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Wie Theater mit dem Wahlerfolg der AfD im Osten umgehen | BR24

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Die AfD ist in Sachsen und Brandenburg zur zweitstärksten Kraft in den Landtagen aufgestiegen. Für Kulturschaffende keine gute Nachricht. Doch Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne in Senftenberg, gibt sich im Gespräch kämpferisch.

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Wie Theater mit dem Wahlerfolg der AfD im Osten umgehen

Die AfD ist in Sachsen und Brandenburg zur zweitstärksten Kraft in den Landtagen aufgestiegen. Für Kulturschaffende keine gute Nachricht. Doch Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne in Senftenberg, gibt sich im Gespräch kämpferisch.

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Von zehn auf knapp 28 Prozent in Sachsen, von zwölf auf knapp 24 Prozent in Brandenburg: Die AfD hat es in beiden Landtagen geschafft, zweitstärkste Kraft zu werden, obwohl oder vielleicht gerade weil klar ist, dass große Teile der Partei rechtsextremen Positionen und Zielen zuneigen. "Hol dir dein Land zurück" war der Wahlslogan der AfD in Brandenburg, und es ist bedrückend zu sehen, wie dort der Spitzenkandidat Andreas Kalbitz sagt: "Jetzt geht es erst richtig los!" Manuel Soubeyrand ist der Intendant der Neuen Bühne in Senftenberg. Er schaut auf den Osten vom Osten aus: Geboren in Köln, ist er als Einjähriger mit der Mutter nach Ost-Berlin übergesiedelt, war Schauspieler am Berliner Ensemble, Schauspieldirektor in Chemnitz, zwischenzeitlich auch mal im Westen, in Esslingen, Intendant. Seit 2014 leitet Soubeyrand die Neue Bühne in Senftenberg. Barbara Knopf hat mit ihm über die Landtagswahlen gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Soubeyrand, als Theatermacher haben Sie einen anderen Blick auf die Wahlen und auf die Gesellschaft als ein Politiker. Wie empfinden Sie denn den Wahlausgang? Haben Sie innerlich schon Zeit für eine Analyse gehabt?

Manuel Soubeyrand: Naja, erst einmal bedrückend natürlich. Aber es war sehr interessant zu sehen, wie wenig die neuesten Enthüllungen über den AfD-Spitzenkandidaten in Brandenburg letztlich für das Wahlverhalten ausgemacht haben. Für uns ist sicher auch interessant, dass die stärksten Stimmen eben genau aus den Problemregionen kommen, aus der Braunkohleregion und aus den Regionen, wo die jungen Leute weg wandern. Das ist der Ansatz für uns als Theater, dass wir da neue Hoffnungen geben, und dazu muss uns natürlich auch die Politik stärken. Auf der anderen Seite, ohne da etwas schönreden oder wegreden zu wollen: Ich halte es für nicht ungefährlich, die Stärke der AfD auf ein Ostproblem zu reduzieren. In Baden-Württemberg waren es bei den letzten Landtagswahlen 15 Prozent und in Hessen 13 Prozent. Die gehören zu den reichsten Bundesländern. Da haben dann zwei Millionen Menschen die AfD gewählt, das ist mehr als Brandenburg Einwohner hat.

© picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Intendant der Neuen Bühne in Senftenberg Manuel Soubeyrand

Die Neue Bühne Senftenberg liegt ja mitten in der Lausitz, in einem abgebrochenen Braunkohlerevier. Das heißt, Sie sind von Arbeitslosigkeit und Strukturwandel vermutlich betroffen. Wie gehen Sie als Theater damit um? Welche Perspektiven zeigen Sie auf, um die Leute zu sensibilisieren?

Wir können ja nicht Lösungen geben, das ist gar nicht unsere Aufgabe. Was kannst du als Theater machen? Man kann natürlich so etwas wie Hoffnung geben. Man kann versuchen, Lebensfreude zu erzeugen. Wir erreichen zwei starke Gruppen: Die Menschen 50 plus – da sind es natürlich nicht die Arbeitslosengeld II-Empfänger, sondern schon die Leute, die sich eine Karte leisten können. Auf der anderen Seite machen wir aber ganz viel für Kinder und Jugendliche, die wir über die Kindergärten und über die Schulen erreichen. Da versuchen wir, die gesellschaftlich relevanten Themen aufzugreifen. Ein ganz wichtiger Punkt für uns als Theater ist im Grunde, der Region ein bisschen Mut zu machen auch in dem Sinne, dass es sich lohnt, hier zu bleiben. Denn das ist immer noch das größte Problem: Die jungen Leute haben immer noch dieses Bedürfnis wegzugehen, weil es zu wenig Hochschulen gibt oder zu wenig attraktive Arbeitsplätze.

Jetzt haben Sie auch schon gesagt: Die Politik muss Sie als Theater jetzt eigentlich stärken. Wird sie das tun? Es gibt ja von der AfD, die sehr stark geworden ist als vermutliche Oppositionspartei, immer wieder Begehrlichkeiten gegen Kulturinstitutionen, die sich für eine offene liberale Gesellschaft engagieren…

Das ist dann unser Kampf, den wir einfach führen müssen. Zum anderen erwarte ich natürlich, dass gerade wir als Theater durch dieses Ergebnis gestärkt werden, da wir eines dieser Instrumente sind, die in den nächsten fünf Jahren daran mitwirken können, dass diese Gesellschaft tolerant, liberal und aufgeschlossen bleibt.

Ich habe gehört, dass Sie ein Theaterstück gezeigt haben, in dem es um eine Umkehrung der Flüchtlingsverhältnisse ging. Können Sie darüber etwas erzählen?

"Stell dir vor, es ist Krieg …" heißt das Stück im verkürzten Titel. Der Ausgangspunkt ist ein Bürgerkrieg in Deutschland. Kinder aus wohlhabenden Familien, sogar das Kind eines Bundestagsabgeordneten ist dabei, müssen flüchten und werden in Ägypten aufgenommen. Und es war ganz simpel nur die Umkehrung aller Verhältnisse: Sie ecken an mit ihrer christlichen Religion, mit ihrer Sprache, dürfen nicht arbeiten und so weiter. Dieses Stück lief unglaublich gut, ich weiß nicht, wie oft wir es gespielt haben. Es war auch ein "Klassenzimmerstück". Das heißt, die Lehrer konnten es auch sehr kurzfristig buchen. Mit solchen Themen gehen wir natürlich in die Schulen bzw. holen sie zu uns. Themen, die sich auch mit Drogen beschäftigen, denn wir haben hier ein großes Drogenproblem mit Crystal Meth in Senftenberg. Mit solchen Dingen müssen wir uns auseinandersetzen. Aber am wichtigsten finde ich für diese Generation, das wir Hoffnung machen. Hoffnung darauf, dass es hier eine Zukunft gibt und dass man auch mal darüber nachdenken könnte, zu bleiben, wenn man erwachsen ist.

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