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© Falk von Traubenberg/Bayreuth Baroque
Bildrechte: Falk von Traubenberg/Bayreuth Baroque

Jetzt nicht nachgeben: Clan-Konflikt

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Mama trinkt sich die Bananen schön: "Karl der Kahle" in Bayreuth

Das neue Festival "Bayreuth Baroque" begann mit einer gut fünfstündigen Premiere: "Carlo il Calvo" wurde seit knapp 300 Jahren nicht mehr aufgeführt und erweist sich als unterhaltsame "Telenovela" - in diesem Fall über einen vielköpfigen Drogen-Clan.

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Von
  • Peter Jungblut

Also dieses Intrigenspiel reicht schon mal für eine Serienstaffel mit vierzig bis fünfzig Folgen, und weil solche Staffeln ja heutzutage gern am Stück geschaut werden, geht das auch völlig in Ordnung, dass dieser Bayreuther Opernabend gut fünf Stunden dauert, von 18 Uhr bis kurz vor Mitternacht. Mag sein, dass da mancher an seine Grenzen kommt, denn es ist halt nicht Wagner, sondern Barockmusik, und zwar eine eher spröde, die seit 300 Jahren nicht mehr aufgeführt wurde, aber Festivalchef und Regisseur Max Emanuel Cenčić gab sich wirklich alle Mühe, die sage und schreibe 35 Szenen in den Griff zu bekommen.

So eine Art Telenovela

War auch bitter nötig, denn, seien wir ehrlich, wer kennt schon "Karl den Kahlen", so der Titel dieser Oper des einst gefeierten Komponisten Nicola Antonio Porpora aus dem Jahr 1738? Die spielt eigentlich im Frühmittelalter, schließlich war Karl zwar nicht "kahl", wie sein Beiname nahelegt, aber dafür der Enkel von Karl dem Großen. Ist aber ganz unwichtig, denn eigentlich geht es um einen verfeindeten Familienclan, wie er auch heute noch gang und gäbe ist. Max Emanuel Cenčić: "Die Geschichte ist total verrückt, es ist so eine Art Telenovela, wo sich eine Familie um das Erbe streitet. Der Haupterbe ist ein kleines Kind, und der Halbbruder will ihn umbringen, und entführt ihn, und die Mutter flippt aus, und es gibt da ganz verrückte Sachen, die da ablaufen."

© Falk von Traubenberg/Bayreuth Baroque
Bildrechte: Falk von Traubenberg/Bayreuth Baroque

Vater und Sohn: Clan-Gemeinschaft

Und diese verrückten Sachen sind vor allem deshalb so unterhaltsam, weil Max Emanuel Cenčić nicht nur sieben Sänger auftreten lässt, sondern auch noch 18 Statisten, um auch wirklich einen ansehnlichen Familienclan präsentieren zu können, samt Hauspersonal. Großartig, wie die all die stummen Schauspieler ihre kleinen und kleinsten Rollen zum Mittelpunkt der Inszenierung machten.

Der Pate fällt tot vom Stuhl

Dieses Drama spielt sich auf irgendeiner Hacienda in den zwanziger Jahren ab, könnte eine Tabakplantage sein, soviel, wie hier geraucht wird - Zigaretten, Zigarillos, Zigarren. Aber Nikotin ist in diesem Kreis garantiert nicht die einzige Erwerbsquelle, es wird auch gelegentlich gekokst und geschluckt - offenbar macht diese Familie ihr Geld also im Drogengeschäft. Gleich am Anfang fällt der Pate beim Essen tot vom Stuhl, es stellt sich also die Frage, wer ihm nachfolgt. Und dann geht die Schießerei los - mit etwas Erpressung, Folter, miesen Tricks aller Art.

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Hacienda-Romantik

Der böse und machtgeile Lothar ist ein verklemmter Homosexueller, seine Frau trinkt sich die Bananenstauden schön, die Oma lässt sich hüstelnd durch die Kulisse schieben, die Teenager bringen heimlich die Palmen zum Wackeln, und jeder versucht jeden auszustechen. Am Ende wird Charleston getanzt, und es fällt wieder einer beim Essen tot um, das Spiel kann also in eine neue Runde gehen. Bühnenbildnerin Giorgina Germanou hatte es natürlich schwer, denn die eigentlich faszinierende Ausstattung ist ja das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth selbst, dieses Weltkulturerbe aus der Barockzeit, wo sich jeder Besucher fühlen kann wie Markgräfin Wilhelmine.

Viel Gewimmel und Grünzeug

Aber auch die Hacienda auf der Bühne macht was her, samt schickem, blauen Cabrio aus den Zwanzigern und viel üppigem Grünzeug. Wie es in einem Familienclan nun mal ist, herrscht selten Ruhe, es passiert ständig was, es ist viel Gewimmel, was manchen Freund der Barockmusik womöglich ablenkt, ja sogar verärgert. Regisseur Cenčić neigt dazu, jeden besungenen Affekt, also Liebe, Hass, Eifersucht, Trauer ausführlich zu bebildern, was nicht immer plausibel gelingt. Gleichwohl und trotz der Überlänge ein überzeugender Auftakt dieses neuen Festivals "Bayreuth Baroque".

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Karl der Kahle beim Charleston

Stimmlich überzeugten vor allem Franco Fagioli als Liebhaber Adalgiso und seine Partnerin Julia Lezhneva als Gildippe. Ihnen ist auch das einzige Duett gegönnt, ansonsten hält sich Komponist Porpora streng ans Prinzip der Opera Seria, also einer Folge von Arie und Rezitativ. Das kann ermüden, der Chor hat nur am Schluss einen Kurzauftritt. Max Emanuel Cenčić selbst ist als Festivalleiter, Regisseur und Sänger wohl konditionell ans Limit gegangen, so richtig frei und ungestüm wie gewohnt klang er jedenfalls nicht.

Man muss verzeihen können

Der griechische Dirigent George Petrou ließ sich regelrecht verzücken von der Partitur, die er stets mit weiten und sanften Bewegungen interpretierte: Da hätte mehr Abwechslung gut getan, mehr Tempoverschiebungen, mehr Kontraste. Etwas zu viel breiter Barock also - aber wie das so ist in einem richtigen Clan: Er gedeiht nur, wenn die Mitglieder nicht ständig aneinander herummäkeln, sondern verzeihen können.

"Carlo il Calvo", wieder am 5. und 8. September 2020 im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth, am 8. September auch live ab 18.00 Uhr auf BR Klassik.

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Auf die berühmten Wagner-Festspiele mussten Opern-Fans in diesem Jahr wegen Corona verzichten. Doch jetzt gibt es wieder Klassik in Bayreuth. Das Festival Bayreuth Baroque hat gestern seinen Auftakt gefeiert.

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