BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

"Marie Curie": Unaufgeregt und mit Abstand zum Mythos | BR24

© Audio: BR / Bild: Studiocanal GmbH/Laurie Sparham

Die Neuverfilmung des Lebens und Forschens der Nobelpreisträgerin Marie Curie kommt ins Kino

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Marie Curie": Unaufgeregt und mit Abstand zum Mythos

Leben und Forschen der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie ist ein beliebter Stoff für Filme. Jetzt kommt eine neue Version von Marjane Satrapi ins deutsche Kino: ein konventioneller Kostümfilm, der aber die richtigen Fragen stellt.

Per Mail sharen

Vielleicht sehen wir weniger fehl am Platz aus, wenn wir nebeneinanderstehen. Das sagt Marie Curie ganz zu Beginn des Films. Da heißt sie noch lange nicht Curie und auch die Aura der genialen und zugleich verwegenen Frau umgibt sie noch nicht. Aber sie weiß schon sehr genau, wo und wie sie in die Welt gestellt ist: Sie, eine Polin, eine Frau, will forschen. Sie ist, Ende des 19. Jahrhunderts in Paris, eine Außenseiterin und hat insofern ganz recht: Sie und der Wissenschaftler neben ihr, der auch nicht nach den Normen spielt, sie beide sind weniger fehl am Platz, tun sie sich zusammen.

Die untypische Liebe zwischen Pierre und Marie Curie

In diesem Satz spiegelt sich die angenehm unaufgeregte Haltung, die der Film gegenüber seinen Hauptfiguren entwickelt, gegenüber der untypischen Liebe zwischen Pierre und Marie Curie, die sich leicht romantisieren ließe, nicht aber mit einer so schlichten Erkenntnis wie dieser: Nebeneinander bewegen sie sich leichter durch der Welt – nicht nur in dieser Szene, in der sie auf einem Pariser Boulevard über eine Tänzerin und ihr zweckfreies Spiel staunen, sondern auch später, wenn sie sich zum Zweck der Forschung zusammentun: "Ich messe die Strahlung von Uran und stelle dabei fest, dass es wesentlich geringer strahlt als sein Erz", sagt sie zu ihm. "Die Ergebnisse von sechs Experimenten sind identisch. Mein Gefühl sagt mir, dass da noch ein weiteres Element ist, das die Ergebnisse verzerrt."

© Studiocanal GmbH/ Laurie Sparham

Marie Curie mit Pierre, dem Wissenschaftler, mit dem sie forscht und später zwei Töchter hat.

Regisseurin Marjane Satrapi hält Abstand vom Mythos Marie Curie, dafür ist sie sehr neugierig, was handfeste Fragen angeht: Wie sah die Forschung dieser Frau aus und mit welchen ästhetischen Einfällen bringt man sie an ein Publikum, wie muss man sich ihr Labor, ihre Arbeit vorstellen – mit Stoffen, Pechblende zum Beispiel, die sie krank machten? Wie sah das Zusammenspiel zwischen ihr und Pierre aus, dem Ehemann, mit dem sie zwei Töchter großzog und Schulter an Schulter im Labor arbeitete? Wie forsch, wie unsympathisch muss diese Frau auf den ersten Blick gewirkt haben, um die Kämpfe im akademischen Feld zu gewinnen? Und wie kroch diese erzwungen kämpferische Seite in die Beziehung zu einem Mann, der an Gleichberechtigung glaubte und sie leben wollte? Gerade letzte Frage wird eindringlich gestellt und gespielt von Rosamund Pike und Sam Riley.

Die Stärke der Marie Curie: weiterkämpfen

Als er bei einer Tagung ihre Forschungsergebnisse vorgestellt hat, fragt sie spitz: "Hast du den Beifall erhalten, der dir deiner Meinung nach zusteht?"Er: "Meine Rede ging einzig und allein über dich und deine Arbeit." Sie: "Aber ich bin nur die Frau, richtig?" Er: "Wie kommst du darauf, das verstehe ich nicht! Du bist doch nicht interessiert an gesellschaftlichen Äußerlichkeiten, sondern an wissenschaftlichen Entdeckungen. Ich hab mich dafür eingesetzt." Sie: "Und ich tue, was eine Frau tun sollte. Ich schenke dir Kinder und führe deinen Haushalt. Wie kannst du dir meine Brillanz zu eigen machen? Wie kannst du es wagen, in deren Applaus zu baden?"

Nachgeben ist nicht die Stärke dieser Frau, weiterkämpfen schon. Und es ist die Stärke des Films, diesen Charakterzug wirklich verstehen zu wollen – in alltäglichen Szenen zu zeigen, wie viel Kraft die Wissenschaftlerin aus ihren Forschungen zog, wie das Labor aber auch an ihr nagte – nicht nur gesundheitlich. Sich vorzustellen, warum die Frau, Marie Curie, nach dem Tod des Mannes nicht abschloss mit der Lust – auch nicht mit der körperlichen Lust. Warum sie weiterforschte und versuchte, mit ihrem Wissen weiterhin nützlich zu sein – im Ersten Weltkrieg zum Beispiel, als sie für die Anschaffung von Röntgeneinrichtungen kämpfte.

Curies Forschung grundlegend für Atomkriege und Krebstherapien

Es ist der Anspruch des Films, der einen überzeugt: sich den Ambivalenzen dieser Frau zu stellen und heutige Fragen mit der historischen Figur ins Gespräch zu bringen: Fragen nach Gleichberechtigung natürlich, aber auch nach den Kehrseiten ihrer Forschung, denn ihre Arbeit an der Radioaktivität legte die Basis für Atomkriege wie Krebstherapien.

Nur fügt sich gerade die Frage nach der Ethik solcher Arbeit nicht organisch in die Geschichte ein: Wenn plötzlich Sequenzen von Hiroshima und Tschernobyl oder der Krebstherapie eines Jungen erzählen, dann weiß der Zuschauer zwar, dass all das mit der Forschung dieser Frau zusammenhängt. Aber in diesem sonst doch eher konventionell erzählten Kostümfilm bleiben solche ästhetisch stark abgesetzten Sequenzen Fremdkörper. Die Forschung soll so ein Eigengewicht bekommen, schon klar, aber – anders als gegenüber seiner Hauptfigur – findet die Regisseurin diesem Thema gegenüber zu keiner Haltung.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!