BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Das Profane und das Heilige - die Künstlerin Sheela Gowda | BR24

© BR

Die Maria Lassnig Stiftung und die Städtische Galerie im Münchner Lenbachhaus vergeben heute Abend den Maria Lassnig Preis - ein Preis für Künstlerinnen, die sich in der Mitte ihrer Karriere befinden. Jetzt bekommt ihn die Inderin Sheela Gowda.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Das Profane und das Heilige - die Künstlerin Sheela Gowda

Ihre Materialien sind Kuhdung, Kumkum-Pulver oder Weihrauch, wahlweise auch Haare, Nadeln oder Fäden: Die Kunst von Sheela Gowda ist eng mit ihrer Heimat Indien verbunden. In München wird sie jetzt mit dem Maria Lassnig Preis ausgezeichnet.

Per Mail sharen
Teilen

Ihre Kunst ist eine Art Weltbefragung. Sheela Gowda sucht nach den Umrissen unserer Zeit und ist eine große Geschichtenerzählerin, auch wenn man das ihren abstrakten, aber gleichwohl üppigen Arbeiten nicht auf den ersten Blick ansieht. Da sind zum Beispiel mehrere nebeneinander gestellte Kartons voller brauner, handgerollter Kugeln. Sie erinnern ein bisschen an Kanonenkugeln. Das haptische Material: Kuhdung. In Indien, einem Land der heiligen Kühe, ist er nahezu allgegenwärtig. Seit der religiöse Fanatismus auf dem Subkontinent explodiert, ist die Kuh allerdings auch ein Politikum zwischen Hindus und Moslems. Religiöse Raserei, für die Sheela Gowda einen künstlerischen Ausdruck suchte.

Antworten auf eine zunehmend rechtsorientierte Politik

"Ich hatte angefangen, mehr über meine Arbeit nachzudenken", resümiert die Künstlerin. "Ich wollte wissen, was ich in welchem Kontext ausdrücke und was meine Antwort ist auf eine immer mehr rechtsorientierte Politik. Ich fand dann eine Lösung im Umgang mit Kuhdung. Er findet in Indien vor allem in den Dörfern Verwendung und wird meist von Frauen verarbeitet. Ich mag all diese Bezüge und Verweise, aber letztendlich arbeite ich mit Kuhdung politisch. Rund um die Kuh gibt es heute viel Gewalt, man nutzt sie zur Mobilisierung. Das ist natürlich besondere Ironie, dass ein Symbol der Friedfertigkeit zur Ursache von Gewalt wird."

© dpa/picture-alliance

Das Kunstwerk "Untitled", hergestellt aus Kuhdung

Klare, formale und emotionale Inhalte

Sheela Gowdas Arbeiten haben einen klaren, konzeptuellen, formalen und emotionalen Inhalt. Oftmals schlagen sie einen Bogen zur Alltagskultur in Indien, sie arbeitet mit der Asche von Räucherstäbchen, Kumkum, dem roten Pulver aus der Kurkumawurzel, das in Indien zu Reinigungsritualen auf die Stirn aufgetragen wird, mit Kokosfasern, Weihrauch oder mit Schnüren, Fäden und Seilen, die auf den Zusammenhalt der Gemeinschaft anspielen. Wenn Sheela Gowda heute Abend im Lenbachhaus der mit 50.000 Euro dotierte Maria Lassnig Preis verliehen wird, dann würdigt er eine Künstlerin, die sich mit ihrer Kunst einbringt in gesellschaftliche Prozesse und auf Kraft und sinnliche Karthasis hofft. "Ich fühle mich sehr geehrt", sagte Gowda im Vorfeld der Verleihung, "vor allem weil der Preis von einer anderen Künstlerin ins Leben gerufen wurde. Und ich möchte in nächster Zukunft diese Geste der Anerkennung und Unterstützung an andere Künstler weitergeben."

Mit dem Preis verbunden ist auch eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus im nächsten Jahr. Zu entdecken ist ein minimalistisches, kritisches, politisches und reflexives Werk. Eine indische Arte Povera auf der Höhe der Zeit. "Darkroom" etwa heißt eine ihrer bekanntesten Arbeiten, die 2009 in der Londoner Serpentine-Gallery zu sehen war und nächstes Jahr auch nach München kommt. Die Künstlerin beschreibt das Werk so: "'Darkroom' ist eine Arbeit aus Teertonnen, die man für Asphalt braucht. Ich habe sie recycelt und in eine Form gebracht. Die Installation besteht aus Tonnen und eingeebneten Tonnen, die ich zu einem Raum zusammengebaut habe. Man kann dort hineinkriechen und im Dunkel des Inneren sieht man einen Sternenhimmel."

© dpa/picture-alliance

Gowdas Arbeit "Kagebangarea"

Spannung zwischen Schönheit und Schrecken

Der zeremonielle Gebrauch von Alltagsdingen ist immer eingebettet in ein kunstvolles, poetisches Gespinst. Das Profane und Heilige intensivieren sich gegenseitig und gehen auf in einer Kunst, die die Spannung zwischen Schönheit und Schrecken der vielen Transformationsprozesse in der indischen Gesellschaft zum Schwingen bringt. "Behold – Sieh da" ist der Titel einer raumfüllenden Installation mit 4.000 Meter langen Seilen, gedreht aus Menschenhaar. Es wird in verschiedenen indischen Tempeln den Göttern geopfert. An den Seilen hängen chromblitzende Stoßstangen – eine Kombination, die organisches Wachstum mit industrieller Produktion konfrontiert und zugleich einen Brauch aus Südindien herbeizitiert, wo man Haarseile um die Stoßstangen von Autos als Glücksbringer bindet.

"Als Künstler ist es wichtig einen Standpunkt von außen einzunehmen, einen Schritt zurückzutreten, um eine größere Perspektive zu gewinnen und Objektivität", sagt Gowda. "Auch um Vernunft in die eigenen Überzeugungen zu bringen. Es geht darum, Fragen zu stellen und zu widerstehen. Das ist die Rolle des Künstlers unabhängig aus welcher Kultur man kommt."

Es ist dieser distanzierte Standpunkt, den Sheela Gowda mit Maria Lassnig teilt. Die Malerin hatte unablässig sich selbst gemalt, aber immer in kritischer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft.

Maria Lassnig hätte die Auszeichnung für Sheela Gowda gefallen...

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!