neuausgabe der Graphic Novel heraus.

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    Von
    • Moritz Holfelder

    Auch wenn der Comic "Persepolis", aus dem später noch ein Film entstand, auf den ersten Blick recht einfach gezeichnet sein mag, zumindest Band I, entpuppt er sich beim genaueren Betrachten als komplex. Es gehört schon visuelle Raffinesse dazu, etwa mit einer Zeichnung von fünf fast gleich aussehenden Mädchen einen radikalen politischen Bruch ins Bild zu setzen: den Übergang von einem durchaus freizügigen, westlich orientierten Iran zur sittlichen Kehrtwende im Zuge der Revolution von 1979/80.

    Am Ende des Comics wie der Verfilmung steht Marjane Satrapis Abreise von Teheran nach Paris. Es ist der 9. September 1994. Und es ist ein Abschied von der Familie voller Traurigkeit. "Der heutige Iran ist nichts für Dich", sagt die Mutter zu ihrer Tochter, "Ich verbiete Dir zurückzukommen." Tränen fließen. Nachdem Satrapi ihren regimekritischen Comic "Persepolis" veröffentlicht hatte, war sowieso nicht mehr an eine Rückkehr zu denken: "Nein, nicht nach PERSEPOLIS. Ich wusste: Das ist der Preis, den ich zu bezahlen habe. Aber man hat ja nicht nur einen Preis zu zahlen – ich bekam auch etwas dafür. Und dieser Wert übertraf den Preis."

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    Ein Bild aus dem Kinofilm "Persepolis" von Marjane Satrapi

    Marjane Satrapi hat ein freies Leben gewonnen. Künstlerische Ungebundenheit. Die Möglichkeit, beruflich das zu machen, worauf sie Lust hat. Auch wenn es am Anfang nicht leicht war. Geboren wurde sie 1969 in Rascht am Kaspischen Meer. Nach der Emigration aus Iran lebte sie zuerst in Straßburg, dann in Paris. In Teheran hatte sie noch visuelle Kommunikation studiert. Irgendwann fing sie an, im Exil die Geschichte ihres bisherigen Lebens zu erzählen, in einfachen schwarz-weißen Einzelbildern: die Kindheit in Iran, die Teenagerzeit in Wien, wohin sie ihre Eltern zwischenzeitlich geschickt hatten, und die letzten Jahre in Teheran an der Kunstfakultät: "Ich fühle mich emotional mit Iran eng verbunden. Aber die Sache ist: Als ich 1994 nach Frankreich kam, traf ich dort auf die ganze iranische Diaspora, die schon vor 15 Jahren das Land verlassen hatte. Die erzählten mir: Iran ist dies, Iran ist das – und ich dachte mir: Hey, das Land hat sich in den 15 Jahren, die ihr weg seid, stark verändert. Deswegen endet PERSEPOLIS auch 1994, weil ich danach über das Land nichts mehr sagen kann."

    Das eigene Schicksal annehmen

    Marjane Satrapi hat mit Iran abgeschlossen, sie will im Gespräch auch keine politischen Statements über ihre Heimat abgeben. Alles was sie zu sagen gehabt habe, stehe in PERSEPOLIS, erklärt sie: "Es spielt keine Rolle, woher genau man kommt. Überall gibt es eine spezielle Geographie, an die man sich gewöhnt. Ja, eine Pflanze braucht eine bestimmte Art von Erde, sie ist daran gewöhnt. Überträgt man das auf mich, muss man sagen, ich habe keine Wurzeln mehr. Ich besitze keine Vergangenheit, sie wurde mir gestohlen. Das ist zum einen traurig, zum anderen aber auch großartig. Ich kann heutzutage überall auf der Welt hingehen – und finde an jedem Ort immer meinen Platz. Ich musste mich auf eine bestimmte Art und Weise der Welt öffnen. Ich bin jetzt überall Zuhause, weil ich keine Heimat mehr habe."

    © Stéphane Roche
    Bildrechte: Stéphane Roche

    Stammt aus Iran, lebt in Frankreich, ist verheiratet mit einem Schweden: Die Künstlerin Marjane Satrapi (51)

    2003 hat Marjane Satrapi nach "Persepolis" einen weiteren Comic über ihre Jugend in Iran veröffentlicht: "Broderies – Sticheleien". Darin erzählt sie von den Gesprächen, die die Frauen ihrer Familie jeden Tag nach dem Mittagessen führten. Satrapi kochte Tee für die Runde und hörte dann aufmerksam zu.

    Klatsch und Tratsch werden da hemmungslos ausgetauscht, aber auch über die Rolle der Frau in Iran wird debattiert. Es geht um Jungfräulichkeit, Schönheitsoperationen, Homosexualität, die Frau eines Kommunisten und absurde Hochzeiten von jungen Mädchen mit alten Männern. Satrapis Kunst ist es, komplexe Sachverhalte voller Ironie und dabei anschaulich und nachvollziehbar darzustellen.

    Auch ihr drittes Comicbuch "Huhn mit Pflaumen" handelt noch vom Leben in Iran – in der Graphic Novel beschäftigt sich die Zeichnerin mit dem Leben und Tod ihres Großonkels Nasser Ali, einem bedeutenden Tar-Musiker in den fünfziger Jahren in Teheran. Der Comic wurde – wie "Persepolis" – ebenfalls verfilmt und kam 2011 als "Huhn mit Pflaumen" auch in die deutschen Kinos.

    "Ich bin der lebende Beweis eines glücklichen Multikultimenschen"

    Womit sich Marjane Satrapi fortan nicht mehr mit ihrer Heimat auseinandersetzte. Auch ihr Interesse an aktueller Kultur reicht inzwischen weit über Iran hinaus: "Ich denke nicht: Alles, was aus Iran kommt, ist automatisch gut. Ein schlechter Film ist ein schlechter Film. Schlechte Musik schlechte Musik. Ich habe meine Freunde nie nach der Nationalität gewählt, ebenso wenig nach dem Geschlecht oder der Hautfarbe. Ich bin gegen Gemeinschaften, deren höchstes Ziel die Homogenität ist, eine klar definierte gemeinsame Orientierung. So eine Vorstellung wie: wir sprechen alle dieselbe Sprache, also sind wir alle gleich, ist nicht wahr. Entscheidend sind die individuellen kulturellen Bezugssysteme, deine Intelligenz und deine eigene Vorstellung vom Leben, ganz unabhängig davon, woher Du kommst. Trotzdem ist natürlich vieles iranisch an mir: mein Humor, meine Gastfreundschaft, mein Gesicht, auch meine Haarfarbe. Ich liebe die iranische Sprache und Poetik. Aber ich hinterfrage die Automatismen von Tradition. Ich nehme mir lieber aus jeder Kultur das, was mir gefällt. Also – ein Teil von mir ist iranisch, ein Teil ist französisch, ein Teil schwedisch, weil ich mit einem Schweden verheiratet bin. Ich bin mein eigener Melting Pot. Ich bin der lebende Beweis eines glücklichen Multikultimenschen."

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    Ein Bild aus dem Kinofilm "Persepolis" von Marjane Satrapi

    "Persepolis" war und ist eine Sensation. Die weltweite Auflage liegt inzwischen bei über vier Millionen Exemplaren – das Buch ist in über 60 Sprachen übersetzt. Marjane Satrapi hatte 2000 etwas vollbracht, was die Comicszene revolutionierte, wie das zuvor nur der New Yorker Zeichner Art Spiegelman schaffte – mit seiner in den 1980er Jahren kapitelweise und später als Buch veröffentlichen Comicerzählung "Maus – Die Geschichte eines Überlebenden" über die Erinnerungen von Spiegelmans Vater an die Shoa. Tatsächlich hatte ein Freund Satrapi genau diese mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Graphic Novel geschenkt. Erst da sei ihr bewusst geworden, erzählt sie im Gespräch, dass das ein Medium sein könne, um sich ausdrücken, um ihre eigene Sprache zu finden.

    "Mir geht es nicht um Perfektion, Ich liebe das Abenteuer!"

    Inzwischen schreibt und zeichnet sie keine Comicbücher mehr, sondern malt Porträts von iranischen Frauen. In der Zeit zwischen den strengen Corona-Einschränkungen in Frankreich waren die Arbeiten zuletzt in einer Pariser Galerie ausgestellt. Doch als große berufliche Herausforderung sieht es die Künstlerin vor allem, weiter Filme zu drehen. Vier sind es bisher geworden – der letzte stammt von 2019 und handelt von der Wissenschaftlerin Marie Curie. Mit den Comicbüchern hat Satrapi abgeschlossen. Warum?

    "Mit den Comics habe ich alles erreicht", sagt sie. "Habe Preise gewonnen. Und weiß inzwischen, wie ich da Erfolg habe. Das ist keine Herausforderung mehr. Dabei liebe ich es, Angst zu haben. Stress zu haben. Beim Kino habe ich all das. Wenn man einen Film dreht, hat man es meist mit Teams von über 100 Leuten zu tun – und jeder hat einen anderen Blick auf die Dinge. Das ist spannend. Mir geht es nicht um Perfektion, ich liebe das Abenteuer!"

    30 Jahre Lebenszeit habe sie noch vor sich, sagt die 51-Jährige Marjane Satrapi. Für die letzten zehn hat sie einen geheimen Plan, ganz für sich: 20 Jahre wird sie noch arbeiten, bevor ihr Überraschungsleben beginnt: "The best should be at the end."

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